Eine Reise in die Zakarpats’ka Oblast’

In einem Teilprojekt des Sonderforschungsbereichs 138 „Dynamiken der Sicherheit“ werden mit der tschechoslowakischen Podkarpatská Rus sowie den polnischen Woiwodschaften Stanisławów und Polesien drei Regionen der Zwischenkriegszeit in den Blick genommen, deren Erforschung ein hohes Maß an Archivrecherchen erfordert. Die Materialien zu den genannten historischen Verwaltungseinheiten, die im Laufe des 20. Jahrhunderts mehrfach zu unterschiedlichen Staatsgebieten gehörten, sind heute auf mehrere Länder und mehr als ein halbes Dutzend Archive verteilt. Die wohl spannendsten Zielorte stellen dabei die Regionalarchive in der Westukraine und Belarus dar, in denen sich die drei Untersuchungsgebiete heute befinden. Im Sommer 2015 war ich im Regionalarchiv des ukrainischen Berehove, das in der Zakarpats’ka Oblast’ an der Grenze zu Ungarn liegt und die Bestände zur tschechoslowakischen Podkarpatská Rus beherbergt.

Reise durch die Zakarpats’ka Oblast’, Karte: Marc Friede
Reiseroute durch die Zakarpats’ka Oblast’ von Užhorod nach Jasinja , Karte: Marc Friede
Berehoves Uhren gehen nach „Budapester Zeit“

Schon der Klang auf den Straßen der Stadt und den Fluren des Archivs lässt mich aufhorchen, denn hier spricht man überwiegend ungarisch. Auch die Uhren laufen anders, denn obwohl in der Ukraine nicht die Mitteleuropäische Zeit gilt, denkt und agiert die ungarische Minderheit in Beregszász (so der ungarische Name der Stadt) nicht nach „Kiewer“, sondern nach „Budapester Zeit“. Nach dieser ist folglich auch die Uhr im Lesesaal des Archivs gestellt. Unterschiedliche Zeitzonen beeinträchtigten den Archivbetrieb jedoch keineswegs. Online findet sich eine Liste der Bestände und die Findbücher vor Ort werden mir von der ungarisch und russisch sprechenden Archivarin ausgehändigt.

Alle Akten sind gebunden und in der Regel paginiert, was auch notwendig ist, da man zumindest laut den Hausregeln nur 1000 Seiten pro Tag bestellen darf. Unpaginierte Materialien können jedoch im Winter eingesehen werden, wenn diese von den Archivmitarbeitern sortiert und nummeriert werden. Fotografieren sowie die Nutzung eines bereitgestellten Scanners ist ohne weiteres möglich.

Die umfangreichen Bestände zur Zwischenkriegszeit, die überwiegend auf Tschechisch sind, stellen für das Projekt einen wichtigen Baustein dar. Ich konnte sie durch die hilfsbereite und unkomplizierte Art der Archivmitarbeiterinnen äußerst gewinnbringend bearbeiten. Daneben war auch noch Zeit für die Erkundung der vielfältigen Zakarpats’ka Oblast’, in der heute noch vier bis fünf Sprachen anzutreffen sind. Russisch ist neben dem Ukrainischen Verkehrssprache. Auch das Ungarische wird gepflegt und genießt im Berehivskyi Rajon den Status einer Amtssprache.

Sprachenvielfalt in der Zakarpats’ka Oblast’

Sowohl Ungarn als auch Ukrainer sprechen hier die Sprache des anderen und mischen ihre Sätze teils bunt zusammen. Auch eine rumänische Minderheit sowie Roma sind anzutreffen. Für die Zwischenkriegszeit muss man sich im Straßen- und Klangbild hierzu noch mehrere Tausend tschechische Beamte mit ihren Familien vorstellen sowie die im Holocaust ermordete, jiddisch sprechende Bevölkerung, die gerade in Städten wie Mukačeve, Užhorod oder auch Berehove hohe Anteile an der Bevölkerung stellten.

Ruine Chust, Foto: Sebastian Paul
Ruine der Burg Chust, Foto: Sebastian Paul

Am einfachsten erkundet man die Region mit dem Auto. Die Oblast’-Hauptstadt Užhorod ganz im Westen, wo die Landschaft noch flach ist, eigent sich für den Routenbeginn. Hier gibt es nicht nur den Gouverneurspalast aus tschechoslowakischer Zeit, sondern ein ganzes „tschechisches Viertel“ im Prager Stil der 1920er und 1930er Jahre. Nach etwa einer Stunde Fahrt gen Osten stößt man dann auf Mukačeve. In beiden Städten sind die einzigen Burgen zu besichtigen, die nicht im Verlaufe des Rákóczi-Aufstands im frühen 18. Jahrhundert zerstört wurden.

Rathaus Mukačeve, Foto: Sebastian Paul
Rathaus in Mukačeve, Foto: Sebastian Paul
Europas Mittelpunkt

Die Landschaft verändert sich merklich, wenn man weiter östlich nach Rachiv fährt, in dessen Nähe ungarische Geografen im 19. Jahrhundert den Mittelpunkt Europas ausgemacht haben wollen, wofür es sogar ein Denkmal und vor allem etliche Souvenirstände gibt. Am spannendsten sind jedoch die sich auftürmenden Karpaten, durch die man mit dem Auto an der Theiß entlang fährt. Die östlichste Stadt der Oblast’ stellt Jasinja dar, das 1919 die Hauptstadt der kurzlebigen Huzulenrepublik war. Von hier aus können die Karpaten im Winter mit den Ski und im Sommer auch zu Fuß erkundet werden. Seit März 2014 stellt dies für Ukrainer ein touristisches Highlight dar.

Sebastian Paul

Ein Gedanke zu „Eine Reise in die Zakarpats’ka Oblast’

  • Juli 29, 2018 um 12:46 pm
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    Aber ein paar Worte über Mukatschewo, Chust und Solotwyno könnte man schon schreiben? Ansonst ein guter Bericht.

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