Baltica-Bestände in der Forschungsbibliothek

Die sprachliche Kompetenz des Personals der Forschungsbibliothek für Estnisch, Lettisch und Litauisch ist ausschlaggebend. Sie ermöglicht durch aktive Tauschbeziehungen den gezielten Ausbau der Baltica-Bestände und ist zugleich die Voraussetzung für deren inhaltliche Erschließung. Geschichte, Landeskunde, Wirtschaft und Kultur der baltischen Länder zählen seit Institutsgründung mit zu den zentralen Sammelgebieten des Arbeitsbereichs Bibliothek. Heute weist die Bibliothek im deutschsprachigen Raum hinsichtlich Qualität und Quantität wohl den geschlossensten Baltica-Bestand auf.

Bibliotheksleiter aus dem Baltikum

Als Bibliotheksleiter förderte Dr. Hellmuth Weiss (1900-1992, geboren in Reval, 1927 Direktor der Bibliothek der Estländischen Literärischen Gesellschaft, 1959-1965 Direktor des Herder-Instituts) seit Mai 1952 u.a. dank seiner Estnischkenntnisse gezielt den Ausbau baltischer und deutschbaltischer Bestände. Diese waren auch von Anbeginn an zentraler Teil des von Weiss mitinitiierten Gesamtkatalogs des wissenschaftlichen Schrifttums über Ostmitteleuropa (GKO).  Der Katalog wurde von 1950 bis weit in die 1990er Jahre vom Herder-Institut als zentraler Nachweis für Bestände aus rund 30 Bibliotheken der Bundesrepublik Deutschland und Österreichs geführt.

Buchbestände aus der Publikationsstelle Berlin-Dahlem

Den Grundstock der Baltica bildeten private Schenkungen sowie die rund 25 000 meist älteren aus dem 19. Jahrhundert stammenden Bände der Publikationsstelle Berlin-Dahlem (PuSte), die 1964 aus der Library of Congress in Washington nach Marburg rückgeführt wurden. Zu den Hauptschwerpunkten der Sammeltätigkeit der PuSte zu Geschichte, Zeitgeschichte und Ethnologie hatten neben Polen gerade die baltischen Länder (besonders Estland und Lettland, weniger Litauen) gezählt. Die Mehrzahl der Baltica (u.a. viele umfangreiche Schriftenreihen) wurden wohl 1939/1940 in Riga und Reval noch vor Kriegsausbruch regulär aufgekauft. Im Sommer 1945 hatten amerikanische Dienststellen die PuSte-Bibliothek beschlagnahmt, nach Oberursel überführt und im Frühjahr 1948 in die USA abtransportiert.

Überlieferung des baltischen Exils

Seit 1988 erfasste die Bibliothek den baltischen Raum anerkanntermaßen in derartiger Breite, dass die Universitätsbibliothek Marburg den Bezug baltischer Akademie- und Universitätsschriften erheblich einschränkte. Der Bestand enthält mittlerweile eine breite Überlieferung des baltischen Exils nach 1945. Zahlreiche im Westen kurz nach Kriegsende erschienene Übersetzungen in baltische Sprachen zeugen von der breiten baltischen Buchproduktion im Exil.

Rara
Titelblatt der Ierosolymitana peregrinatio ilustrissimi principis Nicolai Christophori Radzivili, 1614 (Signatur: R/ 08.4052)

Baltica befinden sich außerdem im Rara-Bestand der Forschungsbibliothek, wo überwiegend Publikationen mit Erscheinungsjahren vor 1850 aufgestellt werden. Das sind überwiegend deutschsprachige Werke, die mitunter bis 1578 (Chronica der Provintz Lyfflandt von Balthasar Rüssouwen Revaliensem), 1585 (Abschrift des Teutschen Ordes Regell Gesätzen und Gewonheiten aus dem Jahre 1442), 1586 (Atheismi Lutheri, Melanchthonis, Caluini …, erschienen in Wilna) oder 1594 (Lifflendische Churlendische Chronica von Salomon Henning) zurückreichen. Von den 110 in Riga und 40 in Mitau vor 1830 gedruckten Titeln fehlten im lettischen Gesamtkatalog bis zum Abgleich im Jahr 2014 allein 69 Titel.

Musiksammlung

Weitere seltene Baltica enthält die Musiksammlung, die von den Musikwissenschaftlern Elmar Arro (geb. 2.7.1899 in Riga, langjährige Tätigkeit in Estland) und Fritz Feldmann in der ehemaligen Forschungsstelle für Musikgeschichte des J.G. Herder-Forschungsrats aufgebaut wurde. Sie umfasst rund 15.000 bibliografische Einheiten (u.a. musiktheoretische Werke und Noten aus allen Regionen Osteuropas), worunter sich zahlreiche (Teil-)Nachlässe von im Baltikum gebürtigen Komponisten vorwiegend aus der Zeit des 19. bzw. 20. Jahrhunderts befinden (z.B. Notenmanuskripte, Manuskriptkopien, Werkverzeichnisse, Briefe, Druckfahnen, Fotos u.Ä.).

Sondersammlungen mit unikalen Baltica-Beständen

Im Bibliotheksbestand finden sich heute zudem folgende als Sondersammlungen ausgewiesene und teilweise unikale Baltica-Bestände:

  • Bibliotheken der Baltischen Ritterschaften: Die Kurländische (ca. 600 Titel), Livländische (ca. 830 Titel), Estländische und Öselsche Ritterschaft übergaben ihre umfangreichen Bibliotheken (ca. 70 laufende Regalmeter) im Jahr 2006 als Deposita und ergänzen diese seither laufend weiter. Sie enthalten zahlreiche Werke des 19. Jahrhunderts sowie Rara und sind für die baltische Buchgeschichte von unschätzbarer Bedeutung. Es handelt sich u.a. um eine Spezialbibliothek zu Kurland, um die v.a. Livland betreffende Bibliothek des Rechtshistorikers und Genealogen Astaf von Transehe-Roseneck (1865-1946) sowie um die gesamtbaltische, vor allem ortsgeschichtliche und genealogische Bibliothek von Georg von Krusenstjern (1899-1989). Die Werke bezeugen mitunter auch physisch (durch Geschossspuren), welch dramatische Kriegswirren sie überstanden haben.
  • Sammlung Reklaitis: Povilas Reklaitis war von 1973-1987 Bibliotheksreferent für Baltica im Herder-Institut. Sein Nachlass ergänzt seit dem Jahr 2000 mit ca. 3.000 bibliografischen Einheiten den Bestand.
  • Nachlass Gaigalaitis: Der in Marburg verbliebene und Mitte der 1980er Jahre übernommene Teil der Bibliothek des litauischen Politikers und Theologen Prof. Dr. Vilius Gaigalaitis (1870-1945), der seit 1925 an der Evangelisch-Theologischen Fakultät in Kaunas lehrte und u.a. die Bibliothek der Vereinigung „Sandora“ gründete, enthält Zeitschriften, Monografien und Flugschriften überwiegend in deutscher Sprache, die teilweise Ostpreußen, Litauen, (kirchliches) Schul- und Vereinswesen in Preußen sowie überwiegend Themen (meist) protestantischer Theologie betreffen.
  • Unter den weiteren kleineren Nachlässen sind besonders zu erwähnen diejenigen von Prof. Dr. Dietrich André Loeber (1923-2004) mit umfangreichen Materialien zur baltischen Rechts- und Pressegeschichte nach 1945, hier speziell der Jahre 1988/1989, von Prof. Dr. Ernests Blese/Ernestus Blesse (1892-1964) mit u.a. Materialien zur baltischen Ortsnamenkunde sowie Sprach- und Literaturwissenschaft, von Žibuntas Mikšys (1923-2013) mit künstlerisch wertvollen Exlibri des exillitauischen, zuletzt in Paris lebenden Grafikers, von Kārlis Brambats mit musikwissenschaftlicher Literatur, u.a. zur Ethnomusik speziell Lettlands, von Eduard Reitzberg, Riga (2007 erworben) u.a. mit baltischen Drucken des 17.-20. Jahrhunderts sowie die Übergaben von Andrejs Urdze, dem ersten bevollmächtigten Vertreter des wieder freien Lettlands in der Bundesrepublik Deutschland, der u.a. über den Baltischen Christlichen Studentenbund/Baltischen Christlichen Bund über enge Kontakte zum lettischen Exil verfügt.
Künstlerisch gestaltetes Exlibris von Žimbutas Mikšys (aus den in der Forschungsbibliothek aufbewahrten Buchbeständen des Litauen-Archiv-Reklaitis (LAR))
Künstlerisch gestaltetes Exlibris von Žimbutas Mikšys (aus den in der Forschungsbibliothek aufbewahrten Buchbeständen des Litauen-Archiv-Reklaitis (LAR))
OPAC für die Online Recherche

Fast der gesamte Bibliotheksbestand von derzeit ca. 50.000 Titeln mit Baltikum-Bezug ist im elektronischen Katalog/OPAC online recherchierbar, wobei Personen– und Ortsregister sowie die „geführte Suche“ u.a. speziell baltische Zugriffe anbieten. Rund 15 000 Titel (davon 850 Periodica) betreffen Lettland, 13.000 Titel (davon 710 Periodica) Litauen, 12.000 Titel (davon 790 Periodica) Estland sowie rund 9.000 Titel (davon 400 Periodica) das gesamte Baltikum bzw. haben deutschbaltischen Bezug, wobei Mehrfachbezüge möglich sind. Sprachlich sind Publikationen in Lettisch, Litauisch und Estnisch etwa gleich stark vertreten und machen insgesamt knapp 70% der Baltica aus. Jährlich wächst der

Zeitungssammlung und Presseausschnitte

Baltica-Bestand um ca. 1.400 Titel und macht damit insgesamt rund 10% des Bibliotheksbestands aus. Bereits 1952 nahm auch der heutige Arbeitsbereich Zeitungsarchiv seine Arbeit auf. Seit Beginn sammelte das Institut damit, wenn auch anfangs in geringerem Umfang, Nachrichten über das Baltikum. Später abonnierte das Pressearchiv zwecks Auswertung u.a. die wichtigsten Zeitungen der baltischen Sowjetrepubliken. Heute befinden sich in der rund 720 Titel umfassenden Zeitungssammlung ca. 15% Titel mit Baltikum-Bezug. Davon betreffen 61 Lettland, 46 Estland und 39 Litauen. Das parallel bis 1999 geführte Presseausschnittarchiv verfügt über 756 Ordner zu Estland (darunter 330 zu Personen, 34 zu Orten), 554 Ordner zu Lettland (darunter 178 zu Personen, 28 zu Orten), 555 Ordner zu Litauen (darunter 206 zu Personen, 15 zu Orten) sowie speziell 72 Schuber mit Material aus der Zwischenkriegszeit (1918-1939).

Hinzu kommen noch 9 Ordner allgemein zum Baltikum sowie 13 Archivkartons aus dem Bestand der „kommunistischen Parallelüberlieferung“ des Deutschen Instituts für Zeitgeschichte/Instituts für Internationale Politik und Wirtschaft der DDR. Seit 1991 wurden Presseausschnitte verficht, sodass sich überwiegend ab diesem Stichjahr für Estland 711 für Lettland 241 und für Litauen 435 Mikrofiches in den Beständen finden. Die insgesamt rund 1960 Ordner und 1.400 Fiches zum Baltikum liefern mit ca. 575.000 Ausschnitten u.a. eine Vielzahl von Dossiers zu Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in den baltischen Staaten und dokumentieren in seltener Dichte das „Experiment Sozialismus“ im Baltikum nach 1945.

Bibliographieportal

Der Arbeitsbereich Bibliographieportal weist die gesamte wissenschaftlich relevante Literatur zur Geschichte Ostmitteleuropas und damit auch unselbstständige Werke nach. Die im Internet recherchierbare Datenbank umfasst ca. 816.500 Einträge, darunter 57.100 Personen (davon 2.300 baltische), 19 900 Orte (davon 1.550 baltische) und 3 124 Sachstichworte. Insgesamt finden sich rund 94.760 Titeleinträge zum Baltikum, davon 20.320 für Estland, 20.900 für Lettland und 43.700 für Litauen. Die Datenbankrecherche kann u.a. in Litauisch, Estnisch und Lettisch erfolgen.

Maßgebliche bibliografische Zuarbeit leistet seit Längerem Prof. Dr. Paul Kaegbein, 1925 in Dorpat geboren, als promovierter Historiker, Bibliothekswissenschaftler, Bibliothekar und Bibliograf mit der „Baltischen Bibliographie: Schrifttum über Estland, Lettland, Litauen“. Ergänzt wird diese durch den institutionalisierten Datentausch mit dem Lietuvos istorijos institutas, Vilnius. Die reichhaltigen Bestände der Forschungsbibliothek ermöglichen und befördern zahlreiche Kooperationen, wie jüngst das Digitalisierungsprojekt „Riga Digitalis“ (https://www.riga-digitalis.eu), die Zuarbeit zum Gesamtkatalog für fremdsprachige Drucke in Lettland, 1588-1830 (Nationalbibliothek Riga; Autopsie durch eine lettische Stipendiatin 2014), die enge, vertraglich vereinbarte Zusammenarbeit mit den Nationalbibliotheken in Riga und Vilnius, Tauschbeziehungen darüber hinaus mit zentralen Bibliotheken, wie der Universitätsbibliothek Tartu, National- und Akademiebibliothek Vilnius, Universitäts- und Institutsbibliotheken in Klaipeda bzw. Gremientätigkeiten wie die Tätigkeit von Dr. Jürgen Warmbrunn als Secretary in der Bibliotheca Baltica.

Jan Lipinsky

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