Die Reise eines Buches

Besitzhistorie einer Ausgabe der Festschrift für Hellmuth Weiß

Die Provenienzforschung gilt derzeit als eine der drängenden Aufgaben wissenschaftlicher Infrastruktureinrichtungen in der Bundesrepublik. Insbesondere Sammlungsbestände von Museen, Bibliotheken und Archiven mit vor 1945 entstandenen Materialien sind aufgefordert, ihre Bestände auf Raub- und Beutegut aus der Zeit des Nationalsozialismus zu überprüfen und gegebenenfalls Restitutionen durchzuführen. Im Kern dreht sich die Frage darum, ob ein bestimmtes Buch, Objekt oder eine Archivale den Vor-, Vorvor- oder Vorvorvorbesitzerinnen und -besitzern unrechtmäßig entwendet wurde. Im Herder-Institut ist gerade ein solches auf drei Jahre angelegtes Projekt in der Forschungsbibliothek zu Ende gegangen.

Aber auch jenseits der gesellschaftlich relevanten und auf dramatische Ereignisse zurückgehenden Raub- und Beutegutforschung kann Provenienzforschung interessante und manchmal auch kuriose Geschichten über Zufälligkeiten erzählen. Ein solches Beispiel ist hier vorgestellt, der Autor dieses Blog-Beitrags ist Teil der Geschichte. Es handelt sich um eine Ausgabe des Sammelbandes „Reval und die baltischen Länder“, der Festschrift für Hellmuth Weiß, dem dritten Direktor des Herder-Instituts (1959-1965). Das Buch wurde im Herder-Institut vom hauseigenen Verlag im Zusammenhang mit der Baltischen Historischen Kommission herausgegeben. Dem mir vorliegenden Exemplar können bis heute fünf Eigentümer in drei deutschen Städten eindeutig nachgewiesen werden. Es ging zusätzlich durch mindestens zweier Menschen Hände mehr und überstand zwei komplette Bibliotheksauflösungen sowie eine Bestandsreduzierung. Die Fäden laufen schließlich im Herder-Institut in Marburg zusammen.

2008 fand ich das Buch in meinem Postfach im Historischen Seminar der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, wo ich seit Kurzem Wissenschaftlicher Mitarbeiter war und an meiner Dissertation zu frühneuzeitlicher Chronistik des Baltikums arbeitete. In dem Buch steckte ein Zettel einer Kollegin, die im Auftrag Ihres damaligen Dienstvorgesetzten dessen private Forschungsbibliothek auflöste. Hain Rebas war als in Göteborg (Schweden) aufgewachsener Exileste von 1980 bis 2008 Professor für Nordische Geschichte in Kiel, wenn man von einer kurzen Amtszeit als estnischer Verteidigungsminister von Oktober 1992 bis August 1993 im Kabinett von Mart Laar einmal absieht. Auf dem Zettel, der sich noch immer in dem Buch befindet, steht die kurze Nachricht „Vielleicht für Dich von Interesse? Sonst weg damit…“. Stadtgeschichte allgemein und Reval insbesondere interessierte mich damals zwar (noch) nicht besonders, aber das Bücherregal in meinem Dienstzimmer sah noch etwas trostlos und leer aus, also habe ich das Buch eingestellt, bald aber aus dem Blick verloren.

Das änderte sich wieder, als ich zum März 2015 beruflich an dasselbe Marburger Herder-Institut wechselte, an dem der Gefeierte der Festschrift einst Direktor war. Als ich mein Kieler Büro ausräumen und meine mittlerweile angewachsenen Bücherbestände für den Umzug ausdünnen musste, öffnete ich zum ersten Mal das Buch und fand auf dem Vorsatz eine Widmung: „Herrn Dr. Erich Böckler als Zeichen des Dankes für die Verleihung der ‚mare balticum-Medaille‘ und die Einladung zum dritten Homburger Gespräch. Hellmuth Weiss. Marburg d. 21.10.1981“ (Abb. 1). Mein Exemplar hatte also früher dem Gefeierten des Bandes persönlich gehört. Und dieser war früher nicht nur Direktor meines neuen Arbeitgebers, sondern auch Preisträger einer Auszeichnung der kunsthistorisch und noch zu Zeiten des Kalten Krieges auf die Völkerverständigung ausgerichteten Böckler-Stiftung. Als Dank für die Auszeichnung hat er genau dieses Exemplar dann dem Gründer der Stiftung, Erich Böckler geschenkt.

Widmungsvermerk von Hellmuth Weiss an Erich Böckler
Widmung von Hellmuth Weiss an Erich Böckler 1981

Aus dessen Eigentum ist das Buch in das seiner Stiftung übergegangen, wie der im Buch enthaltene Besitzstempel der Bibliothek der Martin-Carl-Adolf-Böckler-Stiftung (heute Böckler-Mare-Balticum-Stiftung) mitsamt Signaturenangabe ausweist (Abb. 2). Da aber ein Aussonderungsvermerk der Bibliothek fehlte, musste ich noch herausfinden, wie das Buch aus der Stiftungsbibliothek in Bad Homburg vor der Höhe in das Eigentum des Kieler Professors Hain Rebas gekommen ist. Der Zufall wollte es, dass mein neuer Dienstvorgesetzter im Marburger Herder-Institut Dietmar Popp, Kunsthistoriker und Leiter der Abteilung Wissenschaftliche Sammlungen, gleichzeitig Vorsitzender des Vorstandes der Böckler-Mare-Balticum-Stiftung ist. Er konnte mir berichten, dass die Bibliothek spätestens 2004 aufgelöst und die Buchbestände verteilt wurden.

Die Stiftung veranstaltet regelmäßig interdisziplinäre Fachtagungen zur (Kunst-)Geschichte des Baltikums. Über diese Tagungen und ihre fachliche Ausrichtung generell ist sie mit vielen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern eng verbunden. Zu ihnen gehört auch der Kieler Kunsthistoriker Uwe Albrecht, der langjähriges Vorstandsmitglied der Stiftung ist. Bei der Bibliotheksauflösung der Stiftung erhielt nun auch er einige Bestände an seine berufliche Wirkungsstätte nach Kiel, wo er diese nicht nur selbst behielt, sondern auch an die Bibliotheken und im interessierten Kollegenkreis weiterverteilte. In diesem Zusammenhang ging das hier beschriebene Exemplar der Festschrift in das Eigentum von Hain Rebas über.

Bibliotheksstempel der Martin-Carl-Adolf-Böckler-Stiftung
Bibliotheksstempel der Martin-Carl-Adolf-Böckler-Stiftung

Das Exemplar der vom Verlag des Herder-Instituts verlegten Festschrift begann seinen Weg in Marburg und gelangte über wissenschaftliche Kontakte zunächst nach Bad Homburg vor der Höhe, dann über wissenschaftliche Kontakte an die Kieler Universität, durch Zufall schließlich in die Hände eines Historikers, der von Kiel nach Marburg wechselte und das Buch zurück an den Ort seiner Entstehung brachte.

Für ein Buch, das bisher nur Friedenszeiten erlebte, hat es eine bewegte Geschichte.


Eigentumshistorie des Buches auf einen Blick:

Hellmuth Weiss Marburg
Erich Böckler Bad Homburg vor der Höhe
Martin-Carl-Adolf-Böckler-Stiftung Bad Homburg vor der Höhe
Hain Rebas Kiel
Dennis Hormuth 1) Kiel 2) Marburg

Dr. Dennis Hormuth

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