Böhmen, Tschechoslowakei, Tschechien

Ein Land der Jahrestage: 1618, 1848, 1918, 1938, 1948, 1968, 1978, 1988, 1993, 1998

Im Jahr 2018 blicken Tschechen und Slowaken auf zahlreiche runde Jubiläen zurück. Zu allen Jahrestagen finden sich im Herder-Institut weiterführende Materialien. Ein Besuch lohnt sich zumal in der Bibliothek, in der Zeitungssammlung sowie in der Online-Quellenedition für die universitäre Lehre„Dokumente und Materialien zur ostmitteleuropäischen Geschichte“.

Vor 400 Jahren löste der Prager Fenstersturz den Dreißigjährigen Krieg aus. Vertreter der böhmischen protestantischen Stände verübten Gewalt gegen Repräsentanten des Habsburger Monarchen. Mit dieser rabiaten „Kriegserklärung“ begann der Ständeaufstand gegen die Rekatholisierungsversuche des böhmischen Königs, der zugleich römisch-deutscher Kaiser war. Der Aufstand löste letztlich einen europaweiten Krieg aus. Herausragender Oberbefehlshaber der Kaiserlichen Armee war viele Jahre lang der böhmische Adlige, Albrecht Václav Eusebius z Valdštejna, in Deutschland als Wallenstein bekannt.

Genau genommen war es bereits der Zweite Prager Fenstersturz, denn bereits 1419 kam es zum historisch Ersten, der den Beginn der Hussitenkriege gegen den katholisch-luxemburgischen König markierte. Damals befreiten Anhänger von Jan Hus Glaubensgenossen aus dem Neustädter Rathaus und warfen dabei u.a. den Bürgermeister aus dem Fenster. Nach den Luxemburgern herrschten kurz Jagiellonen in Böhmen und Mähren, ehe diese Region 1526 Teil des Habsburger Reiches wurde.

Im gesamteuropäischen Jahr der Revolutionen 1848 gärte es auch in Böhmen und Mähren. Der Historiker František Palacký leitete in Prag einen Slawenkongress, der über die föderative Umwandlung der Donaumonarchie und die Trennung der slavischen Kronländer vom Deutschen Bund beriet. Der Prager Pfingstaufstand vom 12. bis zum 17. Juni scheiterte jedoch.

Tschechischen Nationalisten gelang keine Loslösung von Wien. Erst die Auflösung der Österreich-Ungarischen Doppelmonarchie gegen Ende des Ersten Weltkriegs ermöglichte schließlich Tschechen und Slowaken mit französisch-britisch-amerikanischer Rückendeckung die Gründung eines eigenen Staats.

Am 28. Oktober 1918, also vor 100 Jahren, wurde in Prag die Tschecho-Slowakische Republik ausgerufen; Tomáš Garrigue Masaryk war seit 14. November der erste Staatspräsident. Starke deutsche, ungarische und ukrainische Minderheiten stellten die junge parlamentarische Demokratie vor große Herausforderungen.

Der erstarkende Nationalsozialismus nutzte die Minderheitenfrage offensiv zur Aggression gegenüber dem letzten demokratischen Staat Mitteleuropas der Zwischenkriegszeit. Das Münchner Abkommen, geschlossen am 29. September 1938, vor nunmehr 80 Jahren, zwischen Reichskanzler Adolf Hitler, dem britischen Premierminister Neville Chamberlain, dem französischen Ministerpräsidenten Édouard Daladier und dem italienischen Regierungschef Benito Mussolini zwang die Tschechoslowakische Republik zur sofortigen Abtretung des Sudetenlandes an das Deutsche Reich.

Slovo K Historii 17 1938, Seite 24-25
Slovo K Historii 17 1938, Seite 24-25

Noch im gleichen Jahr verfügte der Erste Wiener Schiedsspruch südslowakische Abtretungen an Ungarn. Insgesamt verlor die Tschechoslowakei fast 25% ihres Staatsgebiets. Schon im Jahr nach diesem „Diktat von München“ ließ Hitler die „Rest-Tschechei“ besetzen und das „Protektorat Böhmen und Mähren“ bzw. den Slowakischen Staat proklamieren.

Erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs konnte die Tschechoslowakei wiedererstehen. Kurz darauf kam es zum „Dritten Prager Fenstersturz“, als Teil des kommunistischen Umsturzes im Februar 1948, heute vor 70 Jahren. Wie wir aus nunmehr zugänglichen Quellen wissen, stieß Kommunistische Geheimpolizei den amtierenden Außenminister Jan Masaryk, Sohn des ersten tschechoslowakischen Präsidenten, aus einem Fenster des Außenministeriums. Masaryk starb an den dabei erlittenen Verletzungen. Zu kommunistischer Zeit, in der der Tod als „Selbstmord“ dargestellt wurde, kursierte in Prag der Witz, dass Masaryk beim Sturz noch hinter sich das Fenster geschlossen habe. Der Februarputsch, in kommunistischer Diktion der „Siegreiche Februar“, markierte die alleinige Machtübernahme der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei. Bei den Wahlen im Mai 1946 hatten die Kommunisten zwar mit 38% bereits die meisten Stimmen, jedoch keine absolute Mehrheit erhalten. Ihr Vorsitzender Klement Gottwald wurde Ministerpräsident in einer Mehrparteienregierung. Sprengstoffattentate auf nichtkommunistische Minister, Absetzung nichtkommunistischer Bezirkspolizeichefs, deutlich spürbarer sowjetischer Druck bewogen nichtkommunistische Regierungsmitglieder schließlich 1948 zum Rücktritt. Doch dieser Protest führte nicht zu den erhofften Neuwahlen, sondern Staatspräsident Edvard Beneš beugte sich Gottwalds Druck, den Massendemonstrationen und eine sowjetische Einmarschdrohung verstärkten. Eine kommunistisch dominierte Regierung wurde eingesetzt. Noch im gleichen Jahr trat Gottwald auch Benešs Nachfolge als Staatspräsident an.

In dem 1960 in „Tschechoslowakische Sozialistische Republik (ČSSR)“ umbenannten Staat träumte Parteichef Alexander Dubček 1968 von einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“. Er hob u.a. die Pressezensur auf. Doch der „Prager Frühling“ mit seinem Liberalisierungs- und Demokratisierungsprogramm wurde von der Sowjetunion und den Warschauer Pakt-Staaten (außer Rumänien) in der größten Militäraktion in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs gewaltsam beendet, als rund 500.000 Soldaten am 21. August 1968 in das „Bruderland“ einmarschierten.

Der spätere Literaturnobelpreisträger Jaroslav Seifert beschrieb in seinem Gedicht „Noch Dienstag…“ die Zerstörung dieses tschechoslowakischen Traumes. Weit über 150.000 Tschechen und Slowaken flohen aus ihrer Heimat.

Im Lande selbst entstand die Bürgerrechtsbewegung der Charta 77 als Mittelpunkt der antikommunistischen Opposition. Ihre Unterzeichner, u.a. Václav Havel, Jiří Dienstbier, Jiří Gruša, Pavel Kohout oder Ludvík Vaculík, machten auf Menschenrechtsverletzungen aufmerksam, die im Widerspruch zu der Schlussakte von Helsinki standen; denn diese Schlussakte hatte auch der tschechoslowakische Außenminister 1975 unterschrieben. Seit 1978 erschienen zu diesem Zweck periodisch die „Informationen über die Charta 77“. Im gleichen Jahr, also vor 40 Jahren, entstand das „Komitee für die Verteidigung der ungerecht Verfolgten (VONS)“.

Ende der KP 1989
Ende der KP 1989

10 Jahre später, 1988, vor nunmehr 30 Jahren, rief die Charta 77 dann zu politischen Aktionen gegen das kommunistische Regime auf. Doch erst 1989 beendete die „Samtene Revolution“ die kommunistische Alleinherrschaft. Der gemeinsame Staat der Tschechen und Slowaken, von 1990 bis 1992 umbenannt in ČSFR, zerbrach. Seit dem 1. Januar 1993, also seit nunmehr 25 Jahren, existieren Tschechische und Slowakische Republik nebeneinander. Beider Stolz hängt zu einem guten Teil auch an sportlichen Erfolgen. So bleibt in Erinnerung, wie die tschechische Eishockey-Mannschaft als bisher sechsmaliger Weltmeister, im Finale der Olympischen Winterspiele 1998 am 21. Februar Russland besiegte und dadurch erstmals vor 20 Jahren auch Olympiasieger wurde.

Gerade Jubiläen regen zu historischen Rückblicken, Erinnerungen und Neubewertungen an. Die publizierten Ergebnisse finden sich im Herder-Institut im Bibliotheksbestand. Speziell die Presse liefert zeitgenössisch-aktuelle Äußerungen und damit zugleich faszinierendes Illustrationsmaterial zu den runden Jahrestagen. Die jahrweise gebundenen Tageszeitungen in der Zeitungssammlung und die nach Personen, Orten und Themen geordnete Presseausschnittsammlung werden so zur wertvollen historischen Quelle. Gezielte Einblicke in damalige und aktuelle Tages- und Erinnerungspolitik sind möglich. Insgesamt liegen u.a. 2450 Personenordner zu Tschechen und Slowaken vor: z.B. 1 Ordner zu Wallenstein oder 4 Ordner mit Ausschnitten zu T.G. Masaryk. Einige Illustrationen aus dem in Marburg vorhandenen Bestand von knapp 200 tschechischen bzw. rund 60 slowakischen Pressetiteln sowie aus den rund 2 Millionen Ausschnitten zu Tschechien und Slowakei in über 5900 Ordnern und zahlreichen Mikrofiches mögen dazu anregen, weiter im Herder-Institut nach interessanten Themen zu forschen. Beispielsweise lässt sich fragen, ob es ein tschechoslowakisches Nationalbewußtsein, eine tschechoslowakische Identität gab? Wie sahen sich Tschechen und Slowaken im Verhältnis zu Deutschen, Österreichern oder Russen? Welche Personen bzw. Jahrestage wurden wann und warum in der Presse besonders gefeiert? Welche Unterschiede zeigen sich in tschechoslowakischer, tschechischer bzw. slowakischer Berichterstattung? Bei der gemeinsamen Suche nach Antworten in unserem Bestand helfen wir gerne weiter!

Reiner Beushausen/Jan Lipinsky

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