Ludwik Fleck und die Wissenskultur der Lemberger Moderne
Ludwik Flecks Theorie über die sich durch die Zirkulation und Transfomation von Ideen formierenden Denkstile und Denkkollektive, entstand in der Zwischenkriegszeit in Lemberg, - einem seinerzeit besonderen Ort, der sich durch eine ungwöhnliche Dichte von Wissenschaftlern und Künstlern auszeichnete. Dieser fluktuierende ‚Denkverkehr’, der auf engem Raum quer durch alle Disziplinen und kulturelle Gebiete zwischen hervorragenden Forschern und Kulturschaffenden stattfand, von denen viele seinerzeit zur Weltspitze zählten, brachte Flecks Theorie der kulturellen Bedingtheit von Wissenschaft hervor. Am Lemberger ‚Denkverkehr’ nahmen z. B. teil: der Maler, Logiker und Philosoph Leon Chwistek, der Mathematiker Hugo Steinhaus, der Blutgruppenforscher Ludwik Hirszfeld, der Biologe Rudolf Weigl sowie der Kinderarzt und Photograph Frankciszek Groër. Fleck führte auch kontroverse Diskussionen mit der Philosophin Izydora Dąmbska, dem Psychologen Tadeusz Tomaszewski und dem Psychiater und Wissenschaftshistoriker Tadeusz Bilikiewicz. Zum gleichen Zeitpunkt dominierten die Diskussionen in Lemberg die Philosophen aus der berühmten Lemberg-Warschau-Schule, wie Kazimierz Twardowski, Kazimierz Ajdukiewicz, Alfred Tarski und Władysław Tartakiewicz, aber auch Roman Ingarden war seinerzeit in der Stadt. Die vielseitigen Künstler, Bruno Schulz, Stanisław Ignacy Witkiewicz, Stanisław Lem oder Joseph Roth zählten wie der Physiker Leopold Infeld, der Ethnologe Bronisław Malinowski und der Philosoph Roman Ingarden zum weiteren Umfeld Flecks.
In diesem einzigartigen kulturellen und wissenschaftlichen Milieu von Lemberg entwickelt Fleck seine Theorie über die Entstehung wissenschaftlicher Tatsachen, der zufolge Entdeckungen nicht Resultate einzelner Individuen sind, sondern von Kollektiven in komplexen Austauschprozessen unter bestimmten sozialen und psychologischen Umständen erzeugt werden. Damit stellt er nicht nur das traditionelle Konzept von Autorschaft in Frage, sondern viel mehr: er wendet solche Verfahren in den Naturwissenschafen an, die man bislang nur in der Literatur- und Kunstgeschichte kannte und behandelt die Naturwissenschaften als wesentlich kulturbedingt. In Flecks Worten: „In der Naturwissenschaft gibt es gleichwie in der Kunst und im Leben keine andere Naturtreue als die Kulturtreue.“ Daraus rechtfertigt sich meine Fragestellung: Welche soziale und kulturelle Bedingungen müssen erfüllt werden, damit eine Theorie der kulturellen Bedingtheit von Wissenschaft entsteht? Inwiefern war das kulturelle setting für die Herausbildung der Fleckschen Epistemologie relevant? Kann man aufgrund der engen Verschränkung und der großen Dichte gleichzeitig wirkender herausragender Akteure in Wissenschaft, Kunst und Literatur von einer Lemberger Moderne sprechen?
Die den Lemberger Denkstil begründenden Zirkulationen von Gedanken, Wahrnehmungsweisen, Methoden, Motiven, Stilen sowie die wechselseitigen Transfers zwischen wissenschaftlichen und ästhetischen Konzepten gilt es en detail zu untersuchen.


