Gutshöfe und große Politik. Lebenswelt und Verflechtungen des baltischen Adels

Ein Tagungsbericht von Dennis Hormuth

Vom 12. bis zum 14. Oktober 2018 fand im Akademiezentrum Sankelmark in der Nähe des schleswig-holsteinischen Flensburg ein Seminar zur Geschichte des baltischen Adels statt. Die Veranstaltung wurde von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien gefördert. Ziel war es, Ergebnisse aktueller Forschungen und wissenschaftlich fundierte Aussagen zur adeligen Lebensweise und zu sozialen wie auch regionalen Verflechtungen dieser Menschengruppe in eine interessierte nicht-akademische Öffentlichkeit zu tragen. Die drei Organisatoren Dr. Christian Pletzing (Direktor der Academia Baltica, Oeversee), Dr. Martin Pabst (Kiel) und Dr. Dennis Hormuth (Herder-Institut, Marburg) konnten sich über ein reges Interesse freuen, so dass schließlich  48 Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Akademiezentrum begrüßt werden konnten.


Programm des Seminars über die Geschichte des baltischen Adels
Titelseite des Tagungsprogramms

Im Eröffnungsvortrag führte Dennis Hormuth (Marburg) ins Tagungsthema ein. Er beleuchtete die Entstehung der baltischen Adelsgruppe im Zuge von Christianisierung und Landnahme des 12. und 13. Jahrhunderts als Krieger- und Verwaltungsschicht, sprach über dessen ethnische Zusammensetzung, die weitere Ergänzung dieser Gruppe über Migrationen der folgenden Jahrhunderte und über die (inter-)nationalen Karrierewege sowie die staatstragende Funktion dieser Elite.

Soziale und regionale Verflechtungen des baltischen Adels

Den Abendvortrag gestaltete Martin Pabst (Kiel) mit einer Vorstellung der livländischen Adelsfamilie von Campenhausen, die beispielhaft für die Tätigkeitsfelder und Verflechtungen vieler ihrer Standesgenossen stehen kann. An Hand dreier Generationen zeichnete er die Einwanderung als Offiziere in schwedischen Diensten, die Sesshaftwerdung und die tiefe Einbindung sowohl in den russländischen Staatsdienst als auch in den ehrenamtlichen „Landesdienst“, der autonomen ritterschaftlichen Selbstverwaltung der Ostseeprovinzen, nach. Dabei zeigte sich in jeder Generation aufs neue, wie ihre Vertreter stets zugleich im Dienste des Landes und im Dienst des russländischen Gesamtreichs stehend, geprägt von herrenhutischer Frömmigkeit und in der Verwaltung der lutherischen Landeskirche tätig diese scheinbar widersprüchlichen Facetten in ihrer Identität zu vereinen wussten.

Das Dokument zeigt die Seite der Wappenverleihung des Adelsdiploms für die Familie Nothelffer
Adelsdiplom für die Familie Nothelffer, Seite mit Wappenverleihung; DSHI_110_Nothelffer/Rautenfeld_20

Über die vielen familiären Kontakte über Reichsgrenzen hinaus sprach Oliver Hegedüs (Gießen) am Beispiel der allgemein in Ostpreußen verorteten Dönhoffs. Dass die Familie aus Westfalen über Livland in den Ostseeraum gekommen war und neben dem ausgestorbenen livländischen auch einen (ebenfalls ausgestorbenen) polnischen Zweig hatte, war der Ausgangspunkt von Hegedüs‘ Beitrag. Er untersuchte, welche Abstammungsgeschichten die Familie selbst – und ihre unterschiedlichen Zweige – für sich vertrat. Insbesondere für den zum Katholizismus konvertierten polnischen Zweig waren livländisch-lutherische Vorfahren eher als problematisch anzusehen, bedienten vormoderne Abstammungsmythen und Genealogien doch das Bedürfnis, die eigene Familie als besonders würdig und im besten Licht darzustellen.

Im Anschluss sprach Martin Klöker (Osnabrück/Tallinn) über die vielfältigen Verflechtungen des baltischen Adels mit studierten Bildungsbürgern. Er nahm dabei zwei „Grenzgänger“ zwischen Adel und stadtbürgerlicher Gesellschaft in den Blick und eröffnete somit auch gleichzeitig den Blick auf sozialständische und lebensweltliche Sonderstellungen des Adels in der Gesamtgesellschaft in den Blick. Sowohl Caspar Meyer als auch Johann Gottfried Herder hatten aufgrund ihrer beruflichen Stellung enge Verbindungen zum Adel, gehörten aber selbst dem Bürgertum an.

Gutsherrschaft und Leibeigenschaft

In der Wahrnehmung des baltischen Adels – auch das Seminarthema spielte bewusst darauf an – stehen bis heute die Gutshöfe im Zentrum. Als Sitz der Familien, Quelle ihres Wohlstands und – für bestimmte Rittergüter – Landtagsstimme. Das Verhältnis der adeligen Gutsbesitzer zu ihren bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts leibeigenen Bauern ist im estnischen und lettischen Geschichtsbewusst­sein bis heute vor allem mit Schlagworten wie „700 Jahre Sklaverei“ belegt.

Gvido Straube (Riga) revidierte auf Basis der Quellen diese Vorstellung, die im Zuge des „nationalen Erwachens“ zwei Generationen nach Aufhebung der Leibeigenschaft geprägt wurde. Im verrufenen Verhältnis von Herr und Leibeigenen finden sich – wie Straube betont – in den Quellen kaum Belege für das Bild des gewaltbereiten, tyrannischen Herren. Vielmehr zeigen die Hakenrevisionen, dass Bauern i.d.R. nicht vor dem tyrannischen Gutsherrn, sondern vor Kriegshandlungen flohen und danach zumeist zurückkehrten. Das Läuflingswesen sei vor allem den Restriktionen bei Heiratswünschen mit Leibeigenen anderer Herren geschuldet gewesen. Auch die weitverbreitete Benennung der eigenen Kinder mit den Namen der adeligen Gutsherren spreche für ein mehrheitlich positives, paternalistisch geprägtes Verhältnis von Bauern und Baronen und gegen das Bild, welches die „Volkslieder“ aus der Mitte des 19. Jahrhunderts zeichneten.

Nach dem Verhältnis von Bauern und Gutsbesitzern vom Ende des Mittelalters bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts spannte Julian Windmöller (Lüneburg) am Beispiel des nordostlivländischen Gutshofs Allatzkiwi ein Panorama adeliger Lebenswelt um 1900 auf. Das Haus selbst spiegelt schon in seiner neogotischen Anlehnung an die Sommerresidenz der britischen Könige Schloss Balmoral das Selbstbewusstsein und die Weltgewandtheit des Erbauers Arved von Nolckens wieder. Mit vielen Fotografien und Textzeugnissen präsentierte Windmöller seinen Zuhörern über das Haus und seine Einrichtung hinaus die damalige Lebenswelt der Adelsfamilien auf ihren Sommersitzen. Mit Ausritten, Jagden und sogar Empfängen für die Teilnehmer von Wettfahrten des Baltischen Automobil- und Aero Clubs.

Eine Seite aus einem Rechnungsbuch des Gutes Korwenhof
Ein Rechnungsbuch für das Gut Korwenhof, DSHI_110_Nothelfer/Rautenfeld_43

Der von der Kunsthistorikerin Agnese Bergholde-Wolf (Marburg) gestaltete zweite Abendvortrag des Seminars hatte die baltischen Herrenhäuser im Blick. In einem reich bebilderten Vortrag führte sie die Baugeschichte der baltischen Gutshäuser anschaulich vor Augen. Sowohl in einer historischen Entwicklungslinie von Spätmittelalter bis zur späteren Neuzeit, als auch in Vergleichen von unterschiedlichen Modeströmungen derselben Zeitschicht wurde den Seminarteilnehmerinnen und -teilnehmern adelige Gutshausarchitektur eindrücklich erläutert.

Einen letzten Beitrag zum Thema Gutsherrschaft leistete Ron Hellfritzsch (Jena), indem er über Ansiedlungsversuche deutscher Kolonisten auf livländischen Gütern sprach . Am Beispiel des Manteuffelschen Guts Katzdangen zeigte er, wie die Ansiedlung deutscher Bauern und Landarbeiter aus anderen Gegenden des russischen Reichs vor dem Hintergrund der Revolutionsereignisse 1905  als vorgeblicher „Schutz“ vor den einheimischen, lettischen Arbeitern geplant wurde. Besonderer Protagonist der Ansiedlungsprojekte war Silvio Broedrich, der sowohl in der Ritterschaft als auch im Reich aktiv für die Schaffung „deutscher Dörfer“ in Kurland warb. Seit dem Kriegsausbruch 1914 gehörte er zu den Propagandisten für die Annexion Kurlands und später sämtlicher Ostseeprovinzen als „Neues Ostland“. Im Kontext des Weltkriegs traten nun (ehemalige) deutsche Soldaten als neue potentielle Siedlergruppe auf den Plan. Es sollte sich zeigen, dass die Vergabe von Bauernstellen, somit die Schaffung einer eigenen Existenz in der Werbung um Siedler deutlich erfolgversprechender war als das Motiv der „Rettung der Barone“.

Im Schlussbeitrag ergriff erneut Dennis Hormuth (Marburg) das Wort. Er referierte aus den Briefen des livländischen Landtagsabgeordneten Eduard von Oettingen an seine Frau Julie, in denen er einerseits das politische Leben in Riga ausführlich beschrieb, die andererseits aber auch einen guten gendergeschichtlichen Einblick in eine Paarbeziehung des baltischen Adels in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts geben. Auch mentalitätsgeschichtliche Wandlungen konnten dem Publikum vorgeführt werden.

In dem Seminar konnte den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der aktuelle Stand der Forschung zum Tagungsthema näher gebracht werden. Das rege Interesse an einer Teilnahme spiegelte sich bereits in der hohen Anzahl der Anmeldungen, für die sogar eine Warteliste geführt werden musste, in der sehr regen Diskussion der Beiträge und in vielen weiteren Gesprächen. Zudem konnte das Seminar durch eine Teilnehmerin genutzt werden, um erfolgreich Spendengelder für ein Hilfsprojekt zu sammeln, das sich der Unterstützung lettischer Straßenkinder annimmt.

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