Territorialisierungsprojekte und Geopolitik in Nordosteuropa 1890-1939
Geographen, Geophysiker, Geologen, Ethnographen und andere Wissenschaftler spielten und spielen immer wieder eine zentrale Rolle bei der Bildung und Entwicklung von Nationen. In ihren Darstellungen der Anthropo- wie der physischen Geographie beschreiben sie ihren Untersuchungsgegenstand in fest angelegten Grenzen oder bestimmen sogar Grenzen selbst mit der Hilfe von Medien wie Karten, Schulbüchern, Atlanten etc. Gerade im späten 19. und 20. Jahrhundert ist ein besonderer Einfluss des Expertenwissens bei der Begründung und Legitimierung nationaler Ansprüche in Nordosteuropa zu beobachten.
Im Projekt wird auf den baltisch-slawischen Raum eingegangen, der während der russländischen Periode von russländischen Wissenschaftlern als „Nordwestrussland“ (russ. Severo-zapadnyj kraj) bezeichnet wurde. In diesem Kontext sollen die Beziehungen zwischen den als „polnisch“, „litauisch“, „belarussisch“, „russisch“ und „deutsch“ konnotierten geographischen und kartographischen Expertenkulturen und ihren Beziehungen zu den Politikern beschrieben werden. Wichtig ist auch die Berücksichtigung nationaler, sprachlicher und religiöser Identitätsargumente, die geographisch-kartographisch benutzt wurden, da die Großregion ein Grenzgebiet der katholisch-orthodoxen-hebräischen Glaubensrichtungen sowie der baltisch-slawischen-germanischen nationalen Interessen war. Daher ist eine transnationale Perspektive unabdinglich, um die geopolitischen Diskurse nachzeichnen und diese vergleichend interpretieren zu können.


