Gefakt, umkämpft, ergebnisoffen – Wahlen in der Vormoderne

Georg Plönnies wird Ältermann der Großen Gilde zu Riga

Die Teilnahme an Wahlen gehörte auch in Städten der Vormoderne zu den Rechten und Pflichten der Bürger. Die Wahlen zum Stadtrat sind hier nur die Spitze des Eisberges. Gewählt wurde eine stattliche Anzahl an Funktionsträgern, so in Gilden, Bruderschaften, Nachbarschaftsverbänden und Pfarreien, aber auch Vertreter der Bürgerschaft für öffentliche städtische Verwaltungs- sowie für karitative Ämter. Für die spätmittelalterliche italienische Stadt Bologna wurde eine Anzahl von jährlich ungefähr 1800 Funktionsträgern geschätzt, die durch Wahl bestimmt wurden.

In der Forschung umstritten ist bei vormodernen Wahlverfahren ihr „Echtheitsgehalt“. Handelte es sich um echte, ergebnisoffene Wahlen, in der die Beteiligten sich frei zwischen Alternativen entscheiden konnten? Oder handelte es sich um gefakte Wahlen, eine symbolische Beteiligung der politisch Mindermächtigen an den politischen Prozessen? In diesem Fall war der Ausgang der Wahlen bereits vor ihrem Beginn vorgegeben, ausgehandelt in einem verdeckten Prozess der Mächtigen untereinander. Sicherlich hat es beide Varianten gegeben, durch ein breites Spektrum an verschiedensten Mischformen ergänzt.

Neuwahl zum Ältermann 1680

Zur Verdeutlichung dieses Problems ist hier ein Beispiel aus der Rigaer Bürgerschaft der Großen Gilde, der Vereinigung der Kaufleute Rigas, aus dem 17. Jahrhundert heranzuziehen. Im Jahre 1680 sollte mit dem Amt des Ältermanns der Gilde die Position des Vorsitzenden neu gewählt werden. Es gab eine Kampfabstimmung, wobei das Ergebnis der ausgezählten Stimmen eindeutig war. Georg Plönnies hatte einen deutlichen Vorsprung von 45 Stimmen vor dem amtierenden Ältermann Hinrich von Schultzen.

Protokollbuch der Ältestenbank, DSHI 520 Große Gilde Riga 73, p. 69.
„Offizielles“ Wahlergebnis im Protokollbuch der Ältestenbank, DSHI 520 Große Gilde Riga 73, p. 69.

Die Ältesten erkannten die Wahl von Georg Plönnies nicht an, vermerkten ihn nicht einmal in dem „offiziellen“ Wahlergebnis (Abb. 1), das sie ins Protokollbuch der Ältestenbank eintrugen. Die Stimmen für Plönnies wurden nur ergänzend im weiteren Fließtext erwähnt (Abb. 2).

Protokollbuch der Ältestenbank, DSHI 520 Große Gilde Riga 73, p. 70.
Erwähnung des Abstimmungsergebnisses aus der Bürgerschaft im Protokollbuch der Ältestenbank, DSHI 520 Große Gilde Riga 73, p. 70.

Proklamiert wurden am Ende der Zusammenkunft zwei Älterleute, wobei die verschiedenen Parteien jeweils nur ihren Kandidaten anerkannten. Bürgerschaft und Ältestenbank sandten Deputierte an den König in Schweden ab, damit er die streitige Wahl entscheide.

Strittig war zwischen den Parteien die Frage, ob Plönnies überhaupt wählbar sein konnte, denn er kam direkt aus der Mitte der Bürgerschaft. Bis zu diesem Zeitpunkt aber wurden immer nur Mitglieder aus dem Leitungsgremium der Gilde, der Gruppe der sogenannten Ältesten, zum Ältermann gewählt. Das Argument der stimmenmäßig  unterlegenen Seite gründet also auf Herkommen und Gewohnheit, während die stimmenmäßig stärkere Seite mit dem Argument der Stimmenmehrheit auf einer verfahrensrechtlichen Grundlage argumentierte.

Die königliche Entscheidung kam binnen Jahresfrist vergleichsweise schnell und sie war ein typischer judikativer Kompromiss der Frühen Neuzeit, mit dem beide Seiten gut leben konnten. Plönnies wurde, da er die meisten Stimmen hatte, als Ältermann bestätigt; er legte seinen Amtseid am 13. Mai 1681 auf dem Rathaus ab. Künftig aber sollten die Bürger ihre Stimmen nur denen geben, die sie bereits zuvor als Älteste gewählt hatten.

Ob es bei dieser Wahl vorher im Gremium der Ältesten Absprachen über den Ausgang der Wahl gegeben hatte, ist nicht überliefert. Jedenfalls war nicht nur die Abstimmung in einer echten Entscheidung zwischen alternativen Kandidaten umkämpft, sondern auch das Wahlverfahren selbst war umstritten. Die Positionen von politisch oben stehenden und weniger mächtigen Mitgliedern der Großen Gilde mussten, das zeigt dieses Beispiel, immer wieder neu ausgehandelt werden.

Dr. Dennis Hormuth

Zahlreiche weitere Quellen aus der Dokumentesammlung des Herder-Instituts werden als „Archivale des Monats“ in kurzen Beiträgen vorgestellt.

Literatur:

Christoph Dartmann, Günther Wassilowsky, Thomas Weller (Hrsg.): Technik und Symbolik vormoderner Wahlverfahren (= Historische Zeitschrift, Beihefte, N F. 52), München 2010.

Dennis Hormuth: Einbürgerungen im 17. Jahrhundert (am Beispiel von Georg Plönnies)

Dennis Hormuth: Wahlen in der Großen Gilde zu Riga. Ein Beitrag zu bürgerlichen Partizipationsfor­men in der vormodernen Stadt, in: Zapiski Historyczne 78 (2013), S. 591-612.

Hagen Keller: Wahlformen und Gemeinschaftsverständnis in den italienischen Stadtkommunen, in: Reinhard Schneider, Harald Zimmermann (Hrsg.): Wahlen und Wählen im Mittelalter (= Vorträge und Forschungen 37), Sigmaringen 1990, S. 315-374.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.