Baltica-Bestände in der Dokumentesammlung

Die Mitarbeiter der Dokumentesammlung (DSHI) antworten auf die Frage nach den Baltica-Beständen gerne: Die DSHI ist Baltikum. Die baltische Region ist nicht nur unser „Schwerpunkt“, sie ist vielmehr zentrales Sammlungs- und Arbeitsprofil. Die DSHI ist das größte Archiv zur baltischen Geschichte in Deutschland. Mit ca. 1 500 lfd. Regalmetern ist es zugleich eines der größten Archive zur Geschichte Estlands, Lettlands und Litauens außerhalb dieser Länder. Damit ist eine breitangelegte baltische Kompetenz der Mitarbeiter Dorothee M. Goeze und Peter Wörster verbunden, also die Vertrautheit mit Geschichte, Geografie und Landeskunde und mit der aktuellen „scientific community“.

Die Kenntnis der in der Geschichte der baltischen Region wichtigen Sprachen (Latein, Deutsch, Schwedisch, Russisch, Polnisch, Estnisch, Lettisch) ist dabei selbstverständlich. 2009 wurde der Dokumentesammlung der „Hessische Archivpreis“ für die Verdienste „um den Kulturgutschutz und die Archivierung von Schriftquellen und Dokumentationsgut“ verliehen.

Familienarchiv Nolcken in der Dokumentesammlung
Familienarchiv Nolcken in der Dokumentesammlung

Die Dokumentesammlung ist ein typisches Sammlungsarchiv. Neben der archivischen Überlieferung von Behörden, Institutionen und Gesellschaften bewahrt sie vor allem Materialien mehr familiärer, privater Herkunft (Nachlässe und Familienarchive). Gerade in dieser Hinsicht bilden die Baltica-Bestände wertvolle Quellen zur Erforschung der baltischen Geschichte – komplementär zu den großen Archiven in Estland und Lettland. Unsere Bestände sind zu ca. 75 % Deposita bedeutender Leihgeber: der Bundesrepublik Deutschland, der Baltischen Ritterschaften, der Baltischen Historischen Kommission, des Deutschbaltischen Kirchlichen Dienstes, einzelner deutschbaltischer Familienverbände u.a.

Es gibt alle Arten von Archivgut: von der Staatsurkunde bis hin zu kleinen, für die Regionalgeschichte relevanten Dokumenten, aber auch Akten, Korrespondenzen, Tagebücher, Memoiren, Poster, Stammbücher, persönliche Arbeitspapiere einzelner Personen u.v.m.

Kopienbestand von verfilmtem Archivgut

Zu dieser Originalüberlieferung kommt ein großer Kopienbestand, der von der Verfilmung baltischen Archivguts im Zusammenhang mit der Umsiedlung der Deutschbalten 1939/40 stammt, als in den großen Archiven Estlands und Lettlands ca. 800 000 Mikrofilmaufnahmen hergestellt werden durften (750 000 überstanden den Zweiten Weltkrieg). Diese befinden sich seit 1952 im Archiv des Herder-Instituts. Die Mikrofilme bzw. Papierrückvergrößerungen der Aufnahmen haben zum Teil unikalen Charakter und dürfen wie Originale gelten, da wegen der Verluste in der Kriegs- und Nachkriegszeit heute in Estland und Lettland nicht mehr alle Originale erhalten sind, die 1940 verfilmt wurden. In der Zeit des Kalten Kriegs waren die Originalbestände in Estland und Lettland für die westliche Forschung nicht oder nur eingeschränkt benutzbar, sodass die Kopien in Marburg als Ersatz dienten.

Recherche und Nutzung

Die Baltica-Bestände und die Geschichte des Archivs wurden bereits im Jahre 2000 eingehend beschrieben (Archivbestände zur Geschichte Est-, Liv- und Kurlands in der Dokumentesammlung des Herder-Instituts. Bearb. von Csaba János Kenéz u. Peter Wörster). Seitdem haben sich die Bestände verdreifacht.

Seit 2005 werden die Bestände und Findlisten in einer Datenbank nachgewiesen, seit 2014 auch im Archivportal Europa (Archives Portal Europe), wo sie benutzerfreundlich zusammen mit den Archivbeständen in Estland und Lettland recherchierbar sind. Außerdem sind Personennachlässe in der Nachlassdatenbank des Bundesarchivs, Stammbücher in der Stammbuchdatenbank der Universität Nürnberg-Erlangen und Porträts aus den Archivbeständen in der Porträtdatenbank DigiPortA (Deutsches Museum München) nachgewiesen. Darüber hinaus werden schriftliche und mündliche Auskünfte erteilt und Nutzer bei ihren Besuchen im Herder-Institut ausführlich beraten.

Kurländische Güterurkunde, Pilten 1347, Dokumentesammlung (DSHI 190 Kurland IV, 18)
Kurländische Güterurkunde, Pilten 1347, Dokumentesammlung (DSHI 190 Kurland IV, 18)

In jedem Jahr kommen ca. 100 Forscher aus vielen Ländern mit ihren verschiedenen Forschungsthemen an durchschnittlich 600-700 Benutzertagen persönlich nach Marburg und erhalten die benötigten Archivalien vorgelegt. Neben Privatforschern zählen zu den Archiv-Nutzern auch Projektmitarbeiter und verstärkt Studierende von Universitäten, z.T. auch im Rahmen der Lehrveranstaltungen, welche die Archivmitarbeiter an der Universität Marburg anbieten. Auch die externe Nutzungsmöglichkeit in Form von Auskunftserteilung per e-mail oder Telefon oder der Aussendung von Scans wird gern angenommen.

Wissenstransfer und Forschung

Die baltischen Archivbestände sind Ausgangspunkt und Grundlage zahlreicher Kooperationen mit Institutionen und Forschern im In- und Ausland, insbesondere in Estland und Lettland. Gegenseitige, möglichst regelmäßige Besuche sind selbstverständlich. Das von der DSHI initiierte Archivportal HerBalt (Hereditas Baltica, „Virtueller Lesesaal“ für baltisches Archivgut) dient der Digitalisierung baltischer Archivbestände und ihrer Bereitstellung im Internet. Hier werden Archivalien aus Estland, Lettland und der DSHI einbezogen, die einst geschlossene Bestände bildeten und im Zuge politischer Ereignisse (im 20. Jh. insbesondere durch die Umsiedlung der Deutschbalten) geteilt wurden. Diese werden in einem Archivportal „virtuell zusammengeführt“ und gemeinsam mit einer Datenbank und den Digitalisaten online verfügbar gemacht. Nutzer können so über unsere Archivdatenbank recherchieren und dank der Verlinkungen die digitalisierten Archivalien direkt im estnischen Portal „Saaga“ oder im entsprechenden lettischen Portal einsehen. HerBalt ist das größte langfristig angelegte Projekt der Zusammenarbeit im Archivbereich zwischen Deutschland und den baltischen Staaten.

In einem ersten Teilprojekt (2011-2014) mit dem Estnischen Nationalarchiv standen grundlegend wichtige Materialien zur Personenkunde und zentral bedeutsame Quellen zur politischen Geschichte des Baltikums, speziell Estlands, im Vordergrund: das Archiv der Matrikelkommission der Estländischen Ritterschaft (bis 1920), das Archiv der Matrikelkommission des Estländischen Gemeinnützigen Vereins (1920-1939), das Archiv des deutschbaltischen Genealogen und Archivars Gottfried Carl Georg von Törne (1854-1918) sowie Landtagssachen der Estländischen Ritterschaft 1800-1851.

Archiv der Compagnie der Schwarzen Häupter zu Riga

Das zweite Teilprojekt (2013-2015) wird gemeinsam mit dem Lettischen Nationalarchiv ausgeführt. Es betrifft das Archiv der Compagnie der Schwarzen Häupter zu Riga, eine der angesehensten gesellschaftlichen Institutionen in Riga vor dem Zweiten Weltkrieg. Dieses Archiv wurde 1940 im Zuge der Umsiedlung der Deutschbalten geteilt. Die ältesten Originalstücke, zur Ausfuhr aus Lettland freigegeben, waren seit 1952 im Archiv des Herder-Instituts. Das jetzt kurz vor dem Abschluss stehende deutsch-lettische Projekt wird die beiden in Deutschland und Lettland befindlichen Teile „virtuell zusammenführen“ und erstmals seit 1939/40 gemeinsam recherchierbar machen.

Aktenbestand „Kurländische Seelenrevisionen“

Das dritte Teilprojekt erfolgt ebenso in Zusammenarbeit mit dem Lettischen Nationalarchiv: Es geht dabei um den Aktenbestand „Kurländische Seelenrevisionen“ aus den Jahren 1797 bis 1834, die die Grundlage für die Erhebung von Kopfsteuern waren, die Peter der Große im Russischen Reich eingeführt hatte, um die Staatseinnahmen zu erhöhen. Sie sind eine wichtige Quelle für demografische und prosopografische Forschungen. Da im Historischen Staatsarchiv Lettlands in Riga die Listen im Original nicht mehr vollständig erhalten sind, stehen in diesen Fällen allein die in Marburg überlieferten Kopien der Forschung zur Verfügung. Die in den Revisionslisten auftretenden Familiennamen sind zu einem großen Teil in einer Datenbank erfasst. Diesem deutschlettischen Projekt kam zugute, dass die Seelenrevisionslisten bereits in einem früheren Projekt mit dem Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock aufbereitet werden konnten. Diese Quelle wurde dort für ein Forschungsvorhaben zum Vergleich der Bevölkerungsentwicklung in verschiedenen europäischen Territorien benötigt.

Ein viertes Teilprojekt betrifft die Zusammenarbeit zwischen dem Herder-Institut und der Germanistik an der Universität Dorpat (Tartu). In der Dokumentesammlung des Herder-Instituts befinden sich die umfangreichen Materialien zum Deutschbaltischen Wörterbuch (Archivsignatur: DSHI 180 DBW). Diese werden in einem Projekt bearbeitet, das die Herausgabe eines Wörterbuchs – online wie auch klassisch gedruckt – zum Ziel hat. Die Finanzierung wird durch das Wissenschaftsministerium Estlands gesichert.

Kooperationen bei Ausstellungen und Buchprojekten

Weitere Kooperationen betreffen Ausstellungen, von denen die großen, repräsentativen genannt seien: „Gutshof unter den Eichen. Orellen und die Familie von Campenhausen in Livland“ (mit dem Schlossmuseum Ruhenthal (Rundāle) in Lettland), „Glanz und Elend. Mythos und Wirklichkeit baltischer Herrenhäuser“ (mit der Carl-Schirren-Gesellschaft und dem Ostpreußischen Landesmuseum, Lüneburg) und die in Vorbereitung befindliche Ausstellung „Schloss Alatskivi und die Geschichte der Familie v. Nolcken“ (mit dem Ostpreußischen Landesmuseum, der Stiftung Schloss Alatskivi in Estland und dem Estnischen Historischen Staatsarchiv). Zu allen wurden (oder werden) umfangreiche Archivalien zur Verfügung gestellt und wissenschaftliche Beiträge geliefert.

Zeichnung des Wappens des „Livländischen Königs“ (DSHI 190 Kurland VI, 3, Osten-Sacken, Abb. m. frdl. Genehmigung des Eigentümers)
Zeichnung des Wappens des „Livländischen Königs“ (DSHI 190 Kurland VI, 3, Osten-Sacken, Abb. m. frdl. Genehmigung des Eigentümers)

In Vorbereitung befindet sich auch das Projekt der Edition eines Regestenwerks zu den Livländischen Landtagsrezessen (1643-1920) (mit der Baltischen Historischen Kommission, Göttingen, und dem Lettischen Nationalarchiv). Archivische Grundlagenarbeit, die zu einem nicht geringen Anteil selbst Forschung ist, hat zum Ziel, den Wissenschaftlern primäre Quellen für ihre vielfältigen Themen zu erschließen. Durch Übernahme, Verzeichnung und Zugänglichmachung neuer Archivbestände werden der Forschung immer wieder neue Impulse gegeben, ältere Positionen zu überprüfen oder auch neue Fragestellungen zu entwickeln. Diesem Anliegen dienen die DSHI-Archivbestände mit Blick auf die baltische Geschichte in besonderer Weise. Unter Verwendung von DSHI-Archivgut entstehen 20 bis 30 Publikationen pro Jahr. Als Autoren haben daran die Mitarbeiter der DSHI und viele in- und ausländische Forscher Anteil, vor allem auch die Stipendiaten des Instituts.

Ausgewählte Bestände der Dokumentesammlung
Die Pacta Subiectionis, Wilna, 28. November 1561: Das Ende des Urkundentextes mit der Unterschrift von König Sigismund August und mit seinem Siegel, Dokumentesammlung (DSHI 190 Kurland V,4,1)
Die Pacta Subiectionis, Wilna, 28. November 1561: Das Ende des Urkundentextes mit der Unterschrift von König Sigismund August und mit seinem Siegel, Dokumentesammlung (DSHI 190 Kurland V,4,1)

Es fällt schwer, aus 1500 lfd. Regalmetern etwas Besonderes zum Baltikum auszuwählen. Die älteste Urkunde besiegelt eine Landvergabe in Kurland und stammt aus dem Jahr 1347. Die sicher bedeutendste politische Quelle sind die Pacta Subiectionis als einzig erhaltene der beiden zentral wichtigen Urkunden zu den für das Baltikum entscheidenden Ereignissen des Jahres 1561 (neben dem Privilegium Sigismundi Augusti).

In der Reihe der Familienarchive ist zuallererst das der Familie von Campenhausen (Livland) zu nennen, als das größte (in zeitlichem wie quantitativem Umfang) heute erhaltene Archiv zur Geschichte einer Familie im Baltikum. Daneben stehen aber auch Namen wie Grote/Dehio, Hehn, Kotzebue, Liphart, Mellin, Nolcken, Oettingen, Pahlen, Tiesenhausen, Wahl, Wolff, zur Mühlen usw.

Von den Nachlässen sollen hier stellvertretend Paul Campe, Albert und Bernhard v. Hollander, Alexander v. Meyendorff, Wilhelm v. Wrangell, Hellmuth Weiss stehen. Die Bestände der Sammlungen Maydell/Krusenstjern zum Baltenregiment und der Baltischen Landeswehr werden, nicht zuletzt wegen der Forschungen zum Ersten Weltkrieg und dessen Nachwirkungen genutzt.

Baltische Ritterschaften und das „Archivale des Monats“

Die Archive der Baltischen Ritterschaften sind eine nicht versiegende Quelle für viele, ganz verschiedene Aspekte baltischer Forschungen. Die „Kleinen Erwerbungen“ (DSHI 140 Balt), die nicht in einem größeren Zusammenhang überliefert sind, warten mit vielen Kleinodien auf unsere Nutzer. Das „Archivale des Monats“ gewährt kleine Blicke auf die reichhaltigen Bestände der Dokumentesammlung und lädt zur Benutzung ein.

Dorothee M. Goeze und Peter Wörster

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