Samizdat und Solidarność in Polen

Prof. Dr. Przemysław Urbańczyk und seine Samizdat-Solidarność-Sammlung

Seit ihrer Gründung im Jahre 1950 hat die Forschungsbibliothek des Herder-Instituts immer wieder geschlossene Sammlungen erworben, um auf diesem Wege ihre Bestände planmäßig zu erweitern und für Nutzerinnen und Nutzer ein möglichst breites und vielfältiges Angebot an wissenschaftlich relevanter Literatur zur Geschichte, Kultur und Landeskunde Ostmitteleuropas zu gewährleisten. Nachdem dies in den ersten Jahrzehnten des Bestehens der Bibliothek eine sehr effektive und auch pragmatische Form der Bestandserweiterung war, stellte sich in den 1980er und 1990er Jahren zunehmend die Frage, ob man diese Form der Erwerbung weiterhin anwenden sollte. Denn je umfassender der eigene Bestand der Bibliothek wurde, desto wahrscheinlicher war es auch, dass als Teil ganzer Bibliotheken auch ein hoher Prozentsatz an Dubletten ins Haus kam.

Aus diesem Grund werden bereits seit vielen Jahren durch die Forschungsbibliothek nur noch dann geschlossene institutionelle oder private Sammlungen übernommen, wenn der fragliche Bestand entweder aufgrund seiner Seltenheit, der herausragenden wissenschaftlichen Stellung des Vorbesitzers oder aber der Komplementarität zum vorhandenen Bibliotheksbestand ganz besonders interessant und erstrebenswert ist.

Familie Urbańczyk
Familie Urbańczyk 1983

Als Prof. Dr. Przemysław Urbańczyk, polnischer Mediävist und Archäologe, Professor an der Kardinal-Stefan-Wyszyński-Universität in Warschau und am Institut für Archäologie und Ethnologie der Polnischen Akademie der Wissenschaften, nach einem Forschungsaufenthalt im Herder-Institut gegenüber der damaligen Institutsleitung die Frage aufwarf, ob Interesse bestünde, seine Sammlung an Publikationen und anderen Erinnerungsstücken aus dem polnischen Untergrund insbesondere der 1980er Jahre zu erwerben, wurde sehr schnell deutlich, dass im Grunde alle drei der oben genannten Bedingungen für den Erwerb einer geschlossenen Sammlung gegeben waren.

Prof. Dr. Przemysław Urbańczyk
Prof. Dr. Przemysław Urbańczyk

Derartige Untergrundpublikationen werden allgemein als „Samizdat“ (russ. Kompositum aus sam [selbst] und izdavat [herausgeben]) bezeichnet und existierten in der Zeit des osteuropäischen Staatssozialismus in der UdSSR, Polen, der DDR, der Tschechoslowakei und Ungarn. Da sie nicht den jeweiligen Zensurbehörden zur Kontrolle vorgelegt wurden, waren ihre Herstellung und ihr Vertrieb illegal. In Polen, wo derartige Untergrundpublikationen seit Mitte der 1970er Jahre belegt sind, wurden sie in der Regel als drugi obieg (zweiter Umlauf) bezeichnet und damit ihr Vertrieb jenseits der legalen Kanäle betont.

Przemysław Urbańczyk … über glückliche Zufälle

Einmal bekam ich durch Zufall eine Sendung mit roter Druckerfarbe [üblicherweise war nur schwarze Druckerfarbe erhältlich, Anm. der Übers.]. Diese gab ich weiter und nach zwei Wochen erschien die Wochenzeitung ‚Tygodnik Mazowsze‘ zum ersten Mal auch mit roter Druckschrift: Das Logo der Solidarność war im ursprünglichen Rot abgebildet. Das war eine kleine Besonderheit.

Besuch in Warschau

Zwar besaß die Forschungsbibliothek des Herder-Instituts zu diesem Zeitpunkt bereits eine durchaus repräsentative Auswahl an polnischen Samizdat-Publikationen, im Falle einer Erwerbung der Sammlung Urbańczyk war jedoch die Gefahr eines großen Anteils an Dubletten trotzdem nicht gegeben. Gleichwohl war es selbstverständlich zunächst notwendig, die Sammlung in Warschau ausführlich in Augenschein zu nehmen und sich anschließend insbesondere mit den Wissenschaftlichen Sammlungen des Herder-Instituts hinsichtlich der Übernahme der ebenfalls in der Sammlung enthaltenen Plakate, Aufkleber, Anstecknadeln usw. zu verständigen.

Solidarność Plakat
Solidarność Plakat

Außerdem wurde aus kollegialen Erwägungen Kontakt mit der Forschungsstelle Osteuropa in Bremen aufgenommen, die zweifelsohne den größten Bestand an Untergrundliteratur in Deutschland besitzt. Diese war deshalb sehr daran interessiert, ihr möglicherweise fehlende Stücke aus dem Bestand von Prof. Urbańczyk zu erwerben. Eine solche Aufteilung des Bestands entsprach jedoch weder dem Wunsch des damaligen Eigentümers, seine Sammlung möglichst geschlossen für die interessierte Öffentlichkeit zugänglich zu machen, noch dem der Forschungsbibliothek, auch unter Beachtung des Provenienz-Prinzips den Sammlungs- und Ursprungszusammenhang dieser exemplarischen Samizdat-Sammlung eines herausragenden polnischen Wissenschaftlers zu bewahren.

Insofern entschloss sich die Bibliotheksleitung nach Absprache sowohl mit der Instituts- als auch der Leitung der Wissenschaftlichen Sammlungen für den Erwerb der Sammlung Urbańczyk und die geschlossene Aufstellung der enthaltenen Publikationen im Rara-Bereich der Forschungsbibliothek. Dort sind sie mit einer sprechenden Signatur („U/…“) versehen, die eine unkomplizierte Suche nach diesem Bestand im elektronischen Katalog ermöglicht.

Wie alle anderen Rara der Forschungsbibliothek ist auch der Bestand der Sammlung Urbańczyk nicht außer Hause verleihbar, kann aber unter Aufsicht eingesehen und auch für den eigenen wissenschaftlichen Bedarf bestandsschonend fotografiert oder gescannt werden. Die Forschungsbibliothek entspricht insofern auch für ihren eigenen Bestand ihrer Selbstverpflichtung im Rahmen des sogenannten „Altbestandszertifikats“. Die Träger dieses Zertifikats verpflichten sich im Rahmen des bibliothekarischen Leihverkehrs zu einem besonders umsichtigen und verantwortungsbewussten Umgang mit wertvollem und seltenem Altbestand.

Interview in Marburg

Nach erfolgter Einarbeitung seiner Sammlung in den Bestand der Forschungsbibliothek bot ein weiterer Forschungsaufenthalt von Prof. Urbańczyk in Marburg der zuständigen Bibliothekarin die Gelegenheit ein ausführliches Interview mit ihm zu führen, in dem er zahlreiche Hintergrundinformationen über die Entstehung seiner Sammlung mitteilte, aber auch allgemein über den Alltag der Untergrundbewegung während des Kriegsrechts in Polen berichtete.

Przemysław Urbańczyk … zu den enthaltenen Texten und zur Finanzierung der Untergrundpublikationen

Viele Gruppierungen gaben Info-Bulletins, regelmäßige Zeitschriften oder Analysen größerer Texte heraus, die zugleich der Finanzierung dieser Gruppen dienten. Sie wurden verkauft, um die Kosten für Papier, Druckmaschinen u.Ä. begleichen zu können. Dabei handelte es sich gewissermaßen um eine Selbstbesteuerung zu Gunsten der Gewerkschaft [d.i. Solidarność]. Das Erwerben dieser Publikationen wurde als Pflicht empfunden […].

War die Erwerbung, Erschließung und Zugänglichmachung der Sammlung Urbańczyk ein erster bedeutender Glücksfall für die Forschungsbibliothek, so ergab sich einige Jahre später im Rahmen des Schriftentausches mit der Polnischen Nationalbibliothek in Warschau eine weitere glückliche Wendung. Im Rahmen eines Besuchs in Warschau wurde die am Herder-Institut für den Tausch mit polnischen Bibliotheken zuständige Bibliothekarin auf einen größeren Bestand an dort für den Tausch zur Verfügung stehenden Samizdat-Publikationen aufmerksam. Mit Hilfe von Kollegen der Polnischen Nationalbibliothek war es ihr möglich, diesen Bestand in Augenschein zu nehmen, in der Forschungsbibliothek des Herder-Instituts fehlende Stücke zu identifizieren und nach Marburg zu holen. Hier werden diese Titel gegenwärtig in den Bestand eingearbeitet und die Sammlung Urbańczyk zukünftig in kongenialer Weise ergänzen. Ebenso wie die Sammlung Urbańczyk wird auch dieser Zugang aus der Polnischen Nationalbibliothek zusätzlich erschlossen, indem die als eindeutiger Identifikator dienende Zählung aus dem Bestandskatalog der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen mit dem Titel „Monographien im polnischen Zweiten Umlauf (1976-1990)“ von Angela Murche-Kikut als suchbarer Bestandteil in das Katalogisat aufgenommen wird.

Paket mit Samizdat-Publikationen
Paket mit Samizdat-Publikationen in der originalen Verteilform, das aus einer halben LKW-Ladung stammte, die nachts angeliefert, später jedoch nicht mehr verteilt wurde.

Przemysław Urbańczyk … zur Herstellung der Untergrundpublikationen

Alles wurde auf sehr schlechtem Papier in minderwertigem Druck hergestellt. Manchmal existierte aber auch eine Verbindung zu einer richtigen Druckerei, deren Mitarbeiter sehr aktiv waren und nachts die offiziellen staatlichen Druckmaschinen benutzten. Man musste diese Mitarbeiter unterstützen, indem man ihnen das Papier zur Verfügung stellte. Das Papier hatte hier die Schlüsselrolle, weil es Mangelware war. Man konnte es in den Geschäften aus den bekannten Gründen nicht so einfach kaufen. Also bemühte sich jeder von uns, Papier zu besorgen, egal in welcher Menge, und übermittelte die Papierpakete auf den bekannten geheimen Wegen. Ebenso war Druckerfarbe Mangelware, weshalb man verschiedene selbsterfundene Ersatzstoffe einsetzte. So hatte jemand festgestellt, dass die Waschpaste für die Reinigung der Hände mit Namen ‚Komfort‘ für das Drucken gut geeignet war. So verschwand sie bald aus den Läden, weil sie mit Grafit vermischt zu Druckerfarbe verarbeitet wurde.

Briefsammlung

Briefsammlung von Prof. Urbańczyk
Prof. Urbańczyk wurde von dem im Untergrund lebenden Wiktor Kulerski gebeten, seine wachsende Korrespondenz zu sammeln und aufzubewahren. Bevor diese Korrespondenz versteckt wurde, wurde jeder Text mit 5-fachem Durchschlag abgetippt. Die Sammlung, die das Herder-Institut bekam, ist einer der fünf originalen Durchschläge, die für Archivzwecke während des Kriegszustandes erstellt wurden. Urbańczyk war außer Kulerski am besten im Bilde, wie die Kontakte der „Solidarność“ hauptsächlich mit dem Ausland aussahen. Erst im Jahre 1994, 1995 entschied sich Kulerski die Materialien aus den Verstecken zu holen.

Jadwiga und Dr. Jürgen Warmbrunn

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.