Līgo – Mittsommer in Rīga

Der 66. Kongress der International Association of Music Libraries, Archives and Documentation Centres, kurz IAML-Kongress 2017 fand vom 18. bis 22. Juni in der Lettischen Nationalbibliothek in Rīga statt. Da einer der größten lettischen Feiertage das Līgo-Fest (Mittsommer) am 23. Juni bzw. die Nacht zwischen Līgo und Janu Diena (Johannistag, 24. Juni) ist, war die diesjährige Tagung um einen Tag verkürzt, hatte ja auch die gastgebende Nationalbibliothek wie viele andere Institutionen und Geschäfte geschlossen.

Tage(n) an der Daugava
Foyer der Nationalbibliothek
Foyer der Nationalbibliothek

Der Kongress fand im 2014 eröffneten imposanten Gebäude der Lettischen Nationalbibliothek am der Rigaer Altstadt genau gegenüber liegenden Flussufer der Daugava statt. Das im Gebäude selbst, nahe dem Eingangsbereich befindliche Kongresszentrum und der große Vortragssaal (Ziedonis Hall) erwiesen sich als ideal für eine Tagung dieser Größenordnung. Der Fußweg von der Nationalbibliothek in die Altstadt führt über eine große steinerne Daugava-Brücke und dauert ungefähr 10 Minuten. Überhaupt ist in Riga fast alles sehr gut zu Fuß zu erreichen, und viele schön gestaltete Parks und Grünflächen laden zum Verweilen ein.

Es war mein erster Besuch in einer baltischen Metropole und zugleich meine erste Teilnahme an einem IAML-Kongress, sodass ich im Vorfeld befürchtete, mein verschüttetes Schulenglisch würde nicht ausreichen, um alles zu verstehen bzw. mich verständlich zu machen. Als hilfreich erwies sich hier meine Teilnahme bei der Pre-Congress-Tour noch vor offizieller Eröffnung am Sonntag zum Schloss Rundale mit seiner beeindruckenden Parkanlage, 70 km südlich von Riga gelegen.
Schloss Rundale
Schloss Rundale
Kokle-Musik zur Eröffnungsveranstaltung

Bei einer kurzen Einführungsveranstaltung am späten Sonntagnachmittag für Teilnehmer, die das erste Mal bei einem IAML-Kongress dabei waren, wurden die Struktur von IAML und die IAML-Amtsträger vorgestellt. Dabei platzte der dafür vorgesehene kleine Schulungsraum aus allen Nähten, da sich fast 30 Neulinge einfanden. Bereits hier bekam man einen Eindruck von der im ganzen Kongress vorherrschenden lockeren und familiären Atmosphäre. Direkt im Anschluss fand der Eröffnungsempfang in der großen Eingangshalle der Nationalbibliothek statt, nach einer kurzen Begrüßungsrede des Bibliotheksdirektors bekamen wir in einem kleinen eindrucksvollen Konzert einen ersten Eindruck von lettischer Volksmusik, vorgetragen von einer jungen singenden und Kokle-spielenden Musikerin.

Kokle-Spielerin
Kokle-Spielerin

Bei Getränken und einem reichhaltigen Fingerfood-Buffet bildeten sich erste Gesprächsrunden, zugleich gab es die Möglichkeit, sich eine interessante Sonderausstellung zu Geschichte und Vielfalt von Musiknotation (Sound in Signs) anzusehen.

In der Eröffnungssitzung erlebten wir einen teilweise multimedialen Vortrag des lettischen Komponisten Eriks Esenvalds über sein Projekt „Northern light“. Anschließend stellte der lettische Dirigent Ints Teterovskis die Bedeutung und die Geschichte der lettischen Sängerfeste vor, angefangen beim ersten offiziellen, noch völlig deutsch geprägten Fest im Jahr 1836, über die erste lettische Beteiligung 1873 bis zur jüngeren Vergangenheit. Die Tradition dieser Sängerfeste ist in Lettland tief verwurzelt, und zu den alle 5 Jahre stattfindenden Großereignissen strömen immer noch wahre Menschenmassen. Das nächste Sängerfest 2018 wird zusammen mit den Feierlichkeiten zum 100. Jubiläum der Unabhängigkeitserklärung Lettlands stattfinden.

Für den weiteren Verlauf des Montags hatte ich mir aus dem reichhaltigen Vortragsangebot Themen ausgesucht, die einen Bezug zu meinem Arbeitsbereich versprachen, wie z.B. Musiksammlungen und Musikleben im 19. Jahrhundert oder Traditionelle Musik, wobei manche der Vorträge mit Musikbeispielen, selbst vorgetragener Musik oder sogar gemeinsamem Singen des Auditoriums erfreulich aufgelockert wurden. Für das beeindruckende Konzert des State Choir Latvija am Montagabend mit modernen Chorsätzen zu lettischen Volksliedern fällt es mir schwer, passende Worte zu finden. Diese Präzision, Dynamik, Klangschönheit und Singkultur ist wirklich unbeschreiblich.
Lettischer Nationalchor
Lettischer Nationalchor

Am Dienstag nahm ich das Angebot war, an einem Muscat Workshop der RISM-Zentralredaktion teilzunehmen, bevor am späten Nachmittag die erste Vollversammlung stattfand. Dort wurde auf die neugestaltete Homepage mit neuem Logo hingewiesen. Verschiedene Anträge wurden vorgestellt, die bei der abschließenden Vollversammlung am Donnerstagnachmittag zur Abstimmung kommen sollten. Sehr beeindruckend und informativ war die Gruppenführung durch das Gebäude der Nationalbibliothek am frühen Dienstagabend, die oberen Stockwerke mit einem grandiosen Ausblick über Riga. Auch die Struktur des Gebäudes mitsamt farblicher Ausgestaltung und verschiedenen Angeboten u.a. auch für Kinder wurde sehr überzeugend vorgestellt. Besonderes Highlight in der Musikabteilung ist der dort hinter Sicherheitsglas ausgestellte Dainu Skapis (Schrank der Volkslieder) des lettischen Volkskundlers Krišjānis Barons vom Ende des 19. Jahrhunderts. Schrank inklusive Inhalt sind eine Art „lettisches Nationalheiligtum“ und stehen auf der Liste des UNESCO Weltdokumentenerbes.

Mit Wettbewerbsfähigkeit und Finanzierungsmodellen von Musikbibliotheken sowie Linked Data und RDA beschäftigten sich am Mittwochvormittag verschiedene Präsentationen, bevor am Nachmittag die „Wednesday afternoon tours“ stattfanden. Die von mir gewählte Führung durch die Rigaer Altstadt führte vorbei an den bekannteren Sehenswürdigkeiten zu eher unbekannten Plätzen innerhalb der ehemaligen Stadtmauern.

Blick auf die Markthallen und die Brücke in der Abendsonne
Blick auf die Markthallen und die Brücke in der Abendsonne
Musiksammlung des Herder-Instituts

Am frühen Donnerstagvormittag waren dann mein Bibliotheksleiter Dr. Jürgen Warmbrunn und ich mit unserer Präsentation zur Musiksammlung des Herder-Instituts für historische Ostmitteleuropaforschung bei der Sektion „Forschungsbibliotheken“ an der Reihe. Geschichte, Bestand und Arbeit in und mit der Musiksammlung sowie deren Einbindung in die Gesamtzusammenhänge des Instituts und der Forschungsbibliothek wurden dargestellt und eine herzliche Einladung in die traditionsreiche Universitätsstadt Marburg ausgesprochen, die ich an dieser Stelle gerne wiederholen möchte. Der anschließende Vortrag der Musikhistorikerin Seija Lappalainen beleuchtete die Anforderungen der Forschungsarbeit in Bezug auf die Quellenlage in Bibliotheken und Archiven.

Ebenfalls sehr informativ war der Vortrag von Guntars Pranis. Der neu ernannten Direktor der Lettischen Musikakademie Riga sprach über das Missale Rigense, das früheste überlieferte Manuskript der Musikgeschichte Lettlands. Nach interessanten Präsentationen über Musica Polonica in Moskauer Bibliotheken fand die abschließende Vollversammlung statt. Dort wurde auf die kommenden Kongresse hingewiesen und mit anregenden Bildern und Worten zur nächsten IAML-Jahrestagung vom 22. bis 27. Juli 2018 ins schöne Leipzig eingeladen.

Beate Schiebl

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