Sommerakademie 2003
Person und Geschichte im 20. Jahrhundert - Perspektiven und Möglichkeiten zeithistorischer Biographik
Sommerakademie des Herder-Instituts,
Marburg 18. - 29. August 2003
[Programm]
Thema und Anliegen
Die Biographie als historiographisches Genre ist ebenso beliebt wie umstritten. Kaum ein Bücherherbst, zu dem nicht eine stattliche Zahl neuer Lebensbeschreibungen erscheint, die sich einer regen Nachfrage des Publikums erfreuen, von der Fachhistorie aber in vie-len Fällen mit Skepsis aufgenommen werden. Sozial- und Strukturhistorikern gilt die Biographie noch immer allzuoft als ein überholtes Genre, das in hartnäckiger Theorielo-sigkeit einem obsoleten Historismus und einem methodisch unreflektierten individualisie-renden Geschichtsverständnis huldigt. Solche Einschätzungen entbehren nicht völlig je-der Grundlage. Doch haben eine Reihe herausragender Biographien in jüngerer Zeit ü-berzeugend unter Beweis gestellt, daß moderne struktur-, sozial- und mentalitätsge-schichtlich angelegte Lebensbeschreibungen sehr wohl einen essentiellen und insofern unverzichtbaren Beitrag zum historiographischen Erkenntnisprozeß leisten können. Bio-graphien haben daher auch unter Fachhistorikern wieder an Boden gewonnen, wenn nicht eine regelrechte Renaissance erlebt.
Für die Zeitgeschichte Mittel- und Osteuropas läßt sich beobachten, daß mit den Umbrü-chen der Jahre 1989/90 das handelnde Individuum sowohl im Hinblick auf die System-überwindung als auch die Gestaltung der vorangegangenen sozialistischen Regime wie-der stärker ins Blickfeld des Interesses gerückt ist. Auch in anderen historiographischen Zusammenhängen hat biographische Forschung in jüngerer Zeit einen erkennbaren Auf-schwung erfahren. Einerseits hat die neuere Kultur- und Mentalitätsgeschichte ganz all-gemein die individuelle, insbesondere die alltägliche Lebensgeschichte als lohnendes Untersuchungsfeld neu entdeckt, hat der linguistic turn das Bewußtsein von der narrati-ven und historiographisch-literarischen Formung von Geschichte geschärft und damit auch biographisches Erzählen in neuer Form reflektier- und realisierbar gemacht. Ande-rerseits sind biographische Ansätze in jüngster Zeit insbesondere im Kontext der Debat-ten über die Rolle und Funktion gesellschaftlicher Eliten in den Diktaturen des 20. Jahr-hunderts als weiterführende Forschungsstrategien identifiziert und eingefordert worden. So haben sich beispielsweise in der sehr engagiert geführten Diskussion über die deut-schen Kulturwissenschaften im Nationalsozialismus die aktuellen Forschungsinteressen inzwischen deutlich von einer wenig erkenntnisfördernden moralisierend-anklägerischen Personengeschichte einerseits, einer abstrakten Struktur- und Institutionengeschichte an-dererseits hin zu einer methodisch reflektierten, sozial- und mentalitätsgeschichtlich er-weiterten biographischen Forschung über einzelne Gelehrte und Forscher bzw. besondere Wissenschaftlergruppen verschoben.
An diesen Problem- und Diskussionsstand zeithistorischer Biographik möchte die Som-merakademie des Herder-Instituts anknüpfen und einer Gruppe von jüngeren Historike-rinnen und Historikern, die im Rahmen ihrer laufenden akademischen Qualifikations-schriften selbst an biographischen Studien zu verschiedenen Persönlichkeiten der Ge-schichte des 20. Jahrhunderts arbeiten, Gelegenheit geben, die Thematik in intensiver gemeinsamer Arbeit methodisch und praktisch zu vertiefen. Da sich die überwiegende Zahl der in Frage kommenden in Vorbereitung befindlichen Hochschulschriften auf Poli-tiker- sowie - in etwas größerem Umfang noch - auf Wissenschaftlerbiographien bezieht, sieht die Sommerakademie neben einer zweitägigen einführenden theoretisch-methodologischen Sektion eine dreitägige Sektion "Politikerbiographien" und eine fünf-tägige Sektion "Wissenschaftlerbiographien" vor.
Die Sommerakademie soll Kursarbeit an theoretischen Texten und Quellen, die Präsenta-tion der eigenen Projekte durch die Teilnehmer sowie Vorträge von etablierten Kollegin-nen und Kollegen umfassen, die in jüngerer Zeit beispielhafte und herausragende Biogra-phien oder grundlegende methodologische Beiträge vorgelegt haben und mit den Teil-nehmern am Beispiel ihres theoretischen Ansatzes bzw. ihrer jeweiligen Biographie He-rangehensweisen, Schwierigkeiten und Probleme, Grenzen und Möglichkeiten, Nutzen und Nachteil zeithistorischer Biographik diskutieren werden. In einer abschließenden Podiumsdiskussion soll die Tragfähigkeit des biographischen Ansatzes mit einem beson-deren Blick auf das Probleme "Kulturwissenschaftler in den Diktaturen des 20. Jahrhun-derts" erörtert werden. Um möglichst viel Raum für Austausch und Diskussion unter den Teilnehmern und Referenten zu bieten, sieht die Sommerakademie bei ganztägiger Arbeit eine relativ lockere Folge von Kursarbeit, Projektpräsentationen und Vorträgen vor.
Teilnahmebedingungen und Anmeldung
Es stehen 23 Plätze für Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus dem In- und Ausland zur Verfügung. Fahrtkostenzuschuß, Unterbringung in Studentenheimen sowie ein Teil der Verpflegung (Mittagessen) werden vom Herder-Instituts getragen. Die Teilnehmer/innen sollten jeweils ein eigenes biographisches Projekt zur Geschichte des 20. Jahrhunderts bearbeiten und dieses im Rahmen der Sommerakademie in einem 25-minütigen Vortrag zur Diskussion stellen. Tagungssprache ist Deutsch (und Englisch, soweit einzelne Vor-träge in englischer Sprache gehalten werden). Anmeldeschluß ist der 16. Mai 2003. Mit der Anmeldung wird neben Angaben zur Person (Lebenslauf, ggf. Publikationen) ein Kurz-Exposé zum bearbeiteten Projekt erbeten. Aus den Anmeldungen wird nach Bewer-bungsschluß eine qualitative und thematische Auswahl getroffen, um eine im Rahmen des Themas möglichst vielseitige Veranstaltung zu ermöglichen. Die Bewerber erhalten bis Ende Mai Nachricht, ob Ihre Anmeldung berücksichtigt werden konnte.


