Pest und Frömmigkeit in Hasenpoth 1630

Seit dem ersten Auftreten der Pest im zentralen Europa Mitte des 14. Jahrhunderts gehörte die ständige Wiederkehr dieser Seuche bis ins 18. Jahrhundert zum ungeliebten Begleiter der Menschen. Das vergleichsweise enge Zusammenleben und hygienische Unvollkommenheiten bedingten, dass gerade Städte in Pestzeiten hohe Mortalitätsraten aufwiesen. In betroffenen Städten kam mitunter das soziale Leben zum Erliegen. Verwandte mieden Verwandte und Freunde mieden Freunde, der Gottesdienst wurde ebenso wenig besucht wie Ratssitzungen, die für das politische Leben in der Stadt gerade in Krisenzeiten hochnotwichtig waren.

Die Menschen, die einen Durchzug der Seuche erlebten (und im besten Fall auch überlebten), hatten das Bedürfnis, eine Erklärung für das zu erlebende Unheil zu finden und für Gegenwart sowie Zukunft Abhilfe zu schaffen. Die Muster für solche Erklärungsansätze waren mannigfaltig. Zu Ihnen gehörte unter anderem die verbreitete (und auch in anderen Zusammenhängen tradierte) Vorstellung, dass die Juden die Brunnen vergiftet hätten. Dies führte zwar häufig zu aggressiven und sehr blutigen Pogromen, aber zu keiner Verbesserung der Situation. Über die Jahrhunderte verteilt waren aber auch immer wieder selbstkritische Töne zu hören, die der eigenen sozialen Gruppe mangelnde Frömmigkeit oder sittenloses Verhalten attestierten. In dieser Lesart stand Gott als der strafende Vater im Mittelpunkt der Interpretation.

Hasenpother Pestordnung

Die politisch Verantwortlichen mussten handeln. Probates Mittel war es dabei, dass die Stadträte Ordnungen erließen, wie sich die Einwohner im Falle einer Pest zu verhalten hatten. Eine dieser Ordnungen aus dem Jahr 1630 ist in der Dokumentesammlung des Herder-Instituts überliefert (DSHI 130 Hasenpoth 1, S. 109-111). Sie ist in einem Amtsbuch der Stadt Hasenpoth aufgezeichnet, in dem sich unter anderem Abschriften der Gründungsurkunde der Stadt und andere wichtige Rechtstexte befinden. Autor und Urheber der Pestordnung war nach Aussage der einleitenden Passage der Pastor Berndardus Harderus.

Pestordnung von Hasenpoth 1630
Erste Seite der Pestordnung Hasenpoth 1630, DSHI 130 Hasenpoth 1, S. 109

Aus der Ordnung spricht eine dezidiert theologische Interpretation des Pestereignisses und es wird gottgefälliges Verhalten eingebläut. Im ersten von insgesamt 10 Paragraphen wird den Hasenpothern der Besuch des Gottesdienstes anempfohlen, was neben der Ehrung Gottes auch ein Minimum an sozialem Zusammenleben sicherstellen sollte. Im zweiten Punkt wird hingegen der Ausschank von Bier und Brandwein während der Predigt untersagt. Es folgen weitere Gebets- und Fastenvorschriften, die Zusicherung der seelischen Versorgung der Kranken und die Sorge um würdige Begräbnisse, insbesondere (eventuell) für den Pastor, der die Kranken zu besuchen und seelsorgerisch zu betreuen sich verpflichtete (§7).

Ortsansicht von Hasenpoth im 19. Jahrhundert
Ortsansicht von Hasenpoth im 19. Jahrhundert, Inv.-Nr. 131511

Des Weiteren stehen Hygienevorschriften im Mittelpunkt. So wurde den bereits Erkrankten, aber auch den Gesunden, in deren Häusern die Seuche bereits ausgebrochen war, bei einer hohen Strafe verboten, sich unter die gesunde Bevölkerung zu mischen. Hier ist eine Art Quarantänevorschrift zu erkennen. Offenbar war man sich des ansteckenden Charakters der Krankheit sehr gut bewusst und so mischen sich auch auf Empirie fußende medizinische Vorschriften in die theologische Lesung der Ereignisse.

Dr. Dennis Hormuth

Zahlreiche weitere Quellen aus der Dokumentesammlung des Herder-Instituts werden als „Archivale des Monats“ in kurzen Beiträgen vorgestellt. Im Online-Findbuch der Dokumentesammlung ist der Bestand ebenfalls beschrieben.

Literatur:

  • František Graus: Pest – Geissler – Judenmorde. Das 14. Jahrhundert als Krisenzeit (=Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte 86), Göttingen 1987.
  • Maike Rotzoll: Artikel „Pest“, in: Friedrich Jaeger (Hrsg.): Enzyklopädie der Neuzeit, Bd. 9: Naturhaushalt – Physiokratie, Stuttgart u.a. 2009, Sp. 1034-1036.
  • Sebastian Wolf: Fünf Jahrhunderte Stadtgeschichte im Spiegel eines Amtsbuches. Die Stadt Hasenpoth in Kurland (1378-1910), in: Deutsch-baltisches Jahrbuch 63 (2015), S. 19-41.

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