Zur „Erhaltung ehrenhafter kaufmännischer Gesinnung“

Der Eid der Großen Gilde in Tartu 1920

Unterhalb des Rates dominierten jahrhundertelang die Gilden der Kaufleute und Handwerker die Politik innerhalb der selbstverwalteten livländischen Städte. Zugelassen waren zu den Gilden nur Einwohner der Stadt, die den rechtlichen Status eines Bürgers für sich in Anspruch nehmen konnten. Überspitzt formuliert waren dies reiche Männer deutscher Sprache. Neben dem ‚Ersten Stand‘ des Rates galten in Riga die Große Gilde der Kaufleute als der ‚Zweite Stand‘ und die Kleine Gilde der Handwerker als der ‚Dritte Stand‘ in der städtischen Verfassung. Eine Entscheidung von besonderer Tragweite, wie etwa eine Steuererhebung, konnte nur dann durchgeführt werden, wenn zwei der drei Stände den Beschluss trugen. Die Gilden waren somit (zumindest theoretisch) in der Lage, den eigentlich politisch dominierenden Stadtrat zu überstimmen oder ihm gewisse Handlungen vorzuschreiben. Mit zunehmendem staatlichem Zugriff auch auf die innere Verwaltung der Städte schwanden die politischen Privilegien der Gilden bis sie diese schließlich in der Zeit der lettischen und estnischen Eigenstaatlichkeit in der Zwischenkriegszeit endgültig einbüßten. Die Gilden konnten nur noch als privatrechtliche Vereinigungen weiterbestehen.

Ihrer politischen Machtinstrumente verlustig gegangen konnten sie aber noch drei der bisherigen Aufgaben weiterhin wahrnehmen: Das ist zum einen die Funktion als berufsständische Korporation und wirtschaftliche Interessensvertretung. Zum anderen waren die Gilden immer schon ein geselliges Zentrum mit ritualisierten und traditionsreichen Versammlungen. Zudem fungierten sie immer auch als karitative Versorgungseinrichtung für verarmte Gildemitglieder oder für Witwen von Gildebrüdern.

Große Gilde zu Dorpat
Brudereid der Großen Gilde zu Dorpat

Beredtes Zeugnis für die Fortsetzung dieser Tradition ist das Protokollbuch der Großen Gilde zu Tartu aus den Jahren 1919-1927. In ihm wurden die Sitzungen der Gilde in diesem Zeitraum festgehalten. Als Beilage zum Protokoll der festlichen Fastnachtsversammlung vom 25. März 1920 befindet sich ein eingelegter Zettel darin, auf dem der Wortlaut des Brudereides (= Aufnahme- oder Mitgliedseid) überliefert ist. Als Eindruck aus dieser Zeit der Gildegeschichte des Baltikums soll er hier im Wortlaut wiedergegeben werden:

Ich bestätige hiermit, dass mir heute von dem Herrn Aeltermann der Grossen Gilde zu Dorpat der § 1 der Satzungen der Grossen Gilde in folgendem Wortlaut verlesen worden ist.

Die im Jahr 1327 gegrundete Grosse Gilde zu Dorpat ist eine Vereinigung von Bürgern der Stadt Dorpat zur dauernden Förderung u[nd] Schutz des örtlichen Handels u[nd] der Industrie zur Pflege kaufmännischer u[nd] technischer Bildung u[nd] Wissenschaft, sowie zur Unterstützung gemeinnützlicher kultureller Bestrebungen u[nd] Erhaltung ehrenhafter kaufmännischer Gesinnung. Ebenso gehört zu den Aufgaben der Grossen Gilde die Pflege allgemeiner Wohltätigkeit u[nd] gegenseitiger Hilfeleistung unter den Mitgliedern.

Ferner bestätige ich in Gegenwart der versammelten Glieder der Aeltestenbank mit meinem Handschlag gelobt zu haben als Gildenbruder die Zwecke u[nd] Aufgaben der grossen Gilde zu Dorpat mit allen meinen Kräften zu fördern, sowie die Aemter u[nd] Verpflichtungen, welche mir von der Gilde auferlegt u[nd] anvertraut werden, nach Möglichkeit anzunehmen u[nd] mit meinem besten Können treu u[nd] gewissenhaft zu erfüllen.

(Unterschrift: Raphoph)

Dr. Dennis Hormuth

Zahlreiche weitere Quellen aus der Dokumentesammlung des Herder-Instituts werden als „Archivale des Monats“ in kurzen Beiträgen vorgestellt.

Literatur:

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