Polen im Fokus: Neues aus dem Zeitungsarchiv

Das Zeitungsarchiv des Herder-Instituts zählt als „Pressearchiv“ zu seinen ersten, kurz nach Institutsgründung eingerichteten Arbeitsbereichen. Es bestand als eigenständige Abteilung bis zum Jahr 2000, ist seitdem Teil der Forschungsbibliothek und gliederte sich von Anbeginn an in die beiden korrespondierenden Bereiche Zeitungssammlung und Zeitungsausschnittsammlung. Beide zusammen erstrecken sich mit ihren Beständen heute über ca. 2,7 Regalkilometer. Die Zeitungssammlung konnte in jüngster Vergangenheit durch Kopien der Kattowitzer Zeitung für die Jahre 1918 bis 1919, Nummern in Deutschland bisher noch nicht vorhandener früher polnischer In- und Auslandspresse, wie Głos Anglii (1946-48), Express Poznański (1947-51), Express Wieczorny (1946-53), Gazeta Ludowa Pismo codzienne dla Wszystkich (1946), Ilustrowany Kurier Polski (Bydgoszcz) (1946), Kurier Wielkopolski (1946-47), Polska Ludowa Pismo Polskiego Stronnictwa Ludowego (Poznań) (1945-47), Trybuna Wolności (1948-51), Tydzień – Ilustrowane Pismo Tygodniowe (1946-48), Wolna Polska – Organ Związku Patriotów Polskich (1944-45), durch unikale Originale der Solidarność-Presse aus den 1980er Jahren sowie durch aktuelle polnischeMagazine wie Do rzeczy (2013-15), W sieci: odważny tygodnik Młodej Polski (2012-15); Uważam Rze (2011ff.) ergänzt werden. Auch wurden aus privater Hand übernommene Mikrofilmrollen polnischer Periodika der Zwischenkriegszeit u.a. Sejm Ustawodawczy. Sprawozdania Stenograficzne (1919-1922); Sejm Rzeczypospolitej Polskiej (1922-1927); Kurjer Polski (1919-1924), Kurjer Poranny (1925-1926), Wyzwolenie (1916-1932) digitalisiert, um auch im leichter lesbaren Ausdruck in den Bestand aufgenommen zu werden.

Zeitungsausschnittarchiv

Das in den Jahren 1952 bis 1999 aktiv auf- und ausgebaute Zeitungsausschnittarchiv umfasst den gesamten ostmitteleuropäischen Raum, erschließt ihn durch eine einheitliche Systematik und kann als einmalige Dokumentation des „Experiments Sozialismus“ in Ostmitteleuropa und seiner Wahrnehmung im Westen gelten. Von seinen mehr als 5 Millionen Zeitungsausschnitten betreffen über 40% Polen. Es wird ergänzt durch eine Spezialsammlung zur Zwischenkriegszeit sowie durch das im Zeitraum 1952 bis 1991 entstandene, teilweise in die Zwischenkriegszeit zurückreichende Presseausschnittarchiv des Deutschen Instituts für Zeitgeschichte der DDR (später Institut für Internationale Politik und Wirtschaft der DDR), das gleichsam eine ideologische Parallelüberlieferung aus kommunistischer Sicht anhand überwiegend regional breit gestreuter deutscher Presse bietet.

Zeitungsarchiv im Herder-Institut
Zeitungsarchiv im Herder-Institut

Vor kurzem gelang in diesem Bereich die komplette Einarbeitung des privaten, 1926 in Berlin begründeten und bis in die 1970er Jahre fortgeführten Zeitungsausschnittarchivs „Metropol-Gesellschaft, E. Matthes & Co.“, später „Manfred Matthes“, dessen für das Herder-Institut einschlägige Teile in der Vergangenheit erworben wurden. Es ergänzt primär für die 1930/1940er Jahre den vorhandenen Bestand sinnvoll retrospektiv: z.B. zu den Themen Polen im Zweiten Weltkrieg (Generalgouvernement), Katyn (1943), Warschauer Aufstand (1944 f.), polnische Nachkriegszeit (1947-1949: Wirtschaft, Innenpolitik, Außenpolitik) sowie zu polnischen Personen (z.B. Józef Piłsudski (Artikel aus den 1930er Jahren)).

Karrikaturen und Sammlung Staemmler

Als Geschenke konnten kleinere Bestände, u.a. Materialien zu Deutsche Partei Posen (1920er Jahre), zu Pyritz oder aus dem 19. Jahrhundert bis in die 1930er Jahre zu (ost)schlesischmährischen Städten wie Teschen/Cieszyn, Bielitz-Biala/Bielsko-Biała, zwei Mappen mit Karikaturen (überwiegend aus der deutschen Presse) zur polnischen Politik der Jahre 1976 bis 1983 sowie die Zeitungsausschnittsammlung von Klaus Staemmler, übernommen und eingearbeitet werden. Staemmler, geboren 1921 in Bydgoszcz, lehrte nach seiner Promotion in osteuropäischer Geschichte von 1963 bis 1986 als Dozent an der deutschen Buchhändlerschule in Frankfurt/Main und wirkte zugleich seit 1967 als einer der herausragenden Übersetzer polnischer Literatur ins Deutsche. Er war Mitbegründer der Bibliotheca Polonica und verstarb im November 1999 in Münster.

Seit den 1960er Jahren sammelte er drei Ordner zu polnischen Schriftstellern/Personen sowie drei Ordner „Vorgänge“. Hier finden sich u.a. Artikel zu Jerzy Andrzejewski, Witold Gombrowicz, Zbigniew Herbert, Jarosław Iwaszkiewicz, Leszek Kołakowski, Andrzej Kuśniewicz, Stanisław Lem, Czesław Miłosz, Sławomir Mrożek, Marek Nowakowski sowie zahlreiche Ausschnitte zu (deutsch-polnischen) Übersetzern (u.a. Karl Dedecius) oder Themen wie Unruhen im Nachkriegspolen (P 158), speziell Solidarność (P 681), Polen-Deutschland: gegenseitige Besuche (P 4112) bzw. kulturelle Beziehungen (P 4117), polnischer Schriftstellerverband (P 735), polnischer Film (P 760). Die Materialien wurden aufgelistet und markiert, ehe sie in das bestehende Archiv integriert wurden, sodass sie auch als „Pressenachlass Staemmler“ künftig erforscht werden könnten.

Unter dem Systematikpunkt P 157 (Polen ab 1945) wurden Kopien für das zurückliegende Projekt am Herder-Institut „Opposition in Polen 1944-1948“ archiviert. Sie enthalten u.a. Materialien und Archivkopien für die Jahre 1941 bis 1950 zu: Polskie Stronnictwo Ludowe (PSL), Wolność i Niezawisłość (WiN) aus Archiven wie Polish Institute and Sikorski Museum/London, Studium Polski Podziemnej/London, Archiwum Akt Nowych/Warszawa bzw. aus Periodika wie Orzeł Biały, The Polish Review, Myśl Polska, Tygodnik Polski, Przegląd Polski, Jutro Polski.

Erschließung mikroverfilmter Presseausschnitte im Zeitungsarchiv

Die in den letzten Jahren im Zeitungsarchiv begonnene inhaltliche Erschließung einer Sammlung mikroverfilmter Presseausschnitte zur polnischen Außen- und Innenpolitik der frühen Nachkriegszeit, die die im Herder-Institut mit den 1950er Jahren einsetzende Auswertung retrospektiv ergänzt, wird derzeit fortgesetzt. So sind demnächst über 70 Filme und damit knapp die Hälfte der Sammlung online recherchierbar. Sie beleuchten die Sowjetisierung in Polen und enthalten beispielsweise Ausschnitte ab dem Jahr 1945 aus verschiedenen polnischen Presseorganen zu Themen wie: polnische Kommunisten, polnischer Film, Propaganda in Polen, polnische (oppositionelle) Politiker, Prozesse gegen sogenannte „Verräter, Kollaborateure“ (z.B.: StanisławMikołajczyk) und antikommunistische Organisationen wie z.B. Narodowe Siły Zbrojne (NSZ), Wolność i Niezawisłość (WiN), Stronnictwo Ludowe (SL); 1947-1953, Juden in Polen, panslavische Bestrebungen nach 1945, kommunistische Sicht auf die polnische Geschichte, wie etwa Zweiter Weltkrieg, Ghetto-Aufstand, Warschauer Aufstand, polnischer Untergrundkampf (u.a. Armia Krajowa), „Ziemie Odzyskane“.

Diese Filme stammen aus dem Nachlass Adam Rosenbusch, der bei Radio Free Europe (RFE) in München angestellt war. Sie werden ergänzt um weitere Pressematerialien aus Rosenbuschs Sammlung zur Geschichte des Zweiten Weltkriegs in Polen (u.a. Katyn), zu Personen (z.B. Jerzy Giedroyc, Jan Karski) sowie zur von Rosenbusch konzipierten und moderierten polnischen Fernsehsendung „Dopóki żyje ostatni świadek“, die sich mit der Schicksalsklärung verschollener Polen der Jahre 1939 bis 1956 befasst.

Rundfunkberichte von Radio Free Europe vom 10.12.1965, Presseausschnittsammlung des Herder-Instituts (PA-HI, P 742)
Rundfunkberichte von Radio Free Europe vom 10.12.1965, Presseausschnittsammlung des Herder-Instituts (PA-HI, P 742)
Berichte von Radio Free Europe

Außerdem stehen nun, komplett nach Ländern und chronologisch sortiert, die im Archiv vorhandenen Rundfunk-, Presse- und Fernsehberichte von Radio Free Europe Nutzerinnen und Nutzern zur Verfügung. Der Bestand wurde seit Institutsgründung laufend (und nicht ganz vollständig) über das Auswärtige Amt an das Zeitungsarchiv des Herder-Instituts abgegeben und umfasst die Jahre 1957 bis 1991 in ca. 1 260 Ordnern bzw. Archivkartons (davon 600 zu Polen) auf über 115 laufenden Metern. Die komplette Verzeichnung der RFE-Berichte ist erfolgt, ihre Katalogisierung zwecks Nachweis in der Zeitschriftendatenbank (ZDB) ist geplant. Eine u.a. um die RFE-Berichte ergänzte und aktualisierte Systematik für Recherchen im gesamten Ausschnittbestand ist online nutzbar.

Zentrales Personenregister

Für die zunehmend wichtige, institutsübergreifende Arbeit am Zentralen Personenregister (ZPR) liefert das Zeitungsarchiv wesentliche Daten zu. Im ZPR aufgeführte Personen werden möglichst umfassend personalisiert und dann mit den zuvor ergänzten Normdaten der Gemeinsamen Normdatei (GND) verknüpft. Diese Normdaten sollen wiederum als Abzüge im Institut für die Suche über alle Bestände sichtbar gemacht werden. So sind über die derzeitige ZPR-Suchmaske u.a. die für Polen (17 000 Datensätze) in der Vergangenheit schon online nachgewiesenen umfangreichsten biografischen Daten des Personenausschnittarchivs find- und recherchierbar. Zudem konnte die in den vergangenen Jahren in Kooperation mit der Gesellschaft zur Förderung angewandter Informatik e.V. (Berlin) programmierte Online-Datenbank digitalisierter Presseausschnitte weiter ausgebaut werden.

Lesesaal der Forschungsbibliothek
Lesesaal der Forschungsbibliothek
Pilotprojekt mit dem Personenarchiv

Sie ermöglicht die einfache Suche nach Personen, Zeitungsnamen, Autorenschaft und Datum. Die kombinierte Suche bleibt in Planung. Ziel ist es, die bisher nur über Aktenordner zugänglichen Ausschnitte möglichst komfortabel online durchsuchen zu können. Für dieses Pilotprojekt wurde der am häufigsten benutzte Bestand P 0301 (insgesamt 186 Ordner) des Personenarchivs, das insgesamt ca. 4 650 Ordner mit ca. 1,5 Millionen Ausschnitten umfasst, ausgewählt. Dieser Bestand P 0301 enthält, alphabetisch nach Nachnamen sortiert, Presseausschnitte zu deutschen Personen, die (überwiegend bis zum Jahr 1945) Bezüge zum heute polnischen Raum hatten bzw. zu deutschen Vertriebenen aus diesem Raum. Die ersten 46 Ordner (Buchstaben A – F) liegen digitalisiert vor.

Die bisher aus urheberrechtlichen Beschränkungen nur im Institut nutzbare Datenbank umfasst nun 34 Ordner (Buchstaben A – Dol) oder insgesamt ca. 6 500 Ausschnitte. Dazu zählen z.B. Unterlagen zu  Heinrich Albertz (geb. in Breslau), Egon Bahr (mit Bezügen zur Ostpolitik), Horst Bienek (geb. in Gleiwitz-Stadtwald), Wernher von Braun (geb. in Wirsitz), Richard Breyer (geb. in St. Petersburg, tätig am Herder-Institut u.a. zu den deutsch-polnischen Beziehungen), Ignatz Bubis (geb. in Breslau), Daniel Chodowiecki (geb. in Danzig), Lovis Corinth (geb. in Tapiau), Herbert Czaja (geb. in Teschen), Karl Dedecius (geb. in Łódź), Marion Gräfin Dönhoff (geb. in Schloss Friedrichstein). Nach ihrer vollständigen Erfassung und OCR-Erkennung sollen diese online durchsuchbar sein. Kopien aus dem Bestand können wie bisher über die Forschungsbibliothek (jan.lipinsky@herder-institut.de) bestellt werden.

Jan Lipinsky

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