László Rajk Jr., 1949-2019

Ende November 2011 kontaktierte ich László Rajk Jr. mit der Bitte um ein Interview für mein Dissertationsprojekt über ungarische Dissidenten und ihre Kontakte im Westen. Er antwortete umgehend und bot einen Termin Ende Januar an. Das Gespräch sollte am 26. Januar 2012 stattfinden. Während der Vorbereitungen hielt ich inne: Das war sein Geburtstag.

László Rajk Jr. verstarb nach kurzer, schwerer Krankheit am 11. September 2019 in Budapest. Sein langjähriger Freund István Rév, Direktor des Open Society Archives, ein Kooperationspartner des Herder-Instituts, nannte ihn „einen der wenigen mutigen und ehrbaren Menschen des Landes.“[1] Rajks Biographie spiegelt die Geschichte Ungarns wie kaum eine andere. Sein Vater, ebenfalls László Rajk, war 1948 und 1949 erst Innen-, dann Außenminister und in diesen Rollen maßgeblich an der Machtübernahme der Kommunisten beteiligt. Er sollte ihn nie kennenlernen: Ende Mai 1949 wurde der Vater festgenommen und in einem der stalinistischen Schauprozesse zum Tode verurteilt. János Kádár, der das Land von Ende 1956 bis 1988 de facto regieren sollte, war paradoxer Weise sein Patenonkel, hat aber auch dem Vater das zweifelhafte Geständnis des Landesverrats abgerungen. Er verbrachte zwei Jahre in einem Heim, wohnte dann bei einer Tante, bis seine Mutter 1954 entlassen wurde.

László Rajks Vater war 1949 im Gefängnis der AVÓ inhaftiert — heute das Museum
“Haus des Terrors” auf dem Andrássy Boulevard

Die Weltöffentlichkeit lernte László Rajk Jr. am 6. Oktober 1956 an der Hand seiner Mutter mit Baskenmütze auf dem Kopf kennen, als sein Vater symbolträchtig vor dem Hintergrund des Mausoleums von Lájos Kossuth wiederbeerdigt wurde. Es war der Vorlauf zur ungarischen Revolution von 1956, die am 23. Oktober ausbrach. Am 4. November flohen er und seine Mutter Júlia in die jugoslawische Botschaft. Wie die anderen Mitglieder der Imre Nagy Regierung wurden sie unter falschen Versprechungen herausgelockt und nach Rumänien verschleppt. Die Männer wurden am 16. Juni 1958 in Budapest hingerichtet, die Familien blieben zurück. Júlia, die die Partei für unschuldig befunden hatte, schickte ihr Kind László wieder zur Familie nach Budapest, sie selbst folgte im Oktober 1958.

Rajks Werdegang

In den folgenden Jahren wurde die Mutter zur Philanthropin und Aktivistin, die dem Regime stets ein Dorn im Auge war. Ihre Vergangenheit machte sie in gewisser Weise unantastbar. Sie sorgte dafür, dass László studieren und reisen konnte, auch in den Westen, v.a. nach Frankreich und Québec. In den 1970ern nahm er an den berüchtigten Wohnungsseminaren der non-konformen Kritiker des Kádár-Regimes teil. 1981 gründete er den unabhängigen Samizdatverlag AB und eröffnete die „Rajk boutique“ in seiner Wohnung, wo man zensierte und verbotene Literatur kaufen konnte. 1982 machten die Behörden und Polizei dem dissidentischen Treiben ein Ende und Rajk musste umziehen.

Das Denkmal in Paris ist den ermordeten Imre Nagy, Géza Losonczy, Pál Maléter, József  Szilágyi und Miklós Gimes gewidmet, denen “ein Grab in der Heimat” verwehrt war.
László Rajk Jr. gestaltete das Denkmal auf dem Friedhof Père Lachaise in Paris

Für den dreißigsten Jahrestag der Hinrichtung von Imre Nagy und seinen Mitstreitern gestaltete Rajk – von Beruf Architekt aber vom Regime kaltgestellt – ein Denkmal für 1956 auf dem Friedhof Père Lachaise in Paris. Der damalige Oberbürgermeister Jacques Chirac hatte eine Parzelle zur Verfügung gestellt, ein internationales Komitee unter dem portugiesischen Premierminister Mario Soares sponserte das Denkmal, welches ein Schiffwrack darstellt, geschmückt mit der ungarischen Trikolore und der Revolutionsflagge mit dem typischen Loch in der Mitte. Dieses symbolische Grab sollte an die „Märtyrer“ von 1956, deren Namen eingraviert sind, erinnern, solange diese kein Grab in der Heimat hatten.

Berufliche Schlaglichter

Die Dissidenten hatten zu dem Zeitpunkt bereits herausgefunden, wo Imre Nagy und die anderen Revolutionäre verscharrt worden waren. Im Frühjahr 1989 wurden die Leichen exhumiert. László Rajk gestaltete die Treppen des Kunstmuseums auf dem Heldenplatz, wo die Zeremonie zur Wiederbeerdigung am 16. Juni 1989, dem Jahrestag der Hinrichtung, stattfinden sollte. Kurz darauf fanden die Gespräche am Runden Tisch statt, am 23. Oktober 1989 wurde die Republik ausgerufen und im Frühjahr 1990 fanden die ersten freien, demokratischen Wahlen statt.

Lászlo Rajks Modell des Katafalks für der Beerdigungsfeier auf dem Heldenplatz
am 16. Juni 1989 im Budapester Geschichtsmuseum

László Rajk Jr., Mitbegründer der liberalen SZDSZ, saß bis 1996 im Parlament. In unserem Interview 2012 bezeichnete er sich selbst als einen „erfolglosen Politiker.“ Als Künstler, Architekt und Setdesigner jedoch fand er in Ungarn keine seinesgleichen. Eng verbunden war er mit Wolfgang Eichwede. Die Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen bewahrt zahlreiche Samizdatwerke Rajks auf. Im Open Society Archive in Budapest waren seine Werke oft zu sehen: 2011 stellte er dort Portraits der Fünfundsechziger aus. Mit der erneuten Wahl Viktor Orbáns 2010 erwachte in Rajk wieder der Aktivist. Er protestierte gegen das Mediengesetz ebenso wie gegen das neue „Grundgesetz“, das 2012 in Kraft trat. Bemerkenswert ist seine Druckserie zu den „Fehlenden Artikeln“ als Antwort auf das Streichen der Staatsform „Republik“ aus der Verfassung.[2]

Rajk versuchte nie zu beeindrucken. Sein Auftreten und Erscheinen allein verschafften im Respekt.

Als ich am 26. Januar 2012 in seinem Studio eintraf, hatte er dieses gerade ungarischen und internationalen Kunststudierenden zur Verfügung gestellt, deren Institut über Weihnachten von FIDESZ geschlossen worden war. Er nahm sich Zeit, sich selbst aber nicht wichtig. An seiner Seite lag ein riesiger Hund. Er bewies Weitsicht, forderte immer wieder, „den Horizont zu erweitern“ und verglich Ungarn mit den Nachbarländern, Deutschland, sogar Griechenland. Nirgendswo gab es ein Zeichen, dass auf seinen Geburtstag verwiesen hätte. Er war eben ein ganz großer Ungar.

[1] István Rév, “Rajk László 1949-2019,” Magyar Narancs (12. September 2019). URL: https://magyarnarancs.hu/nekrolog/rajk-laszlo-122900?fbclid=IwAR0ofBoT2cDlsx8WoEpea9WDlzydLjZdv_wJVXvgn7AaMlwGGD4dMYhaMTM

[2] Abbildungen in “Quo Vadis, Hungaria? Kritik der ungarischen Vernunft?” Osteuropa 61, Nr. 12 (Dezember 2011).

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