Gewährsleute aus Reval für das Deutschbaltische Wörterbuch

Im Archivale des Monats Januar 2008 stellten wir die Unterlagen zu einem Deutschbaltischen Wörterbuch vor, die von dem Germanisten Alfred Schönfeldt (Kiel/Berlin) übergeben worden waren (Bestandsgruppe: DSHI 180 Deutschbaltisches Wörterbuch). Diese Materialien stammen aus den 1950-1960er Jahren, als man zum zweiten Mal an einem solchen Wörterbuch arbeitete, da die ursprüngliche Sammlung von Oskar Masing (1874-1947) durch Krieg und Kriegsfolgen in Posen weitgehend verloren gegangen war.

Alfred Schönfeldt hat zum einen die vorhandene Literatur gesichtet und ausgewertet, zum anderen die damals noch große Zahl von Deutschbalten, die Kindheit und Jugend in der Heimat verbracht hatten, in die neue Wörterbucharbeit einbezogen: Zahlreiche Fragebögen wurden versandt und die eingehenden Daten akribisch in Wortlisten und in einer Zettelkartei mit geschätzten 40.000 bis 50.000 Einzelwörtern erfasst und für die wissenschaftliche Nutzung erschlossen. Zum einen wurde das Wortmaterial in alphabetischer Reihenfolge, zum anderen nach Sachgebieten verzettelt (vgl. den Bericht über diese z.T. mühsame Arbeit von Alfred Schönfeldt in: Jahrbuch des baltischen Deutschtums LVI 2009, S. 136-142).

Etwa 100 Gewährsleute aus Reval

Fragebogen aus Reval zum Deutsch-Baltischen Wörterbuch
Fragebogen aus Reval zum Deutsch-Baltischen Wörterbuch, Dokumentesammlung Herder-Institut, Signatur: DSHI 180 DBW_FBI_12

Bei allen Gewährsleuten, die die Fragebögen ausgefüllt und damit wesentlich zum Gelingen der Wörterbucharbeit beigetragen hatten, ist angegeben, aus welchen Orten sie stammten. Zu ihnen gehörten auch Deutschbalten, die noch in Reval aufgewachsen waren. Von insgesamt fast 700 Personen, deren Fragebögen heute in dem Bestand vorhanden sind, stammten etwas mehr als 100 aus Reval. Darunter sind Angehörige alteingesessener Revaler oder zumindest bekannter deutschbaltischer Familien:

Adelheim, von Baranow, Bloßfeldt, von Bremen, von Dombrowski, Eichhorn, Graf, Hahn, von Hippius, von Hoerschelmann, Hoffmann, von Holst, Kentmann, Kretschmann, von Lemm, Lieberg, von Lingen, Loeber, Mathiesen, Mend, Meyer, von Mickwitz, von Mühlendahl, Offenberg, Perneder, Petersen, Plath, Redlich, Rieberg, Rieche, Riesenkampff, von Rosen, Rosenbaum, von Rüdiger, von Samson-Himmelstjerna, Siebert, Siegfried, von Sivers, Suhr, Schiefner, Staal, von Stackelberg, Stael von Holstein, Steding, Ströhm, Stryk, Studemeister, Taube, Thomson, Tikkas, Undritz, Wallgren, Walter, Wechterstein, von Wedel, Weiss, von Weiss, Zeder.

In Kürze werden diese Sammlungen Grundlage für ein gemeinsames deutsch-estnisch-lettisches Editionsprojekt. Die bekannte estnische Germanistin Dr. Reet Bender (Universität Tartu) schreibt zu diesem Vorhaben:

„Dieses Wörterbuch gehört zu den Desiderata der diesbezüglichen linguistisch-kulturgeschichtlichen Forschung sowohl in den baltischen Staaten als auch in Deutschland − als Forschungsgegenstand, als ein zusammenfassendes, kodifiziertes Werk eines hochinteressanten linguistischen und kulturhistorischen Phänomens, das für heutige Forschung von ungeheurer Bedeutung ist. Dieses Wörterbuch stellt ein Glanzstück der Kulturgeschichte des Baltikums und eine Quintessenz der gemeinsamen deutschbaltisch-estnisch-lettischen Kultur in allen ihren Wechselbeziehungen dar und ist damit ein höchst wertvolles historisches Dokument zur geistigen und materiellen Kultur des Baltikums. Anhand der Sprache – des Wörterbuches − werden die gegenseitigen Einflüsse und Berührungspunkte dieses unikalen kulturellen Zusammenlebens − wenn auch im Laufe der Zeit kontrovers betrachtet − nun ersichtlich und als eine gegenseitige Bereicherung eingeschätzt.“

Dorothee M. Goeze und Peter Wörster

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