Wissen als Konstrukt und Inszenierung: Hygienepopularisierung in der Provinz Posen
Das wissenschaftliche Wissen avancierte in der heutigen Wissensgesellschaft zur Grundlage des Fortschritts und zum Gestaltungsprinzip der gesellschaftlichen, sozialen und technischen Entwicklung sowie der geistigen Emanzipation. Der Weg in die wissenschafts- und wissensbasierende Gesellschaft führte über die Medialisierung der Wissenschaft, die im 19. Jahrhundert einsetzt und zum Begleiter der steigenden Institutionalisierung und Professionalisierung des modernen Wissenschaftssystems wird. Die Wissenschaftspopularisierung, von der die Wissenschaft(en) spätestens in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einer Art Ersatzreligion hervorgehoben wurden, profilierte sich als eine der zentralen Triebfedern für die Herausbildung der Wissensordnung und -kultur, und übernahm weiterbildende Aufgaben.
Das Aufspüren der konstitutiven Rolle der Popularisierung bei der Herausbildung von Wissensräumen und Wissenskulturen im preußisch-deutsch-polnischen hybriden Raum der Provinz Posen in den Jahren 1871-1918 stellt das zentrale Anliegen meines Dissertationsprojekts dar, das im Rahmen der Leibniz Graduate School entsteht. Das Umdeutungs- und Hierarchisierungspotenzial der Wissenschaftspopularisierung sowie die Inszenierung von Wissenschaften sollen anhand der Hygienediskurse dargestellt werden. Die Hygiene profilierte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als eine gesundheitliche, aber auch moralische und soziale Normensetzungsinstanz, deren Beeinflussungs- und Durchsetzungskraft bis in die Bereiche der schulischen Ausbildung, der Bevölkerungspolitik, der Architektur oder sogar der Kriegsführung reichte. Durch die Hygienediskurse wurde versucht, nicht nur ein propositionelles und praxisorientiertes Wissen, sondern vor allem realitätserklärende und weltanschauungsprägende Inhalte zu vermitteln. Die Hygienediskurse der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts können daher als Spiegelung der Debatten um die Modernisierungsbestrebungen und als Forum der Auseinandersetzung um kulturelle und gesellschaftliche Zuschreibungen in den Zeiten der nationalen Divergenzen und des Aushandelns der neuen Deutungsmuster angesehen werden. Entlang dieser Diskurse werden die neu entstehenden bzw. neu transformierenden Wissenskulturen und -räume rekonstruiert und dechiffriert. Der hybride preußisch-deutsch-polnische Wissensraum ist nicht nur als eine spannende transnationale Kulisse von besonderem Interesse, sondern vor allem aufgrund seiner mehrschichtigen kulturellen, konfessionellen und nationalen Struktur sowie aufgrund der starken Politisierung und Instrumentalisierung, denen er unterlag.
Die Erforschung der Wissenschafts- und Hygienepopularisierung und deren Logik – mittels der komparatistischen und diskursanalytischen Methode – erfolgt über unterschiedliche kommunikative Ebenen: Popularisierungswege, Darstellungsformen, vermittelte Inhalte, Akteure, Institutionen, transnationale und überregionale Verbindungen, räumliche Ausdehnung sowie kulturelle und politische Wirkungsmöglichkeiten. Als primäre Quellengattung werden veröffentlichte und unveröffentlichte populärwissenschaftliche Schriften wie z.B. Lehr- und Handbücher, Zeitschriftenartikel oder Fachpublikationen untersucht, die durch archivarische Quellen und Erinnerungsliteratur ergänzt werden. Dabei sind folgende Fragen leitend: Wie wurde das hygienische Fachwissen vermittelt und in andere Wissensbereiche eingebunden? Welche Bilder und gesellschaftlichen Strukturen wurden durch die Hygienepopularisierungsstrategien und -konzepte hervorgerufen, transformiert und etabliert? Über welches Potenzial verfügten diese Konzepte und über welche Netzwerke waren sie aufgespannt bzw. welche Verräumlichungs- und Tradierungsprozesse lagen ihnen zugrunde?
Mit dem Dissertationsprojekt verfolge ich das Ziel, die deutschen Interpretationsparadigmen in Bezug auf die wissenschaftliche Landschaft und Kultur im preußisch-deutsch-polnischen Wissensraum zu überprüfen sowie der Frage nachzugehen, wie tiefgründig und dauerhaft Wissensordnungen und -kulturen durch solche Praktiken geprägt werden, und welche Aspekte der heutigen Wissensgesellschaft auf diese Popularisierungsversuche des 19. Jahrhunderts zurückzuführen sind.


