Osteuropäische Urbanität im Zeitalter der Extreme: Lemberg und Wilna, 1890-1970
Dr. Anna Veronika Wendland
L’viv/Lwów/Lemberg und Vilnius/Wilno/Wilna, zwei Großstädte an der Peripherie ostmitteleuropäischer Imperien und Staaten, waren bis zum Zweiten Weltkrieg multilinguale und multikonfessionelle Stadtgesellschaften. In den mehrheitlich von Polen und Juden sowie signifikanten ukrainischen, armenischen, weißrussischen und litauischen Minderheiten bewohnten Städten wurde Urbanität als spezielle Lebensform und urbane Identität als ein kulturelle Zugehörigkeiten transzendierendes Phänomen im Laufe des 20. Jh.s massiv in Frage gestellt. Das „Zeitalter der Extreme“ (Hobsbawm) machte die Städte zum Schauplatz konkurrierender Integrationsprojekte, die von den Nationalbewegungen der Polen und Ukrainer (Lemberg) bzw. Litauer (Wilna), von Besatzungsmächten im Kriege, von imperialen und nationalstaatlichen Behörden (Österreich-Ungarn, Russländisches Reich bzw. Sowjetunion; Polen der Zwischenkriegszeit) vorangetrieben wurden. Dabei kam es zu Prozessen der gegenseitigen Ergänzung, latenten Konkurrenz sowie Transformation urbaner, nationaler und imperialer Identitäten. Städtische Akteure waren dabei vielfältig in nationale und imperiale Integrationsvorhaben eingebunden. Unter sowjetischer und deutscher Besatzung während des Zweiten Weltkriegs sowie in der unmittelbaren Nachkriegszeit hielt der urbane Zusammenhalt den exogenen Belastungen nicht stand. Die jeweiligen Stadtgesellschaften wurden durch die Gettoisierung und Ermordung der Juden sowie die Deportation der überwiegenden Mehrheit der polnischen Städter ins nach Westen „verschobene“ Polen fast vollständig ausgelöscht. Unter sowjetischer Herrschaft kam es zu einem weitgehenden Bevölkerungsaustausch und zur Neubesiedlung der Innenstädte durch Ukrainer bzw. Litauer aus dem Umland sowie russischsprachige Funktionseliten aus dem Inneren der Sowjetunion.
Gleichzeitig waren beide Städte Objekt neuartiger Integrationsversuche, welche die städtischen Strukturen und die neuen Bewohner ins politische System einbinden sollten. Bei der Schaffung der sowjetisch-„sozialistischen Stadt“ spielten nationale Kriterien gleichwohl weiterhin eine bedeutende Rolle. Gleichzeitig sind aber auch Prozesse der Aneignung und Anverwandlung der alten Stadtlandschaften durch neue Akteure und ein unterschwelliges Weiterwirken bzw. eine Neurezeption städtischer Traditionen und Identitäten aus der Vorkriegszeit zu beobachten, die schließlich zur Genese neuer Urbanitätsformen ab den 1960er Jahren beitrugen.
Das Forschungsvorhaben untersucht erstmals in komparativer Absicht und über gängige Periodisierungsgrenzen hinweg, wie sich bestimmte Formen städtischen Lebens und Konzeptionen von Urbanität unter extrem variierenden Bedingungen herausbildeten, bewährten oder auch scheiterten. Quellengrundlage sind sowohl Archivmaterialien (vorwiegend Akten städtischer, regionaler und imperialer Behörden) als auch die städtischen Printmedien, Ego-Dokumente sowie die im 20. Jahrhundert verstärkt aufkommende Stadt- und Reiseliteratur sowie ikonografische und kartografische Materialien. Für die Publikation ist ein umfangreicher Bild- und Kartenteil geplant.


