Wikinger oder Slawen? Die Interpretation der frühpiastischen Bestattungen mit Waffenbeigabe in der deutschen und polnischen Archäologie seit 1900
Wiebke Rohrer M.A.
Auf das gesamte Gebiet des frühen Reiches der Piastendynastie verteilt finden sich auf Gräberfeldern des 10. und 11. Jhs. einzelne Bestattungen, die durch ihre Beigabensitte, teils auch durch ihren Grabbau hervorstechen. In ihnen befinden sich diverse Militaria wie Schwerter und Lanzenspitzen, manchmal auch Teile von Reitausrüstung wie Sporen oder Steigbügel. Die Grabsitte sowie der Reichtum des Grabinventars machen bei diesen Bestattungen eine gehobene soziale Stellung der Toten sehr wahrscheinlich. Interessanterweise fallen zahlreiche der Waffenbeigaben durch ihren skandinavischen Stil auf, woraus geschlossen wird, dass es sich nicht um lokale Produktionen handelt. An genau diesem Phänomen entzündete sich in der Diskussion der Bestattungen ein Forschungsstreit, der sich durch die gesamte Entdeckungsgeschichte dieser Gräber zieht: Sind diese mutmaßlich skandinavischen Stücke Importwaren, oder lassen sie vielmehr darauf schließen, dass es sich bei den Toten um Skandinavier handelt? Das heißt, fand hier ein Kulturtransfer über wechselseitige (Handels-)Beziehungen statt, oder handelte es sich um einseitige Einflussnahme von seiten der Wikinger mittels Einwanderung und Inbesitznahme? Und falls tatsächlich skandinavischstämmige Personen im – „polnischen“ – Piastenreich bestattet wurden, welcher Art war ihre Stellung in diesem Reich?
In meiner Dissertation wähle ich einen wissenschaftsgeschichtlichen Ansatz und setze mich mit der Interpretationsgeschichte der frühpiastischen Bestattungen mit „skandinavischen“ Waffenbeigaben auseinander. Nicht die Beantwortung der genannten Fragen kann Aufgabe meiner Dissertation sein, sondern vielmehr will ich diese Herangehensweise mittels einer Analyse der Fachliteratur seit 1900 in Frage stellen: Kann das archäologische Quellenmaterial in diesem speziellen Fall und darüber hinaus Kenntnis über ethnische Verhältnisse geben? Sollten diese mutmaßlichen sozialen Eliten ethnisch gedeutet werden? Und in welcher Weise beeinflussen sich die verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen, die sich mit dem Thema beschäftigen – neben der Ur- und Frühgeschichte die Geschichts- und Sprachwissenschaft –, gegenseitig in ihren Hypothesen oder Ergebnissen?
Diese Fragen sind umso pikanter, als die deutsch-polnischen politischen Beziehungen den mehr oder weniger offensichtlichen Hintergrund für die Interpretationsgeschichte der Bestattungen mit Waffenbeigabe bilden. In der ersten Hälfte des 20. Jhs. bevorzugten deutsche Archäologen die Deutung als fremde, skandinavische Elite, die in der Formierung des Piastenreiches eine – wenn nicht die – zentrale Rolle gespielt hätte. Indirekt konnte mit diesen sog. normannistischen Theorien die Existenzberechtigung des modernen polnischen Staates in Frage gestellt werden. Polnische Forscher favorisierten hingegen eine wirtschaftliche Erklärung als reine Handelsgüter für die Anwesenheit „skandinavischer“ Funde auf piastischem Gebiet. Heute ist die Sichtweise der Bestatteten als „Fremde“ besonders in der polnischen Ur- und Frühgeschichtlichen Archäologie weitgehend akzeptiert, während sich nunmehr deutsche Archäologen kritisch äußern – nicht nur in diesem spezifischen Fall, sondern vor allem generell zur Aussagemöglichkeit über die ethnische Zuweisbarkeit archäologischer Fundstücke.
Ziel der Auseinandersetzung mit dem wissenschaftlichen Diskurs über die frühpiastischen Bestattungen mit Waffenbeigabe soll sein, erstens den Erkenntnisgewinn der Ur- und Frühgeschichtlichen Archäologie nachvollziehbar zu machen – wie wird archäologisches Wissen in diesem Fall konstruiert? Zweitens möchte ich die Berechtigung der ethnischen Fragestellung für das Fallbeispiel überprüfen, um drittens meine eigenen Interpretationsvorschläge für die genannten Bestattungen vorzustellen. Als letzter Punkt soll auf das Erkenntnispotenzial wissenschaftsgeschichtlicher Betrachtungen für die Ur- und Frühgeschichtliche Archäologie hingewiesen werden, da derartige Arbeiten m.E. noch nicht den ihnen zustehenden Stellenwert in unserer Wissenschaft einnehmen.


