Konflikte und Konfliktlösungsmodelle in Industriestädten (1850-1939) im östlichen Europa

Ein Tagungsbericht von Filip Emanuel Schuffert, Osteuropäische Geschichte, Justus-Liebig-Universität Gießen

Im Rahmen der Exzellenzinitiative des Landes Hessen entstand 2017 am Gießener Zentrum Östliches Europa (GiZo) der Loewe-Schwerpunkt „Konfliktregionen im östlichen Europa“. Erste Ergebnisse der als Fallstudien zu entwickelnden Teilprojekte mündeten in diese Tagung. Mit nationalen und internationalen Gästen wurde drei anfangs formulierten Leitfragen nachgegangenen: Inwieweit sind Industriestädte „neue Städte“, in denen spezifische Integrationsbedingungen herrschten? Welche neuen Mythen entstanden (etwa „Schmelztiegel“, „gelobtes Land“) und: Wie wirkten diese auf die Integration ein? Wie verhielten sich die Städte zum Umland? Waren es in sich geschlossene Räume oder expandierende offene Zentren? Im östlichen Europa gab und gibt es ein bedeutendes Konfliktpotential – inwieweit kumulierte sich dieses in den neuen Industriestädten oder ermöglichten neue Stadtanlagen eine Einhegung der Konflikte, da alle Zuwanderer Neuankömmlinge waren?

Nach einer Begrüßung durch HEIDI HEIN-KIRCHER (Marburg) und MARKUS KRZOSKA (Gießen/Siegen) nahm der Stadthistoriker CLEMENS ZIMMERMANN (Saarbrücken) eine Typologisierung der neuzeitlichen Industriestadt vor, auf die bei den späteren Diskussionen häufig zurückgegriffen wurde. Ausgehend von westeuropäischen Städten definierte er verschiedene Typen von Industriestädten und schlug dabei den Bogen nach Osteuropa. In der anschließenden Diskussion lag der Fokus vor allem auf der Rolle der Frauen und Arbeiterbauern, von Religion und Konfession sowie dem Einfluss der Industriestädte auf die ganze umliegende Region.

Einführende Keynote

Auf die einführende Keynote folgte die erste Sektion, die von dem Soziologen ANDREAS LANGENOHL (Gießen) eingeführt wurde. Er wies dabei unter anderem darauf hin, dass lokale und translokale Prozesse zu unterscheiden und die Untersuchungsobjekte auch aus der postkolonialen Perspektive zu betrachten seien.

Anschließend versuchte MARKUS KRZOSKA (Gießen/Siegen) mit dem ersten Vortrag der Sektion auf der Grundlage einer Verbindung der Methoden Henri Lefebvres und der Akteur-Netzwerk-Theorie einen anderen Blick auf Städte zu werfen. So könne die Idee der Stadt als eines geschlossenen Raumes zugunsten der Vorstellung von ihr als einer Fülle immer wieder neu ablaufender Prozesse aufgegeben werden. Ziel seiner Ideen ist es, eine neue Herangehensweise an komplexe Probleme, die bisher nicht ausreichend beforscht wurden, zu ermöglichen. In Bezug auf die Tagung stellt sein Konzept einer „fließenden Stadt“ die Idee der Industriestadt in Frage.

Im zweiten Vortrag referierte ESZTER GANTNER (Marburg) zu den beiden Städten Salgótarján in Ungarn und Tampere in Finnland. Beide Städte seien aufgrund ähnlicher sozioökonomischer Entwicklungen vergleichbar, beide seien in großem Maße von einzelnen großindustriellen Betrieben geprägt gewesen. Dabei wurde die Bedeutung des Imports von Technologien und Maschinen sowie der Migration von Fachkräften in die aufstrebenden Städte hervorgehoben. Trotz der Multiethnizität und Multikonfessionalität der städtischen Bevölkerung war dies kaum Grund für Konflikte. Vielmehr waren es soziale Spannungen, die zu Aufständen und Streiks führten. Ein einender Faktor der Arbeiter war eine starke Loyalität gegenüber den Unternehmen.

Es folgte WIKTOR MARZEC (Sankt Petersburg), der die Veränderung von Streikbewegungen in Lodz zwischen 1861 und 1921 analysierte. Dabei untersuchte er die Besonderheiten der ethnischen und konfessionellen Zusammensetzung der durch Textilindustrie geprägten Stadt Lodz. Anhand mehrerer Beispiele zeigte er die Veränderung der Lodzer Streikbewegungen. Streiks entluden sich anfangs in Akten von Maschinenstürmerei und öffentlicher Anklage der neuen industriellen Herren, entwickelten sich dann aber zu sozialen Konflikten und geschlossenen Streikbewegungen mit humanitären Forderungen, zum Beispiel Verbesserung der Arbeitsbedingungen und nach Menschenrechten. Vielfach eskalierte sozialer Protest in Pogromen, zu diskutieren ist jeweils, inwieweit hier Ablenkungsstrategien griffen. Die Streiks verlagerten sich von den Werksgeländen auf die im städtischen Raum immer wichtiger werdenden Straßen.

Abschließend kommentierte BETTINA SEVERIN-BARBOUTIE (Gießen) die Vorträge der ersten Sektion und leitete durch Fragen die Diskussionsrunde ein. Dabei traf Krzoskas neue Definition von Städten auf die Definition von Zimmermann, wodurch in der Folge versucht wurde, beide Ansätze zu vergleichen und teilweise zu verbinden. Der Beitrag Gantners führte zur Frage, inwieweit Unternehmen die städtische Verwaltung präfigurierten oder ersetzten.  Zu Lodz stellte sich die Frage, inwieweit konfessionelle und religiöse Praktiken in den Streiks wiedergefunden wurden und welche Rolle die Frauen in den Streikbewegungen spielten.

Abendvortrag zu Chicago

Der Abendvortrag führte dann weg von Osteuropa und hin nach Chicago. DOROTHEE BRANTZ (Berlin) zeigte die Transformation des Menschen zum Produktionsmittel am Beispiel der Schlachthöfe von Chicago am Ende des 19. Jahrhunderts. Die Einführung des Fließbandes machte ausgebildete Metzger überflüssig, die von ungelernten zumeist eingewanderten (Bauern-)Arbeitern ersetzt werden konnten. Dies führte nicht nur zu ethnischen Konflikten, sondern auch zu einer Verschlechterung des Lebensstandards. Die Konflikte mündeten in Sabotageakte. Anschließend wurde das Leben der Arbeiter und die Ausbreitung des Wissens sowie der Produkte näher diskutiert; plausibel gemacht wurde die intensive Rezeption der Chicagoer Strukturen in Mittel- und Osteuropa durch Transfer und Remigration.

Am folgenden Tag wurde die zweite Sektion kurz von CHRISTIAN LOTZ (Marburg) eingeleitet. Den Anfang machte GRZEGORZ KRZYWIEC (Warschau), der sich ebenfalls mit Lodz befasste. Er untersuchte die Entstehung antisemitischer Streiks und Bewegungen in Lodz in den 1920er und 1930er Jahren. Unter dem Einfluss antisemitischer Publizisten und Politiker, die zum Beispiel „Mein Kampf“ oder Schriften des italienischen Faschismus rezipierten, wurde bei jungen Arbeitern gezielt gegen Juden gehetzt und die ethnisch-religiösen Spannungen in Lodz genutzt, um gewaltbereite antijüdische Kampfverbände und Gewaltgruppen aufzubauen.

Einen anderen Ansatz wählte MICHAŁ TURSKI (Gießen). Er wertete drei Romane der Autoren Władysław Reymont, Israel Joshua Singer und Bruno Raymond (eigentlich: Bruno Kenig) in Hinsicht auf ihre Darstellung der unterschiedlichen Lodzer Gruppen aus und versuchte so Konflikte und den Umgang mit diesen zwischen den verschiedenen Ethnien und Religionen zu untersuchen.

Anschließend wurden die beiden Beiträge diskutiert. Dabei erklärte Krzywiec die Besonderheiten des Lodzer Antisemitismus und warum gerade Juden in der Zeit eines neu entstandenen Polens in gewissen politischen Kreisen Ziel von Angriffen wurden.

Nach einer Pause, die die Möglichkeit zu einer Führung durch die Archivbestände des Herder-Instituts bot, setzte VERA VOLKMANN (Marburg) die Reihe der Vorträge fort. Am Beispiel der Stadt Daugavpils (Dünaburg, Dvinsk) zeigte sie, dass der Eisenbahnknotenpunkt, ähnlich den Beispielen Gantners, durch den Zuzug von Fachkräften aus unterschiedlichen Ländern ein enormes Wachstum erfuhr. Die verschiedenen Ethnien lebten und arbeiteten weitgehend räumlich getrennt, die Organisation erfolgte entlang religiös-sprachlicher Linien.  Volkmann zeigte, wie die Verwaltung gezielt versuchte, soziale Konflikte in jüdisch-christliche umzuwandeln.

Einen ähnlichen Ansatz wie Turski verfolgte auch MARK BERMAN (Gießen). Im Gegensatz zu Turski befasste er sich aber nicht mit Lodzern, sondern mit dem belarussischen Schriftsteller Zmitrok Biadulia. Dessen antipolnische und -klerikale Dystopie einer neuen Industriestadt zeigte einerseits den Gegensatz zwischen Stadt und Land, gleichzeitig aber auch die Ungleichheit zwischen der polnischen Szlachta und den weißrussischen Bauern. Dabei diente das Bild des polnischen Pan auch als Metapher für die Sowjets oder andere Mächte mit fremder Sprache und Kultur.

Die zweite Sektion wurde danach von HANS-JÜRGEN BÖMELBURG (Gießen) kommentiert, der Diskussionsanstöße lieferte. So hob Bömelburg die Unterschiede zwischen Lodz und Daugavpils hervor. Daugavpils sei keine reine Industrie-, sondern auch eine Festungsstadt gewesen. Eisenbahnpersonal und Militär hätten spezifisch staatsnahe Ordnungsvorstellungen vertreten, die eine christlich-jüdische Polarisierung und die Entstehung des jüdischen Arbeiterbundes begünstigten. Außerdem verglich er die Beiträge Bermans und Turskis und hob die besondere Bedeutung literarischer Texte für die Stadtgeschichte hervor, insbesondere wegen modellhaften und stark rezipierten Bildern städtischer Konflikte sowie des Spiels mit nationalen Stereotypen entstanden Mustertexte.

Die folgende Diskussion begann mit der Frage der Multireligiosität und -ethnizität in den Städten und dem daraus resultierenden Konfliktpotential, sowie den Versuchen Konflikten vorzubeugen oder bewusst für eigene Zwecke zu instrumentalisieren. Weiter stellte sich die Frage nach Kontinuitäten und dem Zusammenhalt der verschiedenen Gruppen in den schnell wachsenden und sich rasch verändernden Städten.

Resümee der Tagung

Abschließend resümierte HEIDI HEIN-KIRCHER (Marburg) die Ergebnisse der Tagung. So hielt sie fest, dass Veränderungen zu neuen Konflikten führten, die jedoch auch ein wichtiger Teil der Entwicklung der städtischen Gesellschaft waren und die Stadt homogenisierten, aber auch in neue Konflikte mündeten. Insbesondere die konfessionell und ethnisch gemischten Regionen im östlichen Europa seien ein besonders Umfeld für die Ausformung von Konflikten und Konfliktlösungsmodellen in den boomenden Industriestädten gewesen, nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Vorstellung eines Neuanfangs in den Industriestädten der dorthin Migrierenden. Daher hätten soziale Konflikte innerhalb der Industriestadtbewohner der ersten und zweiten Generation häufig ein stärkeres Gewicht als religiöse, sprachliche und ethnische Konflikte gehabt. Zugleich aber sei festzustellen, dass gerade Anhänger moderner Nationalismen solche „entnationalisierten“ Stadtgesellschaften fürchteten. Hein-Kircher fragte daher auch vor dem Hintergrund der Vorträge, ob hinsichtlich der Entwicklung von Industriestädten andere Zäsuren in Osteuropa als die gängigen politischen  von größerer Bedeutung wären, so dass bezüglich der Stadtgeschichte dort sie insgesamt neu zu diskutieren seien, z.B.  ob der Erste Weltkrieg oder vielmehr die Weltwirtschaftskrise als Katalysatoren tiefgreifender Veränderungen für die Stadtentwicklung verantwortlich waren oder ob zuvor einsetzende Prozesse nicht vielmehr beschleunigt worden seien. Letztlich ergaben sich weitere Fragen: Können wir Industriestadtbewohner als eine (homogene) und ethnisch nicht differenzierte Gruppe fassen? Ist nicht alles dass, was zunächst als Strategie der Vermeidung von Konflikten (z.B. soziale Einrichtungen) erscheint nicht eher eine Reaktion auf gruppeninterne Prozesse? In der folgenden Schlussdiskussion rückte Clemens Zimmermanns einführende Definition einer Industriestadt in den Fokus. So wurde versucht, die Ergebnisse der Tagung mit den Ideen Zimmermanns zu einer neuen Definition einer osteuropäischen Industriestadt in Einklang zu bringen.

Zusammenfassend ist zu erwähnen, dass das offene und kollegiale Klima zwischen den Teilnehmer/innen bei der Tagung die Diskussionen auflockerte, sodass auch Ideen besprochen werden konnten, die die Forschungen zu Konflikten in Industriestädten neu anregen. Es ist geplant, das Konzept durch eine weitere Tagung zu kleineren Industriestädten im deutsch-polnisch-jüdischen Kontaktgebiet fortzuführen.

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