Publikationskulturen und Forschungsdaten

Workshop in Regensburg

Seit 2012 beschäftigt sich die Workshop-Reihe „Publikationskulturen im Wandel“, die gemeinsam von den Redaktionen der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung – ZfO (Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung – Institut der Leibniz-Gemeinschaft) und der Jahrbücher für Geschichte Osteuropas (Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung, IOS) abgehalten werden, mit den durch die Digitalisierung im weitesten Sinne verursachten Umbrüchen. Die vierte Ausgabe der Reihe befasste sich im Februar 2018 mit der „Herausforderung Forschungsdaten“ und der Frage: Wie lassen sich Forschungsdaten zukünftig für geschichtswissenschaftliche Fachzeitschriften, insbesondere im Bereich der Osteuropaforschung, nutzen?

Kreislauf von Forschungsdaten
Kreislauf von Forschungsdaten

Ganz ohne Frage hat die enorme technische Entwicklung in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten ganz neue Möglichkeiten zur Verarbeitung und Präsentation von Forschungsdaten eröffnet. Kartografisches oder Audiomaterial – für das von Migrationen und Grenzverschiebungen besonders intensiv betroffene Ostmitteleuropa häufig anzutreffende Quellentypen – lässt sich nun nicht mehr nur auszugsweise bzw. punktuell, sondern umfassend dokumentieren. In der Theorie können auf dieser Datengrundlage Forschungsergebnisse einerseits überprüft und andererseits weiterentwickelt werden.

Offene Fragen

Forschungsdaten, genauer die vielfach postulierten Bestrebungen hin zu offen zugänglichen digitalen Forschungsdaten, stellen augenscheinlich Zeitschriftenredaktionen, Verlage, Bibliotheken, wissenschaftliche Einrichtungen und sicher nicht zuletzt die Forscher/inn/en vor je eigene Herausforderungen. Die heterogene Zusammensetzung der Teilnehmer/innen des Workshops spiegelte genau dies wider: Vertreter/inn/en der Bibliotheken, Verlage, Redaktionen und wissenschaftlichen Einrichtungen führten eine angeregte Diskussion, die immer wieder grundlegende Fragen aufwarf:

Handelt es sich bei Forschungsdaten um neutrales Material, oder muss Ihnen im Kontext ihrer Erhebung nicht immer auch eine gewisse Schöpfungshöhe beigemessen werden? Wäre die Freiheit der Wissenschaft eingeschränkt, wenn Forscher/inn/en zukünftig verpflichtet wären, ihre Thesen nicht nur mit Fußnoten, sondern gleich auch mit den kompletten Transkripten der Archivalien zu belegen? Wie sollen und können Verlage reagieren, wenn Autor/inn/en in Zukunft häufiger den Wunsch nach der Publikation von Forschungsdaten äußern?
Definition von Forschungsdaten durch DARIAH-DE
Unter digitalen geistes- und kulturwissenschaftlichen Forschungsdaten werden […] all jene Quellen/Materialien und Ergebnisse verstanden, die im Kontext einer geistes- und kulturwissenschaftlichen Forschungsfrage gesammelt, erzeugt, beschrieben und/oder ausgewertet werden und in maschinenlesbarer Form zum Zwecke der Archivierung, Zitierbarkeit und zur weiteren Verarbeitung aufbewahrt werden können.

Ausgehend von weitblickenden Vorträgen zum digitalen Publizieren in naher und ferner Zukunft zoomte die Veranstaltung in ihrem weiteren Verlauf immer stärker auf die spezielle Situation der Zeitschriften und Forschungsdaten. So startete die Veranstaltung mit einer Keynote von Gudrun Wirtz (Bayerische Staatsbibliothek), die weniger das Szenario einer „Bibliothek ohne Buch“, sondern eher die Sorge um das „Buch ohne Bibliothek“ umtrieb: E-Books, die an der zentralen Verzeichnung und Distribution durch Bibliotheken vorbei publiziert werden und deren nachhaltige Existenz dadurch gefährdet ist.

Teilnehmende der Workshops zu Forschungsdaten
Teilnehmende der Workshops

Mit Datenverlusten beschäftigte sich auch der Architekturhistoriker Bernd Kulawik (Wien). Wie lässt sich, so fragte er, in Anbetracht der raschen Abfolge von Software-Standards, verhindern, dass digital geschaffene Daten dauerhaft verloren gehen und somit die wissenschaftliche Überlieferung abbricht? Kulawik erinnerte hier an den IT-Pionier Alan Kay, dessen Umgebung „Smalltalk“ aus den 1970er-Jahren noch heute betriebsfähig sei, ohne zusätzliche moderne Software zu benötigen. Um Inhalte wirklich nachhaltig zu erhalten, dürfe die eingesetzte Technik nicht so kompliziert und ineinander verwoben sein wie heutzutage üblich, lautete Kulawiks Perspektive für die Zukunft.

Vieles ist im Fluss

Nach diesen sehr grundsätzlichen Denkanstößen über mögliche Zukunftsszenarien, thematisierten die folgenden Referate die Aufbereitung von Forschungsdaten und loteten Chancen und Desiderate von entsprechenden Repositorien aus. Peter Valena (Collegium Carolinum, München) stellte vor, wie mithilfe von Software Interview-Mitschnitte automatisch in Text transkribiert werden.

Ingo Frank (IOS) ging der Frage nach, wie praktikabel Normvokabulare als Findmittel für Forschungsdaten sind. Zwar seien mittlerweile etliche Sachbereiche mit Normvokabularen beschreibbar. Benutzer/inn/en würden aber Vokabulare selten einheitlich verwenden und Begriffe durchaus unterschiedlich verstehen. So könnten die Verluste durch Inkonsistenzen etwaige Vorteile rasch aufwiegen.

Die praktische Umsetzung einer Publikation von Forschungsdaten beschäftigte Johannes Bracht (Herder-Institut). Archivalientranskripte zählten zu den meistproduzierten Forschungsdaten bei Historiker/inn/en, sie selbst würden diese jedoch häufig als zu fehler- oder lückenhaft für eine Publikation einschätzen. Eine Umfrage unter Archivar/inn/en habe wiederum ergeben, dass viele von ihnen im Interesse ihrer Sammlungen erst nach einer Qualitätsprüfung einer Publikation zustimmen würden. Hier seien Aushandlungsprozesse erforderlich und ein gemeinsamer Weg noch nicht zu erkennen.

Appendix oder Repositorium?
Gudrun Wirtz und Hermann Beyer-Thoma beim Wokshop zu Forschungsdaten
Gudrun Wirtz und Hermann Beyer-Thoma

Infrastruktur und Beschreibungsvokabulare scheinen also ebenso im Fluss zu sein wie die datenproduzierenden Techniken. Auf dieser wenig belastbaren Grundlage stellten abschließend Hermann Beyer-Thoma (IOS) und Christoph Schutte (HI) je eigene Sichtweisen zu Forschungsdaten und Zeitschriftenpublikationen dar. Beyer-Thoma schöpfte aus Erfahrungen mit dem IOS-Datenportal „laMBDa“. Für die Autor/inn/en der Aufsätze stelle dies eine Ergänzung zum gedruckten Aufsatz dar, wenn etwa Visualisierungen nur am Bildschirm korrekt widergegeben werden können. Weiterhin drängten die Autor/inn/en aber auch auf den traditionellen Quellenanhang zum gedruckten Aufsatz. Insgesamt räume das IOS mit „laMBDa eine niedrigschwellige und technisch leicht zu überblickende Möglichkeit der Datenpublikation ein. Die Zahl der Datenanbieter/inn/en sei jedoch noch klein.

Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung

Für die am Herder-Institut produzierte ZfO sah Christoph Schutte kaum einen Gewinn in optionaler Forschungsdatenpublikation. Anders als Qualifikationsschriften dienten Aufsätze der zügigen Etablierung einer These. Schlüssige Argumentation und Deutung seien seine Prioritäten, und er beließe es in puncto Belegnachvollziehbarkeit bei den vertrauensbasierten Regeln der guten wissenschaftlichen Praxis sowie dem Bemühen um ein präzises Argumentationsnarrativ. Nennenswerte Nachfrage unter den Autor/inn/en gebe es bisher nicht.

Somit ist als Resümee des Workshops ein ambivalentes Bild zu konstatieren: Während sich die Bestrebungen für offene Forschungsdaten in der Praxis erst bewähren müssen und enorm vieles in Bewegung geraten ist, sind geisteswissenschaftliche Zeitschriften hiervon nicht zwingend betroffen. Die Infrastruktur der Repositorien und die exakte Auszeichnung von Forschungsdaten werden jedoch auch weiterhin in der Diskussion bleiben.

Johannes Bracht und Christoph Schutte

Johannes Bracht arbeitet im Projekt “Strategische Weiterentwicklung des Forschungsdatenmanagements am Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung“. Christoph Schutte ist Redakteur der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung.

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