Ausstellung: Kulturerbe im Fokus

Alte und neue Fotografien aus dem internationalen Verbundprojekt „Forschungsinfrastruktur Kunstdenkmäler in Ostmitteleuropa“

Von über 5000 Fotos in der Projekt-Datenbank zeigen wir etwa 40 in der Ausstellung im Herder-Institut. Die Ausstellung soll ein Vorgeschmack auf die Datenbank sein. Sie möchte aber auch die Vielfalt und den Wert des Kulturerbes in Ostmitteleuropa in alten und neuen Aufnahmen aufzeigen. Der Grundgedanke der Ausstellung war einen Querschnitt durch das Projekt mit Fotos aus jeder Partnerinstitution, von jedem Fotografen, aus jedem Land und mit Motiven von jeder im Projekt vertretenen Kunstgattung zu zeigen. Wir wollten sowohl alte, als auch neue Aufnahmen vorstellen, manchmal, wie im Beispiel des Chorgestühls in Heinrichau im direkten Vergleich miteinander.

Blick in die Ausstellung "Kulturerbe im Fokus"
Blick in die Ausstellung „Kulturerbe im Fokus“

Zu sehen sind sowohl allgemeinbekannte Denkmäler wie die Marienkirche in Krakau, solche, die zu Vorbildern wurden und die Hauptströmungen und Tendenzen der europäischen Kunstgeschichte widerspiegeln wie z.B. die Sigismundkapelle der Kathedrale in Krakau, aber auch Besonderheiten der osteuropäischen Kulturlandschaft, die einzelnen Phänomene wie die Holzarchitektur der Orthodoxe Kirche Sankt Paraskewa in Kwiatoń (Polen) oder die ausdrucksstarken Skulpturen der Holzbildhauers Johann Georg Pinsel aus der heute zerstörten Kirche in Hodowyzja (Ukraine).

Die in der Ausstellung präsentierten Fotografien zu den Kunstdenkmälern wurden mit kurzen Geschichten versehen. Sie erzählen ein Stück der Geschichte der Region und machen auf die interessantesten Aspekte der dargestellten Objekte aufmerksam. Sie stellen auch Bezüge zu unserem Projekt „Forschungsinfrastruktur Kunstdenkmäler in Ostmitteleuropa“ (FoKO) her.

Jesuitenkirche in Grodno

Die Geschichte der Kirche Sankt Franz Xaver in Grodno ist eng verbunden mit der Berufung des Jesuitenordens in die Stadt. Die Kirche war Teil des ehemaligen Klosterkomplexes.

Katholische Kirche Sankt Franz Xaver in Hrodna/Grodno/Гродна (Weißrussland), Foto von Henryk Poddębski, 1932
Katholische Kirche Sankt Franz Xaver in Hrodna/Grodno, Foto von Henryk Poddębski, 1932

Das Ausheben der Fundamente für die heutige Kirche begann 1674, am 30. Mai 1700 wurde dort die erste Messe gefeiert. Bei dem Bau handelt es sich um eine dreischiffige Basilika mit zwei Türmen (errichtet um 1750), einem Transept und einer Vierungskuppel. Die in der Winteraura illuminierte Hauptfassade auf dem Bild des bekannten polnischen Vorkriegsfotografen Henryk Poddębski (1890-1945) veranschaulicht perfekt die für seine Lichtbilder so charakteristische, meisterhafte Verbindung von Dokumentation und hochwertiger Kunstfotografie.

Schlafender Chronos in Osek

Die ehemalige Zisterzienser-Abtei Oesk ist eine der bedeutendsten Klosteranlagen Nordböhmens. Förderung erfuhr das Kloster vor allem durch das lokale Adelsgeschlecht der Hrabischitz. Ihrer Memoria dient auch ein 1717 entstandenes barockes Grabmal in der Klosterkirche, welches die Zeitlichkeit alles Irdischen mit der Überzeitlichkeit christlichen Glaubens verknüpft. Sein Können zeigt der Bildhauer, Giacomo Antonio Corbellini, besonders in der Figur des schlafenden Chronos, etwa bei der Gestaltung der ruhenden Gesichtszüge oder den sich unter den Hautpartien abzeichnenden Muskeln, Adern und Fingergelenken.

Die Figur des Chronos ist das Leitmotiv (und hier Titelbild des Beitrags), denn sie scheint auf mehreren Assoziationsfeldern von hohem Symbolwert für das Forschungsvorhaben: Ganz vordergründig ruft sie die longue durée des definierten Untersuchungszeitraums von 1000 bis 1800 auf. Zudem verweist sie auf die Zeitlichkeit des Projektes in weiterem Sinn, denn zum einen ist dieses in konkrete wissenschaftliche und gesellschaftliche Kontexte eingebunden, also “ein Kind seiner Zeit“, und zum anderen auf eine bestimmte Laufzeit begrenzt. Nicht zuletzt stellt sich in der digitalen Ära die Frage nach der dauerhaften – gleichsam überzeitlichen – Bewahrung und Sicherung von Daten und Ergebnissen.

Reliquienverehrung in Burg Karlštejn

Die etwa 30 km südwestlich von Prag gelegene Burg Karlštejn wurde 1348 von Karl IV. gegründet und in der Folge als Aufbewahrungsort der Reichskleinodien und der Reliquiensammlung Karls aufwendig ausgestaltet. In der Schatzkammer des Kleinen Turms (ehemals Stiftskapelle Unserer Lieben Frau) befindet sich an der Westwand oberhalb des Portals eine Szene, die exemplarisch für Karls Frömmigkeit und Reliquienverehrung zu lesen ist. Als Wandmalerei mit plastischen Applikationen zeigt sie den Kaiser mit seiner dritten Gemahlin Anna von Schweidnitz bei der Weisung und Verehrung des böhmischen Reliquienkreuzes.

Wandgemälde "Karl IV. und Anna von Schweidnitz verehren das böhmische Reliquienkreuz", Schloss Karlstein/Hrad Karlštejn (Tschechien)
„Karl IV. und Anna von Schweidnitz verehren das böhmische Reliquienkreuz“, Schloss Karlstein/Hrad Karlštejn (Tschechien)

Die vermutlich von Karls Hofmaler Nikolaus Wurmser von Straßburg um 1361/62 ausgeführte Malerei bezieht sich auf die frühchristliche Bildtradition Konstantins und seiner Mutter Helena, in deren Nachfolge das Kaiserpaar eingeschrieben wird. Die konkrete Vorlage gab das mit Kameen verzierte Reliquienkreuz, das auf der Burg aufbewahrt wurde, und dessen Gestalt aus zwei weiteren Malereien auf Karlštejn bekannt ist.

Zu allen 40 in der Ausstellung gezeigten Fotografien finden Sie eine Geschichte. Sie erzählen interessante Aspekte der Region und geben Informationen zu dargestellten Objekten. Wir freuen uns auf Ihren Besuch!

Ksenia Stanicka-Brzezicka

Ausstellung: Kulturerbe im Fokus
erstklassige Fotografien bestaunen
Termine dieser Ausstellung
26.02.2018 – 18.05.2018
Herder-Institut, Marburg
Veranstaltungsort: Gisonenweg 5-7, 35037 Marburg
Öffnungszeiten: Montag bis Freitag, 8:00 – 17:30 Uhr

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