Cold War Science

Die dritte Auflage des “Studientages”, einer Kooperationsveranstaltung zwischen dem Herder-Institut, Marburg, dem Graduate Center for the Study of Culture, Gießen sowie der AG Wissenschaftsgeschichte der Goethe-Universität Frankfurt widmete sich dem Thema “Cold War Science” oder „Wissenschaften im Kalten Krieg”. Es galt zu fragen, wie sich die Atmosphäre des Kalten Krieges auf die Wissenschaften auswirkte, von den Verschiebungen internationaler Kooperationen und der Umgestaltung jeweiliger wissenschaftlicher Landschaften zum Wandel der Fragestellungen und der Entstehung spezifischer Handlungs- und Denkmuster und -logiken wie „Cold War Rationality“.

Die Projekte der Teilnehmer, diesmal aus dem GSCS Gießen und dem Zentrum „Geschichte des Wissens“ in Zürich, boten dabei ein vielfältiges und differenziertes Spektrum an Fallbeispielen von Fragen nach blockübergreifenden Kooperationen in der Denkmalpflege (Corinne Geering zu Holzkirchen von Kischi Pogost) und bei Dammbauten (Benjamin Brendel) über Recherchestrategien des Radio Freies Europa (Simon Ottersbach) bis hin zu Fragen der Kalter-Krieg-spezifischen Forschungsprogramme zu Wetterbeeinflussung (Manuel Kaiser) und kosmischer Medizin (Patrik Kilian).

Cold War Science Studientag

Dank der Kooperation mit der AG Museumskulturen des Graduierten Zentrums Kulturwissenschaften in Gießen konnte die Keynote Lecture “The Russians are writing! The Cold war Crisis of Scientific Language” von Michael D. Gordin (Princeton) in einem besonderen Raum stattfinden, dem Auditorium des Liebig-Museums in Gießen. Gordin sprach zu einem höchst aktuellen Thema der Wissenschaftssprache, mit Konzentration auf die amerikanische Übersetzung sowjetischer wissenschaftlicher Literatur im Kalten Krieg. Die Ergebnisse der Diskussionen bestätigten, dass die Wissenskulturen des Kalten Krieges nicht nur ein noch zu wenig bekanntes Thema sind, sondern dass die durch diese Forschung gewonnenen Erkenntnisse auch für die allgemeine Geschichte der Nachkriegszeit von entscheidender Bedeutung sein können. Im folgenden Text finden sich die Antworten der zu der Tagung eingeladenen Experten Fabian Link, Michael Gordin und Philipp Sarasin auf vier zentrale Fragen, die sich aus dem Studientag zu Cold War Science ergaben.

Der Studientag verdeutlichte den seit einigen Jahren zu beobachtenden Trend der Verlagerung von der Frage nach Konfrontation auf die Frage nach Kooperation. Die Verschiebung untergräbt die historiografische Reproduktion der Block-Mentalität im Kalten Krieg. Was nun ist das Spezifische am Kalten Krieg und der wissenschaftlichen Zusammen- und Gegenarbeit? Was unterscheidet den Kalten Krieg von anderen Konfliktsituationen?

Michael Gordin: Meiner Meinung nach kann das Charakteristikum des Kalten Krieges auf die eine oder andere Weise auf die Entwicklung der Nuklearwaffen zurückgeführt werden. Sicher könnte dies als eine allzu einschränkende Interpretation gesehen werden, aber ich glaube, dass es uns erlaubt, andere signifikante Prozesse dieser Zeitspanne, wie etwa die Wiedereinführung des globalen Finanzsystems oder die Dekolonisierung, analytisch davon zu trennen. Auch der ideologische Konflikt zwischen unterschiedlichen Formen des Marxismus und unterschiedlichen Formen von Kapitalismus ist kein spezifisches Phänomen des Kalten Krieges oder der Nachkriegszeit, da sich diese ideologischen Auseinandersetzungen schon zahlreich in der Zwischenkriegszeit zeigten. Was mir neu und als kausal charakteristisch erscheint, ist die Anwesenheit der Nuklearwaffen als ein Faktor im Denken über internationale Beziehungen und Kriegspläne.

Zuerst begannen die Vereinigten Staaten, dann die Sowjetunion, Großbritannien, Frankreich, China und andere, ihre militärischen und geopolitischen Ziele nach dem Vorhandensein dieser Waffen auszurichten – und, im Gegenzug, begannen andere Länder Abwehrschirme gegen nukleare Angriffe zu errichten und Eskalationspläne in ihre strategischen Überlegungen einzubeziehen. Die „nukleare Atmosphäre“ war nicht unbedingt konfliktgeladen: Viele Aspekte der Nuklearära setzten eine Kooperation voraus (Internationales Geophysisches Jahr, Sicherheitsrat der Vereinten Nationen, Pugwash-Konferenzen). Ein solcher Zugang zu einer Analyse des Kalten Krieges privilegiert klarerweise Wissenschaft und Technologie; die Wahrnehmung der Nuklearwaffen (sowohl pro als auch kontra), die Reflexion über Finanzierung und Organisation der Wissenschaft und über die globale Umwelt hatten weitreichende Auswirkungen.

Fabian Link: Zunächst unterscheidet den Kalten Krieg von anderen Konfliktsituationen, dass ein militärischer Konflikt zwischen den beiden antagonistischen Supermächten nie ausgebrochen ist, obgleich der Kalte Krieg eine ausgesprochen lang anhaltende – und das ist eine weitere Eigenschaft dieser Epoche – Konfliktzeit war. Stattdessen sind militärisch ausgetragene Konflikte auf Stellvertreter-Schlachtfelder verlagert worden, so im Nahen Osten, Afrika, Südamerika. Insofern ist ein Fokus auf die Peripherien ausgesprochen wichtig, was im Studientag ansatzweise zum Ausdruck gekommen ist. Die wissenschaftlichen Diskurse, so machte der Studientag deutlich, blieben allerdings auf die Auseinandersetzungen und wechselseitigen Abgrenzungen zwischen den beiden Blöcken beschränkt. In dieser Hinsicht hat der Studientag verdeutlicht, dass sowohl Kongruenzen als auch Differenzen in den wissenschaftlichen Idiomen, Diskursen und Praktiken in den beiden Blöcken existierten, die wiederum durch zeitweiligen gegenseitigen Austausch zum Vorschein kamen.

Philipp Sarasin: Das ist natürlich eine sehr große Frage. Vorab, auch wenn in der Forschung nun zunehmend die Kooperationen betont werden, sind das doch immer noch, wenn überhaupt, Kooperationen im Rahmen eines doch ziemlich fundamentalen Konfliktes. Dabei ging es nicht nur um geopolitische Konkurrenz zwischen Groß- bzw. Supermächten (was man auch heute wieder beobachten kann), sondern a) auch um das Drohen mit einem atomaren Konflikt, und b) um einen weltanschaulich-ideologischen Konflikt (wie kompliziert im Detail auch immer). Ich würde schon sagen, (a) und (b) sind distinkte Merkmale des Konfliktes zwischen 1945 und 1990 und unterschieden den Kalten Krieg deshalb von anderen Großkonflikten.

Es zeigte sich ferner, dass wir die unterschiedlichen Wissensformen in der Periode von 1945-1990 unterscheiden müssen, zudem kamen neue Kategorien ins Spiel wie etwa die Nachkriegswissenschaft. Wie würde sich die „Cold War Science“ von der „Science made during the Cold War“ unterscheiden?

Michael Gordin: Das ist eine schwierige, aber wesentliche Frage, denn sie umfasst die zentrale Problemstellung der Wissenschaftsgeschichte des Kalten Krieges. In einem engeren Sinne könnte man über „Kalte-Kriegs-Wissenschaft“ so denken, dass es eine Wissenschaft ist, die auf eine Verfolgung des Konfliktes der Großmächte abzielte (Kernphysik, Kryptografie, nukleare Strategie). Aber eine solche Charakterisierung ist wohl zu eng gefasst, zumindest für den amerikanischen Fall. Mit den Erfahrungen, die man mit dem Manhattan-Project und der Entwicklung der Nuklearwaffen gemacht hatte, wurden in den Vereinigten Staaten Finanzierung und Organisation der Wissenschaften stark verändert, und man kann einzelne Aspekte dieser Veränderungen auch in der Genetik, der Psychologie und anderen Wissenschaften festmachen.

In der Sowjetunion ist die Lage vielschichtiger, denn deren Wissenschaftssystem wandelte sich nach dem Zweiten Weltkrieg nicht so abrupt. Wir können dennoch zumindest die enge Perspektive wählen und erforschen, wie das sowjetische Modell in die Satellitenstaaten exportiert wurde. Die Gründung einer Akademie der Wissenschaften oder der Zwang, auf Russisch zu veröffentlichen, waren Entscheidungen, die in bestimmtem Maße durch den Kalten Krieg bestimmt waren. Aber es ist nur ein Vorschlag; das Verhältnis zwischen der Wissenschaft, die mit dem Kalten Krieg eng verbunden ist, und der Wissenschaft, die ein Teil des Kalten Krieges ist, muss erst noch eingehender erforscht werden.

Sowjetischer Satellit im Museum der Technik in Warschau, Fotograf: Hans-Joachim Orth, 1967 Herder-Institut, Marburg, Bildarchiv. Inv.-Nr. 206882

Fabian Link: Eine „Cold War Science“ müsste wohl dergestalt definiert sein, dass sie die diskursive Formation und epistemische Ausrichtung auf einige, kontextual nur für den Kalten Krieg spezifische Wissens- und Wissenschaftsformen beschränkt. Für den Westen würden dazu sicher Diskurse um „Rationalität“, „Individuum“, „Freiheit“, „Kreativität“ gehören, Theorien wie die Modernisierungstheorie, Parsons Strukturfunktionalismus, der Behaviorismus, vielleicht auch die Kritische Theorie Frankfurter Provenienz. Wissenschaftliche Produkte, die scheinbar „neutral“ sind und schlicht in der Zeitspanne zwischen 1945-1990 erzeugt worden sind, würden sich also durch ihre diskursive Neutralität hiervon unterscheiden. Ziel zukünftiger Forschungen müsste es sein, eine „Normalwissenschaft“ im Kalten Krieg zu definieren, um genauere Kategorien und Differenzierungsmerkmale zu erarbeiten.

Philipp Sarasin: Es gab logischerweise beides und vieles dazwischen: Science für und im expliziten Kontext des Kalten Krieges über Wissenschaft, die auf den Kontext des Kalten Krieges implizit reagiert, bis hin zu Wissenschaft, die ihren „normalen“ Gang ging. Aber gerade bei Letzterer sollte man sich wohl nicht täuschen – ganz frei von Kalter-Krieg-Implikationen waren wohl auch solche wissenschaftlichen Felder nicht.

Was sind in Ihren Augen die wichtigsten künftigen Desiderata der Wissenschaftsgeschichte des Kalten Krieges?

Michael Gordin: Wir brauchen mehr spezifische Studien zu anderen Bereichen als der Nuklearphysik, um mehrere Disziplinen vergleichen zu können. Wir benötigen auch viel mehr transnationale Forschungen, um die wissenschaftshistorischen Erkenntnisse mit den Ergebnissen der jüngeren Historiografie des Kalten Krieges abzugleichen. Letztlich – und das ist das Dringendste – muss sich die Forschung intensiver mit der sowjetischen Seite des Kalten Krieges auseinandersetzen. Angesichts des auch in der Sowjetunion stark ausgebauten Wissenschaftssystems (dies gilt generell für den Ostblock) ist der Mangel an Forschung ein wenig entmutigend.

Fabian Link: Zum einen, wie oben gesagt, die Herausarbeitung dessen, was die „Normalwissenschaft“ im Kalten Krieg war. Die Schwierigkeit – dies gilt für die Historisierung des Kalten Krieges im Allgemeinen – liegt darin, dass diese Epoche noch zu jung ist, ihre Auswirkungen heute noch spürbar sind, als dass sie distanziert behandelt werden könnte. Große Desiderate bleiben weiterhin die Geschichte der Geistes- und Kulturwissenschaften im Kalten Krieg.

Philipp Sarasin: Die Wissenschaftsgeschichte des Kalten Krieges soll verstärkt die Geschichte der Geisteswissenschaften einbeziehen.

Ostmitteleuropa ist in der Historiografie der „Cold War Science“ eher unterrepräsentiert. Würde Ihrer Meinung nach die Einbeziehung dieses Raumes die Forschung verändern, und wenn ja, wie?

Turm des Messegebäudes in Posen, Fotograf: Hans-Joachim Orth, 1963 Herder-Institut, Marburg Bildarchiv. Inv.-Nr. 208061
Turm des Messegebäudes in Posen, Fotograf: Hans-Joachim Orth, 1963 Herder-Institut, Marburg Bildarchiv. Inv.-Nr. 208061

Michael Gordin: Es ist keine Frage, dass dies das Bild ändern würde, wahrscheinlich in einer analogen Art und Weise, wie die Erforschung der Geschichte der Wissenschaften im nachkriegszeitlichen Westeuropa das Bild eines „amerikanischen Hegemonismus“ in den Jahren nach 1945 modifiziert hat. Die Historiografie der osteuropäischen Wissenschaft verbleibt entweder in einem nationalen Rahmen oder wird als eine binäre Beziehung zwischen Satellitenstaat und Sowjetunion beschrieben. Wir wissen aber, dass es große Unterschiede zwischen diesen Staaten gab und dass es zu vielen Kontakten und Kooperationen zwischen diesen Staaten kam, ohne dass Moskau als Mediator hierbei fungierte. Das Verständnis dieses Prozesses und wie diese Entwicklung unterschiedliche Arten der Interaktionen über den Eisernen Vorhang hinweg erlaubte, würde nicht nur die Historiografie des Ostblocks transformieren, sondern auch die des Westblocks.

Fabian Link: Die Satellitenstaaten im „Ostblock“ müssten unbedingt miteinbezogen werden, um die Frage zu beantworten, ob es spezifische, vielleicht kulturell-nationalstaatlich-sprachlich basierte Differenzen zwischen den Wissenschaften in Sowjetrussland und denjenigen in den Satelliten gab. Damit könnte mit Sicherheit die Block-Historiografie revidiert werden.

Die Fragen zu Cold War Science stellte Jan Surman.

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