Archivrecherchen in Riga und Daugavpils

Ich lande spät abends am 8. Oktober in Riga und verlasse den Flughafen in Richtung Bushaltestelle. Es herrschen bereits winterliche Temperaturen und ich bin froh, meine wärmste Jacke mitgebracht zu haben. Der Bus bringt mich in die Innenstadt und hält fast direkt vor meinem Appartement. Mit der Wohnung hatte ich wirklich Glück, da sie nicht weit entfernt vom Historischen Staatsarchiv und auch nahe der Nationalbibliothek gelegen ist.

Am nächsten Morgen mache ich mich gleich als erstes auf ins Archiv, in dem ich in den nächsten sechs Wochen die meiste Zeit verbringen werde. Ich habe schon ein paar Findbücher vorbestellt, was per Mail problemlos möglich war. Die Mitarbeiterinnen im Lesesaal sind sehr hilfsbereit und eine von ihnen spricht sogar Deutsch. Mein Forschungsthema lautet „Minderheits- und Loyalitätskonflikte in Lettland 1900-1940“ und ich will beispielhaft die Städte Daugavpils und Aizpute vergleichen. Ich habe beschlossen zuerst die Akten zu Daugavpils in der Zwischenkriegszeit durchzugehen, was wie sich herausstellt die ganzen sechs Wochen dieses ersten Archivaufenthalts beanspruchen wird. Die Arbeit mit den Findbüchern ist relativ mühsam, da die meisten von ihnen größtenteils auf Lettisch sind, das ich gerade erst angefangen habe zu lernen, und die Beschreibungen der Akten oft recht vage sind. Aber mit Hilfe des Wörterbuchs geht es.

Man kann so viele Akten bestelle wie man möchte, allerdings werden einem, je nach Dicke der Akten, maximal 10 davon pro Tag geliefert. Die Bestellung funktioniert problemlos und die ersten Akten werden meist am nächsten Tag geliefert. Teilweise enthalten die Akten aber nicht das, was ich erwarte, oder ich musste mich durch viele kleine Zettel blättern um ein paar wertvolle Informationen zu erhalten, aber manchmal sind sie durchaus ergiebig. Mit Abstand am meisten finde ich zu Minderheitenschulen in Daugavpils.

Fotografieren von Akten ist erlaubt

Da es inzwischen auch erlaubt ist im Archiv zu Zwecken der eigenen Forschung zu fotografieren, kann ich viele Fotos von Dokumenten, die mir interessant erschienen machen und werde sie in Marburg in Ruhe auswerten, da auch die Dokumente zum Großteil auf Lettisch und nur manchmal in den Minderheitensprachen verfasst sind. Einen besonderen Fund mache ich nur durch sehr viel Glück; eine Kollegin, die ich bei einer Konferenz im Sommer kennengelernt hatte, hat eine Akte bestellt, die aber nicht das enthielt was sie erwartet hat, sondern Dokumente zum „polnischen Separatismus in Lettgallen“, die für mich natürlich sehr interessant sind.

Soviel zu der Archivarbeit, die so oder so ähnlich jeden Tag abgelaufen ist. Insgesamt ist die Arbeit im historischen Staatsarchiv Lettlands sehr angenehm. Es empfiehlt sich nur in der kalten Jahreszeit unbedingt einen Schaal mitzubringen und etwas zu Essen, da es in der näheren Umgebung nicht viele Möglichkeiten gibt.

Blick auf die Daugava
Blick auf die Daugava
Sehenswertes in Riga

Abends und an den Wochenenden gibt es in Riga natürlich jede Menge zu entdecken; Angefangen bei den Sehenswürdigkeiten der Altstadt wie Petrikirche, Dom und Schwarzhäupterhaus, über die zahlreiche Museen, wie beispielsweise das Kunstmuseum, wo man Gemälde lettische Künstler bestaunen kann, das Staatshistorische Museum, das als ich es besuche schon eifrig für die anstehende Feiertage im November geschmückt und beflaggt wird, oder das Museum über die Okkupation Lettlands bis zum Jugendstilviertel und den unzählige Cafés und Restaurants.

Sehr empfehlenswert sind auch der große Markt (Centraltirgus) in Nähe des Hauptbahnhofs, auf dem man in großen ehemaligen Zeppelinhallen alles bekommt was das Herz begehrt, oder der sehr viel kleinere und gemütliche „Bauernmarkt“ an der Kalnciema iela inmitten von historischen Holzhäusern, auf dem man neben landwirtschaftlichen Produkten, die oft liebevoll zu wahren essbaren Kunstwerken weiterverarbeitet sind auch viel Schmuck, Kunsthandwerk und Kleidung findet. Am Wochenende lohnt sich auch eine halbstündige Zugfahrt nach Jurmala an die Ostsee, wo man die historische Holzarchitektur neben modernen Bauwerken bewundern und bei einem Spaziergang am Strand oder leckerem Essen entspannen kann.

Kurztrip nach Daugavpils

Da das Archiv jeden letzten Donnerstag im Monat geschlossen ist, beschließe ich am 26. und 27. Oktober nach Daugavpils zur Recherche zu fahren. Nach einer vierstündigen Zugfahrt durch verschneite Birkenwälder und Sumpflandschaften, vorbei an kleinen Dörfern, erreiche ich am Vormittag Daugavpils. Die Stadt entstand an einem wichtigen Verkehrskotenpunkt zwischen Riga, St. Petersburg und Warschau. Sie ist dadurch und durch die Lage in einer Grenzregion in ihrer Geschichte durch den Einfluss wechselnder Herrschaftsverhältnisse geprägt worden und war stets, besonders in der Zwischenkriegszeit, sehr multikulturell und -religiös, was man auch heute noch am Stadtbild erkennen kann.

Am Nachmittag treffe ich mich an der Universität Daugavpils mit Irena Saleniece vom Oral History Archiv, die mir ein paar wertvolle Tipps für meine weitere Recherche gibt und auch eine Einführung in das Oral History Archiv. Bei meinem nächsten Forschungsaufenthalt werde ich dort wahrscheinlich eine Woche Zeit verbringen und die Transskripte und Audioaufnahmen durchgehen. Außerdem besuche ich das Mark Rothko Art Centre in der Festungsanlage von Daugavpils, das neben den Werken des Künstlers, der hier geboren wurde, auch Hintergrundinformationen zur jüdischen Geschichte der Stadt ausstellt. Am nächsten Tag gehe ich vor meiner Abfahrt noch ins Regionalhistorische Museum, was die besondere Geschichte der Region Lettgallen näher beleuchtet. Ich bin die einzige Besucherin. Die Ausstellung ist sehr interessant, aber leider wegen Renovierungsarbeiten zum Teil gesperrt. Bei meinem nächsten Besuch muss ich mir auch hierfür nochmal mehr Zeit nehmen und einen Termin vereinbaren um einen Einblick in die weiteren Bestände des Museums zu bekommen.

Einen besonderen Abschluss für meine Archivreise bildet der Lettische Unabhängigkeitstag am 18. November. Er wird seit zehn Jahren in der Altstadt Rigas begleitet von Lightshows, Bild- und Videoprojektionen auf Sehenswürdigkeiten mit der passenden musikalischen Untermalung, Konzerten und einem Fackelzug gefeiert.

Dom zu Riga
Dom zu Riga

Menschenmassen ziehen durch die ganze Stadt um sich die verschiedene Kunstwerke anzusehen. Zum Glück ist das Wetter an diesem Abend relativ gut und trübt nicht die feierliche Stimmung.

Vera Volkmann M.A.

Kurzfassung des Berichts in englischer Sprache im Blog “Konfliktregionen im östlichen Europa

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