Arthur-Kronthal-Preis 2018 an Katarzyna Zimmerer

Ein Beitrag von Isabel Röskau-Rydel und Christoph Schutte

Die Kommission für die Geschichte der Deutschen in Polen verleiht seit 2012 alle zwei Jahre den Arthur Kronthal-Preis für die beste Buchveröffentlichung aus ihrem Forschungsgebiet. Im Rahmen ihrer am Herder-Institut abgehaltenen Jahrestagung gab die Kommission am 12. Oktober 2018 die diesjährige Preisträgerin bekannt: Die Krakauer Historikerin und Publizistin Katarzyna Zimmerer erhält die mit 500 Euro dotierte Auszeichnung für ihr 2017 erschienenes Werk „Kronika zamordowanego świata. Żydzi w Krakowie w czasie okupacji niemieckiej” (Chronik einer ermordeten Welt. Juden in Krakau in der Zeit der deutschen Besatzung).

Die Jury, der die fünf Vorstandsmitglieder sowie ein weiteres Kommissionsmitglied angehörten, erstellte aus den insgesamt 28 vorgeschlagenen Werken eine Shortlist mit sechs Titeln. Nach intensiven Beratungen wurde der 675 Seiten umfassenden Chronik der Preis zuerkannt. Leider musste die Preisträgerin ihre Teilnahme an der Verleihung in Marburg kurzfristig absagen.

Deutsch-polnische Lebensgeschichte

Katarzyna Zimmerer hat sich durch einschlägige Publikationen, als Mitorganisatorin der Dauerausstellung „Kraków – Czas okupacji 1939-1945“ in der Oskar Schindler-Emailwarenfabrik, einer Filiale des Historischen Museums der Stadt Krakau, sowie 2017 als Mitorganisatorin der Sonderausstellung „Okupanci – Niemcy w Krakowie 1939-1945“ einen Namen als Expertin für die Geschichte Krakaus und seiner Juden im Zweiten Weltkrieg gemacht. Eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte der deutschen Besatzung in Polen und der Ausgrenzung, Verfolgung und Ermordung der Juden wurde der Buchautorin sozusagen 1961 in die Wiege gelegt, ist sie doch sowohl durch ihre Mutter Joanna Olczak-Ronikier, die der bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in Warschau wirkenden berühmten Verlegerfamilie Mortkowicz entstammt, als auch durch ihren Vater Ludwig Zimmerer, der als Korrespondent der Tageszeitung Die Welt im Jahre 1956 nach Warschau ging und dort seit 1961 als Korrespondent des Norddeutschen Rundfunks wirkte, mit der deutschen Geschichte und Kultur verbunden.

Als Unterstützerin der Solidarność-Bewegung wurde Katarzyna Zimmerer am 18. Dezember 1981 verhaftet und zunächst im Gefängnis in Krakau, dann in Kielce und Gołdap in Nordpolen fünf Wochen festgehalten. Anfang Januar 1982 erlitt ihr Vater in Warschau einen Schlaganfall, von dem er sich nicht mehr erholte. Bis zu seinem Tod 1987 wurde er von seiner Tochter Katarzyna und seiner geschiedenen Frau Joanna gepflegt, bis 1985 in Hamburg, wo seine Tochter Kunstgeschichte studierte, dann in Krakau, wo Ludwig Zimmerer am 18. September 1987 starb.

Erforschung des Krakauer Gettos

Katarzyna Zimmerer beschäftigte sich seit Anfang 2000 intensiver mit der Geschichte der Juden in Krakau. Anlässlich des 60. Jahrestages der Liquidierung des Gettos im März 2003 sammelte sie so viele Materialien, dass aus einem ursprünglich für die Krakauer Wochenschrift Tygodnik Powszechny geplanten Artikel ein ganzes Buch entstand, das 2004 unter dem Titel „Zamordowany świat. Losy Żydów w Krakowie 1939-1945“ erschien. In den folgenden Jahren hat sie im Zusammenhang mit der Vorbereitung der Dauerausstellung im Museum Schindlers Fabrik weitere Materialien gesammelt und Gespräche mit überlebenden Juden des Krakauer Gettos in Israel geführt, so dass die 2017 herausgegebene Chronik noch umfassender die Vernichtungspolitik der deutschen Besatzer beschreibt. Das Werk leistet somit einen wichtigen Beitrag zur Erinnerung an die 60.000 Juden in Krakau, von denen nur wenige Tausend überlebt haben.

Aus der Entscheidung der Jury

Abschließend mögen Auszüge aus dem Jury-Gutachten einen ersten Eindruck vermitteln und zum Weiterlesen in Zimmerers eindrucksvollem Werk anregen – eine Übersetzung ins Deutsche ist allerdings leider noch nicht geplant.

„[…] Der Leser verliert trotz der vielen, vielen Details nicht den Überblick, da die Chronik sehr übersichtlich am Rand immer die Themen benennt, um die es gerade geht: antijüdische Gesetze, Kinder, Deutsche in Krakau, Judenrat, das Getto, Płaszów usw.

Durch die gut geschriebene Darstellung einerseits, die Übersichtlichkeit und Chronologie andererseits, kann das Buch sowohl als Ganzes gelesen als auch als Nachschlagewerk benutzt werden. Liest man die Chronik vom Anfang bis Ende, zeigt sie eindrucksvoll die sukzessive Verschärfung der Lage für die jüdische Bevölkerung. Deutlich werden die Bemühungen des Judenrats, die Situation für die Menschen zu verbessern, zugleich die Vergeblichkeit derselben angesichts der von den deutschen Besatzern implementierten antijüdischen Politik.

[…]

Immer wieder durchbrechen die Stimmen der Opfer die Schilderung von antijüdischen Maßnahmen, von Gewalt und Terror und machen die Bedeutung dessen, was im deutsch besetzten Polen geschah, hier am Beispiel der Hauptstadt des Generalgouvernements, auf beklemmende Art und Weise deutlich. Indem Katarzyna Zimmerer den Menschen eine Stimme gibt, zugleich jeweils ihre Biographien erzählt, setzt sie den Krakauer Juden gleichsam ein Denkmal, ganz im Sinne Hanna Kralls, die einmal schrieb, wenn diese Menschen schon keinen Grabstein haben, solle ihr Name wenigstens in einem Buch stehen.“

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