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Sommerakademie 2004

Perspektiven historischer Mythosforschung

Politische Mythen im 19. und 20. Jahrhundert. Perspektiven historischer Mythosforschung

Sommerakademie des Herder-Institut

29. August bis 8. September 2004


[Programm]

1. Thema und Anliegen

Politische Mythen grĂŒnden in erster Linie auf stereotypen, verfestigten Geschichtsbildern und bedienen sich einer emotional aufgeladenen Begrifflichkeit, die damit eine sinnstiftende QualitĂ€t erhalten soll. Auf diese Weise wird im kollektiven GedĂ€chtnis das hervorgehoben und konserviert, was die jeweilige Gesellschaft bzw. Kultur fĂŒr existenziell notwendig hĂ€lt. Politische Mythen sind damit nicht nur eine ErklĂ€rung und Deutung historischer VorgĂ€nge, sondern auch eine Beglaubigung der grundlegenden Werte, der Ideen und Verhaltensweisen von Gruppen. Sie nehmen damit fĂŒr soziale Gruppen legitimatorische, identitĂ€tsstiftende und integrative Funktionen an. Politische Mythen erleben wĂ€hrend Krisenzeiten und Umbruchs-phasen immer wieder eine Renaissance, was darauf hinweist, dass sie eher zum 'FunktionsgedĂ€chtnis' (A. Assmann) als zum 'SpeichergedĂ€chtnis' gehören. So wurden etwa der Mythos von Polen als Bollwerk der (katholischen) Christenheit gen Osten wĂ€hrend der Teilungszeit Polens und der Mythos um den litauischen GroßfĂŒrsten Vytautas nach der StaatsgrĂŒndung Litauens 1918 virulent. Beiden Mythen ist gemeinsam, dass sie in einer spezifischen Situation Orientierung vermitteln sollten, indem sie an die vormalige Bedeutung und GrĂ¶ĂŸe ihres Staates erinnerten.

Im Wesentlichen lassen sich drei grobe Kategorien politischer Mythen feststellen: Raum-Mythen, (GrĂŒndungs-)Mythen um historische Ereignisse meist im Zusammenhang mit einem Ereignis und Mythen um Personen, die als Bestandteil eines Personenkultes zu behandeln sind. Historische Mythosforschung kann aus diesen grundlegenden Überlegungen heraus dazu beitragen, politisch-soziale Orientierungen zu erklĂ€ren. Sie ist aber insgesamt noch ein Desiderat kulturwissenschaftlicher Forschung, zumal bisher erschienene Studien zu einzelnen politischen Mythen eher deskriptiven Charakter haben, als dass sie ĂŒber deren Funktionsweisen Auskunft geben. Insgesamt wird der Begriff Mythos fast inflationĂ€r und hĂ€ufig unreflektiert verwendet, so dass er von der Historiographie eingeengt und definiert werden muss. Bislang fehlt auch eine Typologie politischer Mythen. Moderne kulturwissenschaftliche AnsĂ€tze (der 'lieux de mĂ©moire' (Pierre Nora), vor allem aber des 'kulturellen GedĂ€chtnisses' (Jan Assmann), der 'invention of tradition' (Eric Hobsbawm) und der 'imagined communities' (Benedict Anderson)) liefern ihr die methodischen Grundlagen, auf denen die Frage nach den Ausdrucksformen und vor allem nach den Funktionen beantwortet werden können. Historische Mythosforschung hat daher nicht nur die grundlegende Aufgabe, einzelne Mythen zu beschreiben und zu erklĂ€ren, sondern auch zu einer Theoriebildung beizutragen, wobei dafĂŒr ein intensiver Austausch ĂŒber verschiedene Mythen notwendig ist.

Dieses Desiderat der aktuellen Mythosforschung möchte die Sommerakademie des Herder-Instituts aufgreifen und einer Gruppe von jĂŒngeren Kulturwissenschaftlern verschiedener Disziplinen, die im Rahmen ihrer laufenden akademischen Qualifikationsschriften selbst an Studien mit Bezug auf politische Mythen und Kulte des 19. und 20. Jahrhunderts arbeiten, Gelegenheit geben, diese Thematik in intensiver gemeinsamer Arbeit methodisch und prak-tisch zu vertiefen. Dabei wird (dem Arbeitsbereich des Herder-Instituts entsprechend) ein besonderes Gewicht auf solchen Mythen/Personenkulten liegen, die direkt oder indirekt mit der Geschichte Ostmitteleuropas im 19. und 20. Jahrhundert verbunden sind. Jedoch sind auch darĂŒber hinausgehende Themen und Projekte aus anderen Disziplinen erwĂŒnscht, um Vergleichsmöglichkeiten zu bieten. Durch das spezifische Prisma der Mythosforschung soll die Sommerakademie somit nicht nur eine grundsĂ€tzliche Auseinandersetzung mit politischen Mythen/Kulten ermöglichen, sondern zugleich einen Beitrag zur Geschichte des ostmitteleuropĂ€ischen Raumes und seiner Verbindungen zum ĂŒbrigen Europa leisten.

Nicht zuletzt ist es ein vorrangiges Ziel der Sommerakademie, in der Arbeit an einem grund-legenden methodisch-praktischen Problem allgemeineuropĂ€ischer Geschichtswissenschaft Teilnehmer und Referenten aus West- und Ost(mittel)europa zusammenzufĂŒhren. Indem auf der Teilnehmerseite Doktoranden angesprochen werden, die an Studien zur Mythosforschung arbeiten, wird die Sommerakademie die Ergebnisse der neuesten einschlĂ€gigen Forschungen einbeziehen und sich dabei insbesondere um Lösungen der mit diesen Arbeiten verbundenen methodologischen Probleme bemĂŒhen.

Die Sommerakademie soll Kursarbeit an theoretischen Texten und Quellen, die PrĂ€sentation der eigenen Projekte durch die Teilnehmer sowie ImpulsvortrĂ€ge von etablierten Kolleginnen und Kollegen umfassen, die in jĂŒngerer Zeit beispielhafte und herausragende Arbeiten zur Mythosforschung oder grundlegende methodologische BeitrĂ€ge vorgelegt haben und mit den Teilnehmern am Beispiel ihres theoretischen Ansatzes bzw. ihres jeweiligen Projektes He-rangehensweisen, Schwierigkeiten und Probleme, Grenzen und Möglichkeiten, Nutzen und Nachteil historischer Mythosforschung diskutieren werden. Auf diese Weise soll durch die ganztĂ€gige Arbeit ein intensiver Austausch der Teilnehmer ermöglicht werden.

2. Leitung

Die Sommerakademie wird gemeinsam von Prof. Dr. Hans-Henning Hahn und Dr. Heidi Hein geleitet. Hans-Henning Hahn ist Ordinarius fĂŒr OsteuropĂ€ische Geschichte an der Carl-von-Ossietzky-UniversitĂ€t Oldenburg. Er arbeitet seit lĂ€ngerer Zeit zum Thema und ist mit seinen Studien um eine Etablierung historischer Stereotypenforschung bemĂŒht. Heidi Hein ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Herder-Institut und Lehrbeauftragte fĂŒr OsteuropĂ€i-sche Geschichte am Historischen Seminar der Heinrich-Heine-UniversitĂ€t DĂŒsseldorf. Einer ihrer Forschungsschwerpunkte betrifft politische Mythen und Kulte; sie hat zu diesem Thema ihre Dissertation 'Der Pilsudski-Kult und seine Bedeutung fĂŒr den polnischen Staat 1926-1939' (Marburg 2002) verfasst; außerdem ist sie an einer interdisziplinĂ€ren Arbeitsgruppe zur Mythosforschung unter Leitung des DĂŒsseldorfer Germanisten Prof. Dr. Peter Tepe betei-ligt.

3. Referenten (Impulsreferate) der Sommerakademie

Janos Bak (Budapest)
Vasil Rassewitsch (Lviv)
Hans-Henning Hahn (Oldenburg)
Heidi Hein (Marburg)
Detlef Hoffmann (Oldenburg)
Peter NiedermĂŒller (Berlin)
Yves Bizeul (Rostock)
Robert Traba (Warschau)

4. Teilnehmer

Es stehen 20 PlĂ€tze fĂŒr Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus dem In- und Ausland zur Ver-fĂŒgung. Fahrtkosten, Unterbringung in Studentenheimen sowie ein Teil der Verpflegung (Mittages-sen) werden vom Herder-Instituts ĂŒbenommenen. Die Teilnehmer/innen sollen jeweils ein eigenes Projekt zum thematischen Be-reich der Sommerakademie bearbeiten und dieses im Rahmen der Veranstaltung in einem 25-minĂŒtigen Vortrag zur Diskussion stellen. Tagungssprache ist Deutsch. Anmeldeschluss ist der 15. April 2004. Mit der Anmeldung wird neben Angaben zur Person (Lebenslauf, ggf. Publikationen) ein Kurz-ExposĂ© zum bearbeiteten Projekt erbeten. Aus den Anmeldungen wird nach Bewerbungsschluss eine qualitative und thematische Auswahl getroffen, um eine im Rahmen des Themas möglichst vielseitige internationale und interdisziplinĂ€re Veranstaltung zu ermöglichen. Vor Beginn der Sommerakademie wird allen Teilnehmern zur Vorbereitung ein Reader mit den Quellen und Texten zugesandt, die der Kursarbeit zugrundegelegt werden.