Ehemalige kaiserlich-russische Offiziere deutschbaltischer Herkunft im Baltenregiment

Versuch eines kollektiven Portraits

Zum 100-jährigen Jubiläum der estnischen Staatlichkeit

Am Ende des Ersten Weltkrieges stand das heutige estnische Territorium ganz unter deutscher Kontrolle. Nach dem „Zusammenbruch im Osten“ im November 1918 und dem Abzug der deutschen Truppen aus der neu gegründeten Republik Estland entstand die Gefahr einer sowjetischen Invasion. Obwohl es früher manchmal zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Esten und Deutschbalten kam, wurde beschlossen, gegen die Bolschewiki einig vorzugehen. So entstand am 27. November 1918 in Wesenberg/Rakvere die erste Kampfgruppe unter dem Befehl von Oberst Konstantin von Weiß. Im Laufe des Monats schlossen sich ihr noch einige einheimische Schutzwehreinheiten an, um das Baltenregiment zu bilden. Über ein Jahr (bis zur Jahreswende 1919/20) kämpfte das Regiment, teils als selbstständiger Wehrverband, teils unter dem Befehlsbereich der estnischen Armee am Peipussee, an den Ufern des Narwaflusses, bei Gdow und Petrograd.

Die historiographische Tradition dieser Einheit begann schon vor der Auflösung des Regiments im Jahre 1920[1]. Später erschienen dazu weitere Aufsätze[2]. Einen erheblichen Beitrag dazu leistete Georg von Krusenstjern (1899 bis 1989), der tatsächlich als Regimentsgeschichtsschreiber auftrat. Bereits in der Vorkriegszeit hat er viel zu diesem Thema publiziert[3]. Jahrelang sammelte Krusenstjern auch die Belege zur Geschichte des Baltenregiments und stellte die Angehörigenliste zusammen. Diese Unterlagen nahm er bei der Umsiedlung der Deutschbalten im Jahre 1939 mit nach Posen, musste sie aber auf der Flucht aus dem Warthegau zurücklassen. Nach dem Ende des Krieges versuchte Krusenstjern, sein Archiv wiederherzustellen. Die Ergebnisse dieser Arbeit sind in der Dokumentensammlung des Herder-Instituts aufbewahrt (DSHI 120 Baltenregiment: Materialien von Georg v. Krusenstjern).

Die Quellen am Herder-Institut, zum Beispiel die Krusenstjern-Kartei (links)
Die Quellen am Herder-Institut, zum Beispiel die Krusenstjern-Kartei (links)

Nach Angaben von Krusenstjern bestand das Baltenregiment (BR) zu verschiedenen Zeiten aus 160 Esten, 270 Russen und etwa 900 Deutsche. Zur letzteren Gruppe gehörten auch viele ehemalige kaiserlich-russische Offiziere. Wie sich während der detaillierten Recherche herausgestellt hat, konnte Krusenstjern die genaue Zahl der Offiziere nicht nennen. Die Frage der Zugehörigkeit blieb demnach oft unkonkret. In seiner Kartei schrieb Krusenstjern häufig einfach „im russ. Heer“ oder „russ. Offizier“, obwohl man als Soldat eingezogen werden konnte oder gar die Einberufung in die russische Armee verweigerte[4].

Der Zugang zu den Personaldokumenten der russischen Militärs deutschbaltischer Herkunft blieb Krusenstjern aus offensichtlichen Gründen verwehrt. Viele von denen kamen schon zur Zeit des „Großen Krieges“ als Duplikate in das Militärgeschichtliche Archiv (heute Russisches Staatliches Militärgeschichtliches Archiv in Moskau), wo sie einen Bestand Nr. 409 bildeten[5], andere landeten in den estnischen Archiven und sind z.T. auch digitalisiert[6]. Die Archivrecherche macht auf zwei weitere Inkonsistenzen aufmerksam. So nannten sich einige Angehörige des BR Offiziere, ohne an den Kriegsschulen attestiert zu sein. Bei Krusenstjern kann ein Landsmann als Leutnant fungieren, obwohl er bloß ein Junker war, usw. Andere Landsleute nahmen ihre Beförderung selbst in die Hand – Grund dafür war ihre Dienstfrist und nicht die formale Ernennung durch das obere Kommando. Nicht selten führte dies zu Verwirrung.

Diagramm 1. Die künftige BR-Angehörige vor ihrer Entlassung aus der „alten Armee“ (Jahreswende 1917/18)
Diagramm 1. Die künftige BR-Angehörige vor ihrer Entlassung aus der „alten Armee“ (Jahreswende 1917/18)

Nach einer interarchivalen Arbeit (auch mit Hilfe der Krusenstjern-Kartei und anderen Unterlagen aus der DSHI) kann ermittelt werden, dass es ca. 120 „wirkliche“ kaiserlich-russische Offiziere deutschbaltischer Herkunft im Baltenregiment dienten, die dabei den Grundstock der Einheit bildeten. Das Schaffen ihrer Prosopographie verlangte die Zusammenstellung sehr unterschiedlicher Quellen. Das betraf v.a. die amtlichen und familiengeschichtlichen Materialien, wie etwa Schul- und Studentenakten aus den estnischen, lettischen und russischen Archiven[7] (zuletzt aus den Stadtarchiven S.-Petersburg und Moskau). Die gesammelten Daten wurden in zwei Matrizen eingefügt. Die erste entsprach dem zivilen Lebenslauf eines Menschen:

Name Jahrgang Geboren Stand d. Vaters Schule Hochschule

Die zweite dementsprechend der Militärlaufbahn:

Name Militärausbildung Diensterfahrung Rang (zuletzt) Auszeichnungen Gefangenschaft

Die tiefgreifende Analyse dieses Datenmaterials hat folgendes gezeigt

  • Im Falle des Baltenregiments handelte es sich um die deutschbaltischen Offiziere der Zarenarmee, die auf dem Territorium der künftigen Republik Estland geboren wurden (75%). Nur 10% der Angehörigen stammten aus den anderen Ostseeprovinzen und noch 15% außerhalb des Baltikums. Interessant ist, dass viele von denen auch mit Estland/Nordlivland eng verbunden waren (Vorfahren, Familie, Studium, usw.).
Diagramm 2. Die Abstammung der Angehörigen des BR
Diagramm 2. Die Abstammung der Angehörigen des BR
  • Im BR waren hauptsächlich zwei Altersgruppen vertreten: die Leute zwischen 22 und 29 Jahren und zwischen 30 und 40 Jahren. Die jüngeren (bis zum 21. Lebensjahr) und älteren (etwa nach 40 Jahre) waren fast nicht präsent. Das Durchschnittsalter der Teilnehmer betrug 28 Jahre.
Diagramm 3. Die Angehörige des BR altersgemäß
Diagramm 3. Die Angehörige des BR altersgemäß
  • Den größten Anteil der deutschbaltischen Offiziere im BR (ca. 64%) bildeten die Söhne der Gutsbesitzer (einschl. Ritterschaften) und Adligen im breiteren Sinne des Wortes. Diese Schichte war ausschlaggebend, aber nicht prägend, da auch die Pastorensöhne merklich erkennbar waren (ca. 17%). Die Söhne der Beamten, Kaufleute und Literaten waren weniger vertreten.
Diagramm 4. Die Väter der Angehörigen des BR aus sozialem Blickwinkel
Diagramm 4. Die Väter der Angehörigen des BR aus sozialem Blickwinkel
  • Die ehemalige russische Offiziere, die im BR dienten, besuchten größtenteils die Schulen in Reval (Ritter- u. Domschule, Petri-Realschule und Nikolai-Gymnasium), Dorpat (Zeddelmannsche Lehranstalt) und andere baltische Einrichtungen (83%). An den Schulen außerhalb des Baltikums wurde nur ein geringer Anteil ausgebildet (17%).
  • Man kann nur 6 Hochschulabsolventen unter den russischen Offizieren im BR finden. Überdies waren es mehr als 60 Studenten, die ihr Studium während des Krieges unterbrechen oder aufgeben mussten. Mehr als eine Hälfte von ihnen studierte an der heimatlichen Lehranstalt – Universität Juriew, manche waren auch am Rigaer Polytechnikum immatrikuliert. Nur ein Drittel bevorzugte Universitäten im Ausland oder in Russland außerhalb des Baltikums. Die beliebtesten Fächer waren Jura und Theologie, dann kamen die Natur- und Ingenieurwissenschaften.
  • Es sei hervorgehoben, dass im BR nur einige Berufsoffiziere dienten. Meistens genossen die künftigen Offiziere entweder die „Grundmilitärausbildung“ in ihren Truppenteilen vor oder gar während des Krieges, oder besuchten „einen beschleunigten Kursus der Notzeit“ an den Kriegsschulen. Eine gute Hälfte von ihnen hatte eine unmittelbare Fronterfahrung gehabt, ein Viertel wurde hochdekoriert. Im Etappendienst standen nur 15-20%. Nur 8 Personen erlebten die Gefangenschaft.
  • Viele Teilnehmer des BR waren miteinander verwandt oder hatten weitere Beziehungen im Rahmen der (Hoch)schulen und Kirchengemeinden, oder leisteten zusammen ihre Wehrpflicht. Die gemeinsame Arbeit bei den Kämpfen 1918/19 hat sie in der engsten Waffenbrüderschaft zusammengeschweißt.
Verbindungen zwischen den Angehörigen des Baltenregiments
Verbindungen zwischen den Angehörigen des Baltenregiments

Konklusion

Das typische Portrait eines ehemaligen kaiserlich-russischen Offiziers deutschbaltischer Herkunft, der zusammen mit den estnischen Truppen Ende 1918 ins Felde zog, kann man so skizzieren:

Ein 28-Jähriger, Adliger oder Pastorensohn, in Estland/Nordlivland geboren, groß geworden und erzogen, sehr wahrscheinlich Rechts- oder Theologiestudent aus Dorpat, ein dekorierter Fähnrich/Leutnant der „Notzeit“, und zwar ein Mensch mit unmittelbarer Fronterfahrung, der enge geistige Beziehungen zu seiner „baltischen Heimat“ pflegte.

Man kann diskutieren, ob und inwieweit die politische Komponente maßgebend war. Es ist dennoch nicht zu leugnen, dass die Teilnahme dieser kriegserfahrenen Landespatrioten zum Fortbestand eines neu gegründeten estnischen Staates beigetragen hat.

Dr. Igor Barinov

 

[1] Stimmen aus dem Baltenregiment: eine Sammlung von Frontberichten. Reval 1919.

[2] Das Balten-Regiment: ein Jahr im Felde. Dorpat 1920; Hartge, O. Wir zogen in das Feld …: als M.G. Mann 9 Monate im Baltenregiment. Reval, 1928; Wrangell, W. von. Geschichte des Baltenregiments: das Deutschtum Estlands im Kampfe gegen den Bolschewismus 1918-1920. Reval 1928; [Frey, E.] Der 2. Infanteriezug des Baltenregiments 1918-1920: Ernste und heitere Erlebnisse. Reval 1933.

[3] Krusenstjern, G. von. Der Durchbruch: Tagebuchblätter aus dem Baltenregiment; Glubokoje: Tagebuchblätter aus dem Baltenregiment; M.G.-Mann im Baltenregiment: Tagebuchblätter (alle in Reval im Jahre 1938 erschienen).

[4] Wie z.B. Journalist und Politiker Axel de Vries (1892 bis 1963), der nach Krusenstjern beim russ. Militär war.

[5] Diese Materialien sind leider nicht digital vorhanden, die Kartei der Kriegsverluste wurde aber vor kurzem im Auftrage des russischen Wehrministeriums digitalisiert und ins Netz hochgeladen, siehe: http://gwar.mil.ru

[6] Siehe: Eesti Sõjamuuseum (http://prosopos.esm.ee/index.aspx?type=1) und Eestlased Esimeses maailmasõjas (http://www.ra.ee/ilmasoda).

[7] Eine große Anzahl solcher Akten wurde im Rahmen des gemeinsamen estnisch-lettisch-russischen Projekts „Cross Border E-archive“ digitalisiert, siehe: http://earchive-estlatrus.eu

Ein Gedanke zu „Ehemalige kaiserlich-russische Offiziere deutschbaltischer Herkunft im Baltenregiment

  • Juli 26, 2018 um 8:35 am
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    Vielen Dank für diese verdienstvolle Arbeit! Bliebe allenfalls zu ergänzen, dass viele Deutschbalten später auch beim Aufbau der estnischen Armee eine bedeutende Rolle gespielt haben. Einige Beispiele:
    Baron Arthur von Buxhoeveden, der zwar nicht im BR diente, sondern einer der wenigen war, die sich im estn. Heer am Freiheitskrieg beteiligten. Nach dem Befreiungskrieg Inspekteur der Kavallerie und zusätzlich ständiges Mitglied im Ausbildungskomitee des Heeres. Peter Bassen-Spiller, 1933-36 Oberst in der estn. Armee, Otto Heinze diente bis 1936 als Generalmajor im Verteidigungsministerium. Baron Gustav von Knorring, ab 1920 im estn. Kriegsministerium, ab 1937 Militär-Procureur im Rang eines Obersts. Hermann von Salza half die estn. Marine zu organisieren, er war 1920-25 Stabschef der Seestreitkräfte, 1928 Konteradmiral, 1925-32 Chef der Estnischen Marine. (So wie der Rittm. d. Balt. Landeswehr Archibald Graf Keyserlingk 1921-31 in Lettland Admiral u. Chef d. Marine wurde.) Die Umsiedlung machten 56 deutsch-baltische Offiziere mit, die bis dahin als Berufsoffiziere im estn. Militär gedient hatten.

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