Stadt im Museum

Vom 15.-16. Oktober 2018 fand am Herder-Institut im Rahmen des Leibniz Forschungsverbunds „Historische Authentizität“ ein Workshop zum Thema „Exhibiting Cities – City museums in the emerging cities of East Central and Northern Europe, 1880-1939” statt. Die Initiatorinnen des Treffens, Dr. Eszter Gantner und Dr. Heidi Hein-Kircher, hatten zwei Partnerinstitutionen zur Zusammenarbeit eingeladen: das Stadtmuseum/Stadtarchiv Graz (Österreich) und Universität Tampere (Finnland). Das Ziel des Workshops war es die bisher weniger erforschten Prozesse der Identitätskonstruktion mittel-, ost- und nordeuropäischer Städter sowie ihrer Darstellung in den entstehenden Stadtmuseen zu definieren und zu diskutieren. Hierbei galt der Ansatz die Stadtmuseen als eine Repräsentationsform der Kultur, der Geschichte und des Erbes, die das kulturelle Kapital einer Stadt bilden, zu sehen.

Der Workshop beschäftigte sich mit Fragen wie zum Beispiel: Wie und für welche Zwecke nutzten Städte die Stadtmuseen für ihre Image- und Identitätsschaffung? Welche Geschichten wurden von den Stadtmuseen vermittelt und wie wurden sie “authentifiziert”? Welche Art von Strategien und Praktiken der Imagegestaltung wurden in den Museen angewendet? Wer waren die Hauptakteure in diesem Prozess? Welche Rolle spielten die Stadtmuseen bei der Modernisierung und Städteentwicklung?

Keynote

Die in die Problematik einführende Keynote hielt Rosemary Wakeman, Professorin und Direktorin des Urban Studies Programms an der Fordham Universität, New York. Die Autorin solcher Publikationen wie Modernizing the Provincial City. Toulouse, 1945–1975 (Harvard University Press) oder The Heroic City. Paris, 1945-1958 (The University of Chicago Press) machte die Geschichte des Dommuseums in Riga zum Grundmotiv ihres Vortrags. Das Museum ging  aus einer Privatsammlung des Arztes Nikolaus von Himsel (1729-64) in Folge einer Entwicklung hervor, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts mit steigendem Interesse an „vaterländischer Vergangenheit“ einsetzte. Wakemann berührte dabei viele wichtige Aspekte, von Einbindung der Geschichte eines Museums in vielerlei Kontexte: politische (bzw. nationale) und kulturelle, lokale und überregionale bis allgemeine Fragen, was eigentlich ein Museum sei, welche Rollen und Aufgaben es habe.

Osteuropa Konferenz Museum Stadt
Jan Szkudliński (Museum der Stadt Gdynia, Polen)

Viele Aspekte, die sie ansprach, beispielsweise die Perspektive, die ein Museum als ein Element in einem Prozess betrachtet, der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verbindet, oder Museum als ein Symbol, als eine materielle Expression oder als ein Bestandteil der nationalen Identitätsbildung, wurden auch in weiteren Referaten sowie in der anschließenden Diskussion aufgegriffen.

Inventing the Capital

Weitere Beiträge wurden in drei Panels vorgestellt. Im ersten Panel mit dem mehrdeutigen Titel „Inventing the Capital“ wurden die im Titel gemeinten Metropolen thematisiert. Der Titel kann sich  zudem auch auf die Suche nach dem Kapital beziehen, mit dem Museen konzipiert und aufgebaut werden. Dabei spielen hier unterschiedliche, aus der komplexen historischen Dynamik der Region hergeleitete Faktoren eine Rolle, von politischen und nationalen Ansprüchen ausgehend, über Ambitionen lokalen Bürgertums bis zu Persönlichkeiten, die als spirutus movens bei diesen Prozessen wirkten.

Der letzte Fall wurde im Referat von Jan Szkudlinski aus dem Museum der Stadt Gdynia (Polen)behandelt. So verdankte das 1933 initiierte Museum in der wichtigsten Hafenstadt Polens, die gerade in den 1930en Jahren zu einer Großstadt avancierte, seinen ethnographischen Charakter den Vorstellungen der Ethnografin Dr. Janina Krajewska.

Osteuropa Konferenz Stadt Museum
Rosemary Wakeman (Fordham Universität, USA) und Teilnehmerinnen der Konferenz im Vortragssaal des Herder-Instituts

Die Geschichte des Hauptstädtischen Museums in Budapest (heute Historisches Museum), referiert von Eszter Gantner (Herder-Institut), zeigt wiederum das Beispiel eines Scheiterns großgedachter und ambitionierter Absichten und Vorstellungen der Budapester Bourgeoise, die sich schließlich mit einer historisch fokussierten, 1907 eröffneten Einrichtung zufrieden geben musste.

Das Spannungsfeld zwischen nationalen und lokalen Interessen am Beispiel von Lemberg (pol. Lwów) zeigte Heidi Hein-Kircher (Herder-Institut) auf. Sie fokussierte dabei zugleich verschiedene Kontexte (der Autonomie, der Multikulturalität, der Multikonfessionalität), die auch kontroverse Fragen nach der Rechtfertigung von nationalen Strategien berücksichtigen.

Etwas vom Thema abkommend, wenn auch vor dem Hintergrund der nationalen Problematik, schilderte Aleksander Łupienko von der Polnischen Akademie der Wissenschaften eine „Werbe-Kampagne“ mit Bildmaterial zu Warschau in der polnischen Presse am Anfang des 20. Jahrhunderts sowie die allgemeine damalige Tätigkeit einiger polnischer Institutionen und Gesellschaften, die sich für den Schutz von Denkmälern und polnischen Kulturerbes einsetzten.

Osteuropa Konferenz
Tanja Vahtikari (University of Tampere, Finland)
Objects and Images

Auch im zweiten Panel „Objects and Images“ wurden zwei Referate vorgestellt, die sich am Rande der Problematik situierten.

Susanna Siro (Turku, Finnland) zeigte zwei Stadtmodelle von finnischen Städten. Rovaniemi (im Regional Museum of Lapland Rovaniemi) und Viipuri (im Karelia Museum Lappeenrata) wurden beide 1939 erstellt. Siro diskutierte diese als Artefakte und Repräsentationsformen der Gegenwart.

Zur Diskussion was eigentlich ein Museum sei, hat Tanja Vahtikari (Universität Tampere) mit ihrem Vortrag zu historischen Festzügen, die in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts in Europa, darunter in Finnland, populär waren, beigetragen. Sie behauptete, dass solche Festzüge in Städten wie Helsinki, in denen ein Museum keine prominente Bedeutung hatte, eine Möglichkeit der Demonstration städtischer Macht waren und darüber hinaus eine Neuinterpretation der historischen Narration bezüglich der Stadtgeschichte sowie allgemein Bildung durch Unterhaltung boten.

Von Finnland nach Ungarn – über die Rolle von Museen in den Städten der österreichisch-ungarischen Monarchie sprach Veronika Szakál (Universität Szeged). Im Spiegel der Geschichte wurden dem Publikum die Einrichtungen in Csaba und Gyula näher gebracht.

Sarah Ellen Zarrow (Western Washington University) zog den Themenkreis wieder zurück nach Lemberg. Am Beispiel von Lemberg beschäftigte sie sich mit der Idee ein Jüdisches Museum als Stadtmuseum zu verankern und weiterhin mit der Frage nach einer Strategie für die Demonstration nationaler und kultureller Zugehörigkeit der jüdischen Minderheit im Kontext von Assimilationsprozessen.

Osteuropa Konferenz
Peter Oliver Loew (DPI)
National Projects

Das letzte Panel „National Projects“ stellte wiederum drei case studies vor, die an drei Ecken der Region verortet waren.

Das 1920 eröffnete Museum in Charkiw (Ukraine) galt in der Vorstellung von Viktoriia Svyrydenko (Universität Charkiw) sowohl als ein Triumph der Aufklärungsbemühungen der ukrainischen Wiedergeburt aber zugleich auch als ein Versuch der neu errichteten politischen Macht, mit der lokalen Bevölkerung zu flirten.

Die politischen Umstände wurden zu sehr wichtigen Faktoren auch in dem 1927 gegründeten Landesmuseum der Freien Stadt Danzig. Adrian Mitter (Herder-Institut) und Peter Oliver Loew (Deutsches Polen Institut, Darmstadt) erläuterten die Geschichte dieser Einrichtung sowie die Rolle seines Gründers Erich Keyser.

Ähnlich wie in Danzig kamen auch in Graz (Österreich) deutschnationale Bestrebungen (in beiden Fällen in Abgrenzung zum slawischen Element) zur Geltung, indem sie nicht nur die Entstehung des Museumsprägten, sondern auch im Stadtbild architektonischen Ausdruck fanden. Darüber referierte Wolfram Dornik zum Schluss des Workshops (Stadtmuseum/Stadtarchiv Graz).

Der sehr interessante Workshop entfaltete ein breites Spektrum an Themen an den Schnittstellen zu Fragestellungen aus vielen Disziplinen: Geschichte, Kunstgeschichte, Museologie und Ethnologie. In den intensiven Diskussionen wurden unterschiedliche Probleme und Fragen thematisiert. Nationale Politikentwicklungen und ihr Einfluss auf die Entstehung von Stadtmuseen sind nur ein Beispiel. Auch die jeweiligen lokalen Ambitionen, der Wettbewerb zwischen den Städten, Unterschiede zwischen großen und kleinen Städten sowie die Interaktion zwischen den verschiedenen Akteuren, die sich in musealen Ausstellungen widerspiegelt oder die Besonderheiten der Region (oder auch deren Mangel!) wurden diskutiert. Der letzte Aspekt wurde ebenfalls praktisch geprüft. Die Bestände in den Sammlungen des Herder-Instituts, die die Teilnehmenden kennenlernen konnten, boten dazu eine gute Grundlage.

 

Ksenia Stanicka-Brzezicka,
wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Herder Institute Research Academy

 

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