Taxations-Tabellen für Landmesser in Livland 1873

Eine wichtige Quelle zur Steuer- und Landwirtschaftsgeschichte

Zu jeder moderneren Staatsverwaltung gehören Steuerreformen, so auch im Livland des 19. Jahrhunderts. Hier sollte in den 1870er Jahren eine Grundsteuerreform durchgeführt werden. Zur Vorbereitung dieser waren auf Beschluss des livländischen Landtages vom 8. und 9. Juni 1872 für alle noch nicht vermessenen Hofsländereien der Privat-, Ritterschafts- und Stiftsgüter sowie der Pastorate Vermessungen durchzuführen. Die Kosten für diese Vermessungen mussten die Gutsherren tragen, die Einschätzung der Messergebnisse und Umrechnung derselben in Haken und Taler wurden auf Landeskosten durchgeführt. Als Frist für die Vermessung der Ländereien wurde der 1. Januar 1875 angesetzt, damit die Ergebnisse rechtzeitig vor dem nächsten Landtag, der turnusgemäß alle drei Jahre stattfand, vorliegen konnten.

Gut Stolben im Wolmarschen Kreis, Zeichnung von Johann Christoph Brotze
Gut Stolben im Wolmarschen Kreis, Zeichnung von Johann Christoph Brotze

Um Gültigkeit zu erlangen und um ausreichenden Effekt zu erzielen, wurde dieser Landtagsbeschluss am 4. Dezember 1872 durch das Livländische Generalgouvernement als Patent publiziert. Durch diesen Vorgang veranlasst, regte das Generalgouvernement eine technische Handreichung für die Vermessungen an. Sie wurde durch den stellvertretenden livländischen Gouvernements-Landmesser Wolgin verfasst, der dabei auf einer bestehenden Ordnung vom Anfang des 19. Jahrhunderts aufbauen konnte.

  • Taxations-Tabellen für Landmesser in Livland, zur Berechnung der Ländereien nach Thalern, als auch Verwandlung der Loffstellen und Tonnstellen in Dessätinen, Quadratfaden und Quadratfuß. Durchgesehen und vervollständigt im Jahre 1873“ (DSHI 140 Baltikum 304, vgl. die Abbildungen).

Die Ländereien wurden in drei Kategorien geteilt: A. Brustäcker und Gärten, B. Buschländer, C. Heuschläge. Alle drei Kategorien wurden noch einmal in vier Klassen geteilt, geordnet nach der Güte des Bodens und der daraus zu erwartenden Ertragskraft. Die Brustäcker und Gärten wurden nach Anteil und Tiefe der hochwertigen Schwarzerde und dem darunter befindlichen Untergrund bemessen. Die Buschländer bemaß man nach der Art und Güte des Bewuchses und die Heuschläge nach dem Ertrag in Fudern Heu pro Tonnstelle.

Umrechnungstabellen für Flächenmaße

Erd-Taxe
Erd-Taxe für Brustäcker und Gärten

Den Hauptteil der Quelle bilden Taxationstabellen in Talern nach Größe und Güte der Ländereien. Im zweiten Teil befinden sich Umrechnungstabellen der livländischen Flächenmaße in russische Dessätinen. Insgesamt handelt es sich um eine sehr aussagekräftige Quelle zur Frage, wie agrarwirtschaftliche Ertragserwartungen fiskalpolitisch umgesetzt werden konnten. Sie bietet Erkenntnisse über agrarwirtschaftliche Grundannahmen und kann als Basis für Untersuchungen zur Agrar- und Fiskalpolitik Livlands unter russischer Herrschaft zur Zeit der Nationalisierungen Europas dienen.

Dr. Dennis Hormuth

Zahlreiche weitere Quellen aus der Dokumentesammlung des Herder-Instituts werden als „Archivale des Monats“ in kurzen Beiträgen vorgestellt.

Quellen/Literatur:

  • Johannes Keussler: Der livländische Thaler und die Grundsteuerreform, in: Baltische Monatsschrift XXV (1877), S. 139-159 und 234-249.
  • Bericht der Central-Commission zur Vorbereitung der Grundsteuer-Reform in Livland, Riga 1876.

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