Māra Grudule: Die Deutschbalten in der Kulturgeschichte Lettlands und der Letten

Ansichtskarte: Riga, Schlossplatz um 1860
Ansichtskarte: Riga, Schlossplatz um 1860

Seit dem Entstehen einer nationalen lettischen Historiografie ab etwa 1880 wird die Rolle der Deutschbalten in der Geschichte Lettlands und dessen historischen Vorläufer (Alt-Livland bis 1561, Livland und Kurland bis 1918) kontrovers diskutiert. Die Diskurse waren dabei stets eine Funktion der jeweiligen politischen Machtverhältnisse: die Stilisierung der Deutschbalten als „Fremdlinge“ diente in den 1920er und 1930er Jahren jungen lettischen Historikern zur Entwicklung einer lettischen Volksgeschichte und Verdrängung deutschbaltischer Kollegen aus dem historischen Feld des Landes. Während der Jahrzehnte der Sowjetherrschaft (1941/44‒1991) mussten die Deutschen für ein Feindbild herhalten, das von Bischof Albert bis zur SS reichte und die Sowjetherrschaft und brüderliche Verbundenheit mit der russischen Nation betonen half. Erst die Wende 1989/91, die erneute Unabhängigkeit, die Aufarbeitung der sowjetischen Geschichte sowie die politische und kulturelle Rückkehr nach Westen ermöglichen ein differenzierteres Bild von der deutschbaltischen Geschichte in Lettland. Im Rahmen einer sich gegenüber der neueren Kulturgeschichte öffnenden Geschichtsschreibung versucht man, diese Geschichte entspannter zu sehen und sie behutsam in die sich langsam modernisierende kulturelle Identität des Landes zu integrieren. Der hier wiedergegebene Text der lettischen Literaturwissenschaftlerin Māra Grudule aus dem Jahr 2013 repräsentiert diese Bemühungen.

Einleitende Bemerkungen von Detlef Henning und Beitrag von Māra Grudule