Baltica-Bestände in der Kartensammlung

Die Kartensammlung des Herder-Instituts umfasst insgesamt etwa 40.000 Kartenblätter zum gesamten Arbeitsgebiet Ostmitteleuropa und den angrenzenden Regionen. Etwa ein Fünftel entfallen davon im weiteren Sinne auf das Baltikum als Ganzes bzw. einzelne baltische Länder oder Regionen. Das Spektrum der Karten reicht von topografischen Kartenwerken über thematische Karten, die einzelne Sachverhalte abbilden, bis hin zu Wandkarten. Ausgehend von der thematischen Vielfalt dieser Karten und einem breiten Entstehungszeitraum von der Frühen Neuzeit bis in die Gegenwart, hält die Kartensammlung Quellen- und Arbeitsmaterial für zahlreiche Forschungsperspektiven und Fragestellungen bereit. Dazu gehört zunächst die kartografische Repräsentation des Baltikums, die in der Kartensammlung bis in das 16. Jahrhundert rekonstruiert werden kann.

Ältere Karten

Zu den ältesten Beispielen zählt die Karte des Wacław Grodecki Poloniae, Lituaniaeq. Descriptio (Antwerpen, um 1595). Im Herder-Institut sind Karten sowohl aus baltischen Werkstätten als auch von Kartografen aus anderen Teilen Europas überliefert. Anhand der Baltica in der Kartensammlung lassen sich exemplarisch Eigen- und Fremdwahrnehmung einer Region, Rezeptionsvorgänge zwischen den Zentren frühneuzeitlicher Kartenproduktion – wie etwa Riga, Dorpat, Stockholm, Leipzig, Nürnberg und Antwerpen – seit dem 16. Jahrhundert studieren.

Luftbild Stallupönen
Ausschnitt aus einem Luftbild der deutschen Luftwaffe von Stallupönen (1938-1946 Ebenrode/ seit 1946: Nesterow) nahe der ostpreußisch-litauischen Grenze am 24. Oktober 1944. Deutlich erkennbar sind Spuren der Kampfhandlungen im Bereich der Bahngleise, an zahlreichen Häusern sowie auf den Feldern nordöstlich der Stadt. Herder-Institut, Signatur: K56_6411_500

Die Zeit des 18. und 19. Jahrhunderts ist mit zahlreichen Kartenblättern und -werken im Herder-Institut repräsentiert, u.a. mit dem Atlas von Liefland von Ludwig August Graf Mellin (1798) und der Specialcharte von Livland, die C.G. Rücker im Auftrag der Livländischen gemeinnützigen und ökonomischen Societät 1839 erstellte. Diese und weitere Karten können neben textlichen und statistischen Quellen für sozial-, wirtschafts- und umweltgeschichtliche Fragestellungen dienen. Sie ermöglichen dadurch Einblicke in Prozesse des Ordnens von Landschaft, der Verdichtung von Staatlichkeit und der Ökonomisierung von Natur. Zugleich spiegeln diese Karten Reichweiten und Grenzen der Standardisierung von Wissen über topografische, soziale und ökonomische Gegebenheiten einer Region wider.

Kartenmaterial aus dem 20. Jahrhundert

Aus dem 20. Jahrhundert hält die Kartensammlung umfangreiches thematisches und topografisches Kartenmaterial bereit, welches das Spektrum der zahlreichen Konflikte und Kriege insbesondere in der ersten Hälfte des Jahrhunderts erhellt. Dazu gehören ethnografische und Sprachenkarten, Karten über einzelne Wirtschaftszweige, Verkehrsentwicklung und Handelsbeziehungen. Einen umfangreichen Bestand bilden in diesem Zusammenhang jene Karten, die von der sogenannten Publikationsstelle in Berlin-Dahlem vor und während des Zweiten Weltkriegs erarbeitet wurden.  Sie bilden die vom Deutschen Reich geplante und teils umgesetzte „Neuordnung des Ostraums“ ab.

Senkrechtluftbilder

Zur Kartensammlung gehört ferner ein einzigartiger Bestand an Senkrechtluftbildern, welche die deutsche Luftwaffe in den Jahren 1942 bis 1945 zur militärischen Aufklärung erstellte. Diese Luftbilder, die u. a. die ostpreußisch-litauische Grenzregion zeigen, dokumentieren in vielen Fällen den Bebauungszustand historischer Altstädte vor den Kriegszerstörungen.

Georeferenzierung von Senkrechtluftbildern
Georeferenzierung von Senkrechtluftbildern

Die Kartensammlung des Herder-Instituts sammelt und bewahrt nicht nur historische Karten und Senkrechtluftbilder, sondern verfolgt auch das Ziel, Karten der aktuellen Produktion zu erwerben. Dies gilt für topografische Kartenwerke bis zum Maßstab 1:25.000 wie auch für thematische Karten zu einzelnen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Entwicklungen der Gegenwart. Die Materialien der Kartensammlung lassen sich im OPAC des Herder-Instituts, im Katalog der topografischen Kartenwerke sowie über den IKAR Altkartenkatalog recherchieren.

Christian Lotz

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