In die Karten geschaut

Antwortkärtchen als eine Quelle der Wissenschafts- und Sozialgeschichte

Wer ein Treffen von mehreren Personen organisieren will, die sich nicht am gleichen Ort befinden, dem stehen hierfür verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung: Einzelgespräche, Telefonkonferenzen, Rundschreiben analog oder per Email und eine technische Abfrage per doodle oder vergleichbaren EDV-Angeboten. Die letzte Variante ist vergleichsweise jung und stand im 20. Jahrhundert noch nicht zur Verfügung. Im Folgenden wird eine Quellengattung für die historische Wissenschaftsforschung vorgestellt, die in diesem Zusammenhang entstanden ist: Antwortkärtchen, mit denen eine Teilnahme an einer Veranstaltung zu- oder abgesagt wird. Beispielhaft werden hier die Antwortkärtchen der Jahre 1980 und 1981 aus dem in der Dokumentesammlung des Herder-Instituts aufbewahrten Archivbestand der Böckler-Mare-Balticum-Stiftung herangezogen.

Entstehungszusammenhang der Antwortkärtchen

Die Stiftung wurde 1977 durch Erich Böckler unter dem Namen Martin-Carl-Adolf-Böckler-Stiftung mit dem Ziel gegründet, die baltische Kunstgeschichte zu fördern. Seit 1979 veranstaltet die Stiftung zunächst jährlich, später im zweijährigen Turnus, eine wissenschaftliche Tagung, die “Homburger Gespräche“. An den Vortrags- und Ausspracheteil der “Homburger Gespräche” ist stets auch eine Festveranstaltung angegliedert. Die Einladungen wurden per Rundschreiben versendet, wobei der eingeladene Personenkreis für die Festveranstaltung größer war als für das rein wissenschaftliche Programm. Hier wurden insbesondere Journalistinnen und Journalisten sowie Vertreterinnen und Vertreter wissenschaftlicher Einrichtungen oder aus dem Bad Homburger Umfeld und aus der Politik hinzugeladen. Es ging also augenscheinlich um die Präsentation der Stiftungstätigkeit in die Öffentlichkeit.

Die Antwortkärtchen waren vorgedruckt und erforderten (eigentlich) lediglich ein Kreuzchen, Datumsangabe und Unterschrift. Dementsprechend war auch die Antwortmoral auf die Einladungen hoch. Dies zeigen die recht hohe Anzahl von eingegangenen Absagen sowie vereinzelt mögliche Abgleiche mit den ausgegangenen Einladungsschreiben, die als Maschinendurchschlag in den Akten einliegen. Offenbar war der Adressatenkreis gut gewählt, so dass man der Stiftung zumindest so viel Interesse entgegenbrachte, dass ein Mindestmaß an Gutwillen für den weiteren sozialen Kontakt auch den Aufwand für eine Absage als gerechtfertigt erschienen ließ. Nur wenige der Kärtchen sind mit aufgedruckten Briefmarken vorfrankiert, so dass davon auszugehen ist, dass das Porto in der Regel von den Antwortenden getragen wurde.

Aussagekraft der Quellengruppe

Gerade die Absagen machen die Kärtchen wertvoll als Quelle für die Wissenschaftsgeschichte. Üblicherweise sind von Konferenzen lediglich die Teilnehmenden in Anwesenheitslisten für die Abrechnung bei Geldgebern nachzuweisen, gelegentlich sogar nur die Vortragenden aus den Tagungsprogrammen zu erschließen. Hier ergibt sich nun aber die Möglichkeit, den von den Veranstaltenden intendierten Teilnehmerkreis zu erfassen. Dies erlaubt Aussagen über die angestrebte Ausstrahlung der Veranstaltung und im Falle der Festveranstaltungen die angesprochenen Öffentlichkeiten.

Antwortkärtchen zum 2. Homburger Gespräch, Empfang
Antwortkärtchen zum 2. Homburger Gespräch, 1980, Empfang, Signatur: DSHI_120BMB_1_f23

Sozial- und mentalitätsgeschichtlich werden die Antwortkärtchen interessant durch den kreativen Umgang des Menschen mit Formvordrucken – auf vielen der Antwortkärtchen befinden sich handschriftliche Ergänzungen. Viele der Antwortenden empfanden eine einfache Absage durch Ankreuzen der Option „nehme ich nicht teil.“ als zu technisch formuliert. So ist die häufigste Ergänzung das Wort „leider“, was ein Mindestmaß an Höflichkeit in den zwischenmenschlichen Beziehungen zum Ausdruck bringen sollte, auch wenn es sich um einen rein beruflichen Kontakt zwischen Menschen handelte, die nur in ihrer Funktion als Vertreterinnen und Vertreter einer Stiftung auf der einen und einer Institution oder einem Presseverlag auf der anderen Seite beteiligt waren. Andere Absagen sind ausführlicher und nennen zusätzlich noch einen Absagegrund.

Die Zielrichtung liegt ebenfalls im zwischenmenschlichen Bereich. Man wollte Verständnis wecken. Als intersubjektiv nachvollziehbare Gründe wurden von den Absagenden insbesondere, Krankheit, Urlaub und Trauerfall angesehen. Als besonders nachvollziehbar scheint dabei der Grund „Reise ins Baltikum“ gewesen zu sein, da hier über den eigentlichen Grund „Abwesenheit durch Reise“ durch die Nennung des Reisezieles noch ein Mehr an persönlichen Informationen preisgegeben wird. Zum einen waren Reisen hinter den Eisernen Vorhang Anfang der 1980er Jahre noch eine Besonderheit und zum anderen war das Baltikum die die Stiftung interessierende Region.

Dass einige der Eingeladenen baten, ihre Ehefrau mitbringen zu dürfen, zeigt, dass die Veranstaltungen von einigen nicht nur als reiner Geschäftstermin wahrgenommen wurden, sondern zudem noch einen sozialen Aspekt beinhalteten. Ein Anderer sagte seine Teilnahme ab, weil er befürchtete auf einen Menschen zu treffen, mit dem er offenkundige Antipathie verbindet, er ergänzte maschinenschriftlich, eine Teilnahme „sei ausgeschlossen da eine Konfrontation mit Dr. […] zu befürchten ist“ .

Antwortkärtchen zum 2. Homburger Gespräch, Pressekonferenz
Antwortkärtchen zum 2. Homburger Gespräch, 1980, Pressekonferenz, Signatur: DSHI_120BMB_1_f176

Die wenigen genannten Beispiele mögen verdeutlichen, dass den Antwortkärtchen weit mehr Analysepotential innewohnt, als man von einem einfachen Formularvordruck erwartet, der an die Ausfüllende oder den Ausfüllenden eigentlich nur die Anforderung stellt, ein Kreuzchen zur Auswahl aus zwei Alternativen zu setzen.

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