Als die Bücherlandschaft demokratisch wurde

Es wird mancherorts behauptet, dass die Bücher dabei halfen, den Kommunismus zu stürzen. Ob man dieser Aussage zustimmt oder nicht, sie formten die intellektuelle Welt, wie wir sie jetzt kennen, entscheidend mit. Vor allem zu den Zeiten der Transformation waren die neuen Verlagshäuser in Zentraleuropa die Akteure, welche die intellektuelle Pluralisierung vorangetrieben haben und somit gewichtige kulturelle Akzente setzten. Sie veröffentlichten Bücher von Autoren, die früher mit Publikationsverboten belegt waren, boten ein Forum für eine junge Autorenschaft, der die arrivierten, meistens staatlichen Verlage ihre Tore verschlossen haben, oder aber publizierten Übersetzungen von Büchern, die vor 1989 kaum bekannt waren.
So kam etwa die Welle der French Theory nach Osteuropa, die weder in Philosophie noch Soziologie früher eine Rolle spielte. Altheia (St. Petersburg), Atlantisz Könyvkiadó (Budapest), Duh i Litera (Kiew) oder Słowo/obraz terytoria (Danzig) entwickelten sich zu führenden intellektuellen Institutionen der jeweiligen Länder und prägten Generationen.

Die Verlage hatten unterschiedliche Entstehungsgeschichten. Studenten, Verlagsredakteure oder Professoren gründeten sie meistens in Eigeninitiativen, mit unterschiedlicher Unterstützung. Duh i Litera etwa hing mit der defacto-Wiedergründung der Nationalen Universität Kiew-Mohyla-Akademie zusammen, wo der Verlagsgründer Kostjantyn Sihow unterrichtete. Im Verlauf mehrerer Jahre half der Verlag – wie auch die anderen hier genannten –, die akademische Landschaft zu stabilisieren, zu strukturieren und mit neuen Ideen zu beliefern.

Angesichts der Anzahl rivalisierender Verlage konnte sich nicht so etwas wie eine „Generation Suhrkamp“ entwickeln, da die Verlage eigene Teilöffentlichkeiten und Lesefraktionen ausbildeten. Aber gerade diese Demokratisierung der Bücherlandschaft brachte ein Aufblühen einer heterogenen intellektuellen Landschaft mit sich.

Im Folgenden fragten wir zwei der frühen Verlagsgründer aus Ostmitteleuropa, Aram Hermann (Herrmann & synové, Prag) und Ewa Pajestka-Kojder (Oficyna Naukowa, Warschau), zu ihren Erfahrungen in den 1990er Jahren sowie zu ihrer Gegenwartseinschätzung. Damit möchten wir versuchen, die bisher verkannten bzw. in der ostmitteleuropäischen Geschichte unbeachteten Akteure intellektueller Transformation zu beleuchten.

Fragen an Aram Hermann (Herrmann & synové, Prag) und Ewa Pajestka-Kojder (Oficyna Naukowa, Warschau)

Der Prager Verlag Herrmann & synové wurde 1990 von Aram Hermann und Arnošt Štědrý gegründet. Er ist auf die breit verstandenen Humanwissenschaften spezialisiert, von Philosophie und Soziologie bis zur griechischen Klassik. Der Verlag veröffentlichte u.a. Übersetzungen Foucaults und Deleuzes, aber auch die Bücher der führenden tschechischen Philosophen Miroslav Petříček und Zdeněk Kratochvíl.

Der Warschauer Verlag Oficyna Naukowa wurde 1992 durch Ewa Pajestka-Kojder und Elżbieta Nowakowska-Sołtan gegründet. Er ist auf (französische) Soziologie und (deutsche) Philosophie spezialisiert, was mit den Bildungswegen der Verlegerinnen zusammenhängt. Im Rahmen von Serien erschienen zum Beispiel Bücher von Pierre Bourdieu, Bruno Latour, Alain Touraine, Reinhard Koselleck aber auch polnischer Autorinnen wie Barbara Szacka oder Maria Bogucka.

Könnten Sie etwas über die Gründe, die Sie bewogen haben, einen eigenen Verlag zu gründen, sagen? Woher kam die Idee, was waren Ihre ursprünglichen Ziele, mit wem haben Sie gearbeitet und wie haben Sie Ihre ersten Bücher finanziert? Hatten Sie dabei Unterstützung aus dem Ausland erhalten (z. B. in Form finanzieller Unterstützung für Übersetzungen, Hilfe von den Exilanten) etc.?

Aram Hermann: Ich beschäftige mich mit dem Verlegen der Bücher seit 1987, als ich angefangen habe, unter meinen Freunden die Schriften der nicht erhältlichen Autoren (sog. „zakázani“) abzuschreiben und zu verbreiten. Unter diesen Autoren waren etwa Egon Bondy, Ladislav Klíma, Ivan M. Jirous, Karel Pecka, André Breton. Die letzten der so verlegten „Samizdat“ waren Vorlesungen von Miroslav Petříček zur gegenwärtigen Philosophie, die im Sommersemester 1990 an der Mathematisch-Physikalischen Fakultät der Karlsuniversität gehalten wurden und die ich mit Arnošt Štědrý und hunderten enthusiastischen Mitstudierenden besuchte und in gedruckter Form haben wollte.

Aber um mit der Reprostelle der Fakultät zu sprechen, war ein Gewerbeschein notwendig, was de jure auch die Gründung des Verlages bedeutete – eines Verlages, der aber zu dieser Zeit an sich keine sonstigen Ambitionen hatte. Die Tatsache, dass die erste Publikation rasch ausverkauft war, erforderte eine neue Auflage und nach einiger Zeit kamen auch Angebote zur Veröffentlichung weiterer Studientexte. Somit war der Verlag auch de facto gegründet.

Ewa Pajestka-Kojder: Im Staatlichen Verlagshaus [Państwowe Wydawnictwo Naukowe, PWN], wo ich mit Elżbieta Nowakowska-Sołtan gearbeitet habe, kam es nach 1989 zu tiefgreifenden Veränderungen, unter anderem erfolgte eine Kündigungswelle, was vor allem die Redakteure betraf. Obwohl wir beide nicht unter den Entlassenen waren, entschieden wir uns, zu kündigen und einen eigenen Verlag zu gründen, was nach dem Systemwechsel plötzlich möglich war.

Als erfahrene Redakteurinnen waren wir davon überzeugt, dass wir selbst entscheiden können, welche Bücher wir verlegen sollen, und nicht die organisatorischen Fehler begehen würden, die wir im PWN beobachtet haben. Gemeinsam mit uns haben unsere Autoren die Zusammenarbeit mit dem PWN beendet. Weitere kamen bald hinzu, als sie den Unterschied zum PWN gesehen haben. Hier begann auch die Zusammenarbeit mit dem Institut für Rechtsprechung [Instytut Wymiaru Sprawiedliwości], die etwa 20 Jahre andauerte. Alle Bücher, die Oficyna Naukowa publizierte, waren dotiert.

Die polnischen durch polnische wissenschaftliche Einrichtungen (Universität Warschau und die Polnische Akademie der Wissenschaften) sowie durch das Ministerium für Wissenschaft (in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre), die Übersetzungen aus dem Deutschen durch Inter Nationes (Vorgänger des Goethe-Instituts), aus dem Englischen durch die Amerikanische Botschaft.

Aus Ihrer Perspektive, was waren die Bücher Ihres Verlages, die den größten Beitrag zur jeweiligen intellektuellen Kultur hatten? Waren es die Veröffentlichungen früherer Samizdat-Autoren, neue Publikationen bereits bekannter Autoren oder der neuen Generation der Gelehrten? Welche Autoren und Themen halten Sie für die entscheidendsten und warum?

Aram Hermann: Von Beginn an hat der Verlag mit den zwei Schlüsselpersönlichkeiten gearbeitet, die mit ihrem Charisma den tschechischen philosophischen Diskurs sowie eine Reihe von Schülern geprägt haben – manche von den Schülern haben sich auch in den Annalen des Verlages verewigt. Die beiden Herren haben um sich herum einen spezifischen intellektuellen Fortschritt herbeigeführt und sprachen nicht nur ihre eigenen Schüler, sondern auch nicht-wissenschaftliches Publikum an.

Die Einführung in die gegenwärtige Philosophie (Úvod do současné filosofie, 1991) ist die Schlüsselpublikation, nicht nur für unseren Verlag. Miroslav Petříček öffnete darin der tschechischen Gedankenwelt die europäischen Kontexte. Unter anderem weckte er das Interesse für moderne französische Philosophie (Foucault, Deleuze, Derrida, Lyotard). Der andere anerkannte Denker, der dem Verlag von Anfang an verbunden war, ist Zdeněk Kratochvíl. Er führte in den Verlag Themen wie alte Philosophie, Hermetismus und Gnosis ein.

Ewa Pajestka-Kojder: Es waren die Publikationen polnischer Autoren, manchmal schon bekannter, die keine Möglichkeit hatten, ihre Bücher im PWN zu veröffentlichen. Sie waren wegen früherer Erfahrungen der Meinung, dass dieses größte wissenschaftliche Verlagshaus in Polen unter dem Druck der Politik steht. Es gab auch Veröffentlichungen emigrierter Autoren und dazu viele Übersetzungen, für die früher keine Publikationsmöglichkeit bestand.

Darunter waren Bücher über die Entwicklung der Demokratie, Bücher gegenwärtiger Gelehrter, die soziologische oder philosophische Gedanken vorstellten, die in Polen unbekannt waren. Soziologie und Philosophie sind unsere Schwerpunkte, daher haben wir die Autoren und Bücher aus diesen und verwandten Gebieten ausgewählt. Hier hatten wir auch den besten Überblick.

Wie waren Ihre Kontakte mit Wissenschaftlern an den Universitäten und an der Akademie der Wissenschaften? Erhielten Sie von ihnen Unterstützung, wie Auskunft zu den wichtigsten Büchern und Autoren, die übersetzt werden sollten, materielle Unterstützung, oder haben sich diese Wissenschaftler eher für die vor 1989 dominierenden Verlage entschieden?

Aram Hermann: Wir visierten die Herausgabe von Studientexten an, vor allem solcher, die irgendwie mit meinem damals angefangenen Studium der Philosophie zusammenhingen. Daher habe ich die Texte meiner Professoren verlegt. Bald zeigten sich auch Möglichkeiten, unterschiedliche Förderungen (Grants) zu bekommen.

Unser Vorteil waren ein relativ gutes Tempo und Flexibilität sowie die Möglichkeit, kleine Auflagen zu veröffentlichen. Die großen Verlage haben Anfang der 1990er Jahre mit den sich verändernden Verhältnissen gerungen.

Ewa Pajestka-Kojder: Die Kontakte mit den Vertretern der Universitäten und der Polnischen Akademie der Wissenschaften waren für uns entscheidend. Sie haben uns beraten, was wir übersetzen sollen. Oder sie schrieben Gutachten über die von uns vorgeschlagenen Bücher an die Förderagenturen. Wichtig waren zum Beispiel auch die Kontakte zur Polnischen Soziologischen Gesellschaft, wo eine von uns Mitglied ist.

Es waren ausschließlich beratende Stimmen, sie zogen keine materielle Unterstützung nach sich. Diese Personen wurden oft letztendlich zu unseren Autoren, die von ihren Institutionen die Finanzierung für ihre Bücher erhielten. Aus ihnen rekrutierten sich auch Übersetzer.

Könnten Sie etwas mehr über die Übersetzer sagen, mit denen Sie gearbeitet haben? Waren sie von der wissenschaftlichen Community rekrutiert (z.B. junge Forscher und Doktoranden, wie es jetzt oft der Fall ist), oder waren es eher professionelle Übersetzer. Gab es einen Generationenwechsel bei den Übersetzern in den 1990er Jahren?

Aram Hermann: Der Kreis der Autoren und Übersetzer, mit denen wir arbeiteten, rekrutierte sich vor allem aus der Philosophischen Fakultät der Karlsuniversität, es waren oft Professoren und ihre Studierenden, meine Kollegen. Kratochvíl und Petříček waren genau die Personen, die vor 1989 nichts veröffentlichen durften.

Ewa Pajestka-Kojder: In den frühen 1990er Jahren rekrutierten sich Übersetzer vor allem aus wissenschaftlichen Mitarbeitern. Es waren aber nicht unbedingt nur junge Menschen – oft waren es schon ältere Personen, denen daran lag, der polnischen Kultur internationales Schrifttum nahezubringen.

Erst in späteren Jahren haben wir professionelle Übersetzer eingestellt, aber nur solche, von denen wir wussten, dass sie in unseren Disziplinen erfahren sind. Ich habe eher den Eindruck, es gab keinen Generationenwechsel in den 1990er Jahren.

Wie würden Sie die Veränderungen im Verlagswesen akademischer Literatur in den letzten zwei Dekaden beschreiben? Die Tschechische Republik ist weiterhin ein Land mit beindruckender Lesekultur. Aber es gibt durchaus auch ökonomische Fragen und den zunehmenden Druck, „international“ zu veröffentlichen, was vor allem auf Englisch in angelsächsischen Verlagen bedeutet. Welchen Einfluss hat das auf Ihre Arbeit?

Aram Hermann: Es scheint mir, dass in der letzten Zeit vor allem eine höhere Anzahl sprachlicher Fehler in den veröffentlichten wissenschaftlichen Werken zu finden ist. Das hat damit zu tun, dass in den letzten Jahren zwar die Preise der Bücher merklich angestiegen sind, aber die Höhe der Honorare für Übersetzer und Redakteure grundsätzlich unverändert blieb. Oder genauer gesagt, da es eine Inflation gab, eigentlich immer geringer wurde.

Der Kurs unseres kleinen Verlages hat sich aber nicht geändert, was die ökonomische Seite betrifft. Redaktion, Korrekturen und Satz machen wir im Familientandem alleine. Wir haben kein Magazin, keine Mitarbeiter, kein Büro. Aber da der Verkauf unserer Bücher ohnehin nur wenige hundert Publikationen beträgt, müssen wir sowieso Dotationen erhalten, die den kalkulierten Verlust decken.

Wie würden Sie die Veränderungen in dem Verlagswesen akademischer Literatur in den letzten zwei Dekaden beschreiben? Polen ist bekannt für eine mangelhafte Lesekultur. Hinzu kommen noch ökonomische Fragen und der zunehmende Druck, „international“ zu veröffentlichen, was vor allem auf Englisch in angelsächsischen Verlagen bedeutet. Welchen Einfluss hat das auf Ihre Arbeit?

Ewa Pajestka-Kojder: Bis 2012 hat das Wissenschaftsministerium (das einige Male den Namen änderte) ein Dotationsprogramm für akademische Textbücher und wissenschaftliche Literatur unterhalten. Dank dessen konnten viele Übersetzungen erscheinen, die zusätzlich von ausländischen Institutionen mitgefördert wurden (Französische Botschaft, Centre national du livre, Goethe-Institut, Segretariato Europeo per le Pubblicazioni Scientifiche). Als dieses Programm auslief und kein Nachfolgeprogramm zustande kam, wurde es beinahe unmöglich, Übersetzungen (also unser Spezialgebiet) zu publizieren. Die ausländischen Dotationen (ohnehin auch schon geringer), die meistens nur dazu gedacht sind, die Übersetzungskosten zu decken, genügten nicht, um in einer kleinen (und immer kleiner werdenden) Auflage eine teurere Übersetzung zu publizieren.

Es wird immer schwieriger, den Verlag zu erhalten. Damit wir Bücher polnischer Autoren veröffentlichen können, müssen wir u. a. durch niedrige Preise mit den Universitätsverlagen konkurrieren, die von der Universitätsleitung normalerweise präferenziell behandelt werden. Letztere ziehen nicht in Betracht, dass zu den Veröffentlichungskosten in einem Universitätsverlag noch Kosten von Verlagsadministration, Gehälter der (oft zahlreichen) Mitarbeiter, Raummiete etc. dazukommen. Ein externer Verlag, der diese Kosten auch kalkulieren muss, niedriger als die Universitätsverlage, muss diese Kosten selber tragen.

Die Bücherauflagen werden immer kleiner und der Verkauf dauert mehrere Jahre. Die Anzahl der Titel ist überwältigend und die Buchläden halten die Bücher, die ein paar Wochen liegen, für veraltet. Auch solche, die „zeitlos“ sind. Und dann senden sie die Publikationen dem Verlag zurück oder stellen die Bände auf hintere Regale. Wissenschaftler kaufen die Bücher selten, geschweige Studierende. Für Letztere bereiten die Universitätslehrer oft Skripte vor, die aus Fragmenten unterschiedlicher Bücher zusammengesetzt sind.

Dazu kommt noch der Verkauf durch das Internet von unrechtmäßig eingescannten Büchern. Früher konnten Studierende sogar in den Bibliotheken die Bücher kopieren, wobei die Bibliotheksmitarbeiter noch Unterstützung leisteten. So betragen die Auflagen von Büchern aktuell etwa 100-200 Exemplare, während sie vor Jahren um 1000 herum oszillierten. Was Bücher in englischer Sprache bei polnischen Verlagen betrifft, so habe ich das Gefühl, dass sie „verkümmern“.

Auch die besten, die durchaus gelesen würden, wenn sie in polnischer Sprache veröffentlicht wären, finden keine Leser. Man bekommt für sie nur „Punkte“. Die Bücher selber füllen die Lager. Das betrifft aber nur die Bücher aus den Human- und Sozialwissenschaften, ich weiß nicht, wie es in den Naturwissenschaften ist.

Die Idee zu den Gesprächen entstammte der Recherche für einen Workshop „Derrida Übersetzen“, den Jan Surman und Monika Wulz 2016 in Wien veranstaltet hatten. Die Interviews wurden per Email geführt. Ausführung, Übersetzung sowie Einleitung: Jan Surman. Die hier verwendeten männlichen Bezeichnungen schließen immer auch ihre weiblichen Pendants ein.

Jan Surman

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