Langhans-Entwürfe zum Theater „Kalte Asche“ in Breslau
Im Bildarchiv werden drei originale Entwurfszeichnungen Langhans' für den Breslauer Theaterbau aufbewahrt, von denen ein Blatt eine bislang in der Forschung nicht bekannte Variante darstellt. Dies hat Dr. Jerzy Kos anläßlich eines Studienaufenthalts als Stipendiat des Herder-Instituts im Rahmen seiner Forschungen zur Schlesischen Architektur im 18. Jahrhundert und zum Architekten Carl Gotthard Langhans festgestellt. Im folgenden erläutert er den wissenschaftlichen Kontext der hier gezeigten Entwürfe.
In der Sammlung Niederschlesisches Bildarchiv (NBA) des Herder-Instituts befindet sich eine bisher unbekannte, wichtige Quelle zur Geschichte der schlesischen Architektur der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts: ein Fragment des im Jahre 1782 von Carl Gotthard Langhans geschaffenen Entwurfs des ersten, architektonisch bedeutenden bürgerlichen Theaters Breslaus und eines der ersten öffentlichen Theater Deutschlands überhaupt. Die drei erhaltenen, signierten und datierten Zeichnungen stellen Varianten der zwei Fassaden und den Querschnitt des Theaters dar. Sie gehören zu zwei verschiedenen Entwurfsvorschlägen, deren Existenz ein Brief von 1782 von Langhans an die Wäsersche Schauspielergesellschaft belegt, und von denen bisher nur einer bildlich belegt und bekannt war.
Vier gedruckte Zeichnungen des gerade eröffneten Comödienhauses wurden im Jahre 1783 in der Berliner "Literatur- und Theaterzeitung" mit ausführlicher Beschreibung des Bauwerks veröffentlicht. Diese auch als lose Druckblätter bekannten, bislang einzigen ikonographischen Quellen zur Geschichte des schon im späten 18. Jahrhunderts geänderten und im 19. Jahrhundert völlig umgebauten Theaters zeigen den Grundriß, zwei Querschnitte und die Fassade.
Das in der Ohlauer Straße/Ecke Taschenstraße im Jahre 1782 errichtete Theater, genannt "Zur Kalten Asche", besaß eine stattliche Größe - 52 m lang und 18 m hoch - und hatte eine architektonische Form, die sofort Zielscheibe schärfster Kritik geworden ist. Als besonders störend empfanden Zeitgenossen die karge Form der Hauptfassade, die eine merkwürdige, sehr rohe, von neun Blendarkaden und rustizierten Wänden zusammengesetzte Komposition bildete. Eben diese Gestalt dokumentieren zwei von den "Marburger" Zeichnungen (Fassade und Schnitt), die fast identisch sind mit dem in der "Literatur- und Theaterzeitung" veröffentlichten Entwurf (siehe J. Kos: Der Weg nach Berlin..., Abb. 41 u. 42).
Dagegen gehört die dritte "Marburger" Zeichnung zu einer bisher unbekannten zweiten, nicht realisierten, gleichwohl hoch interessanten Entwurfsvariante. Die als "Aufriß eines zu erbauenden Theaters" bezeichnete Zeichnung stellt eine viel kürzere (7 statt 11 Achsen) und weniger streng gestaltete Fassade des Comödienhauses dar, deren von vier Säulen flankierte Hauptachse mit einer Büste (Shakespeare?) verziert wurde. Der im Herder-Institut aufbewahrte, bisher unbekannte Entwurf besitzt hohen Wert für die Erforschung der Anfänge von Langhans Interesse für die Theaterarchitektur – einer der wichtigsten Aspekte des späteren Schaffens des Architekten. Die architektonische Idee des Breslauer Theaters fand ihre Kontinuität unter anderem in der Fassadengestaltung des von Langhans errichteten Nationaltheaters in Berlin und in der Form des Theaters in Glogau/Głogów – einer der schönsten Thalia-Tempel Schlesiens –, deren Zierde eine ähnlich angebrachte Gryphius-Büste bildete.
(von Jerzy K. Kos, Breslau)
Literaturauswahl:
Jerzy K. Kos: Der Weg nach Berlin... Carl Gotthard Langhans' Tätigkeit in Schlesien 1760-1808. In: Deutsche Baukunst um 1800. Hrsg. von Reinhard Wegner. Köln-Weimar-Wien 2000, S. 65-92, insbes. S. 82-84 u. Abb. 41, 42.





