Textualisierung und Kontextualisierung von „Nation“ und „Staat“. Die kulturellen und wissenschaftlichen Eliten als Wissensimporteure und Wissensexporteure in der Slowakei von 1938 bis 1948.

Stanislava Kolková

 

Der Fokus dieser Arbeit liegt in der Untersuchung der Dynamik der slowakischen Wissenseliten und deren Rolle beim Transfer von politisch-gesellschaftlichen Konzepten in den slowakischen Kontext in einer der kontroversesten Perioden der slowakischen Geschichte – der Autonomie und der „Selbständigkeit“ von 1938 bis 1945 sowie der unmittelbaren Nachkriegszeit, d.h. von der Wiedereingliederung in die Tschechoslowakei im Jahr 1945 bis zum Februarumsturz im Jahr 1948. Vordergründig wird die Frage behandelt, welche Nations- und Staatskonzepte in der Slowakei von 1938 bis 1948 generiert und/oder übernommen wurden und ob und wie diese Konzepte in Kunst, Kultur und Wissenschaft rezipiert, reflektiert, transformiert, repräsentiert und medialisiert wurden. Einen wesentlichen Aspekt bildet die Frage, aus welchen Wissenskulturen diese Konzepte rezipiert wurden. Die Slowakei war ein Interferenzraum verschiedener wissenskultureller Einflüsse, die u.a. durch die geopolitischen Rahmenbedingungen bestimmt waren, d.h. entweder durch die politische Zugehörigkeit zu einem größeren Staatsgebilde (Österreich-Ungarn, Tschechoslowakei) oder der Abhängigkeit von einer Ostmitteleuropa dominierenden politischen Macht (Deutschland 1938-1945, Sowjetunion seit 1945).

Transnationale Kultur- und Wissenschaftsverflechtungen haben auf den Transfer und die Rezeption neuer Ideen Einfluss genommen. Dabei kam den kulturellen und wissenschaftlichen Eliten als Akteuren des Transfers eine wesentliche Rolle zu, die u.a. bei der Herausbildung eines neuen Geschichtsbildes mitwirken sollten und nicht nur für den Wissens- sondern auch für den Ideologietransfer bedeutend waren. Zu fragen ist, aus welchen wissenskulturellen Kontexten diese Eliten stammten, welche Schnittstellen zwischen den Wissenskulturen bestanden und ggf. wie diese aufeinander Einfluss ausgeübt haben. Eliten verfügen in den gesellschaftlichen Systemen über Schlüsselfunktionen und sind für die soziale Stabilität verantwortlich. Laut KARL MANNHEIM haben die intellektuellen und moralischen bzw. kirchlichen Eliten (Funktionseliten) die Aufgabe, „die seelischen Energien zu vergeistigen“. Gemeint ist, dass die Wissenschaft und Kultur eines Landes, die für eine moderne Gesellschaft von essentieller Bedeutung und unverzichtbar sind, entwickelt und entfaltet werden müssen. Die Kunst arbeitet dabei wesentliche Momente gesellschaftlicher Entwicklung mit besonderer Sensibilität heraus und zusammen mit den geisteswissenschaftlichen Fächern wie der Literaturgeschichtsschreibung oder Geschichte sollten sie einen „nationalen Auftrag“ erfüllen. Deshalb ist es gerade in den geisteswissenschaftlichen  Fächern sinnvoll, die Einflüsse und Wahrnehmung „fremder Importe“ zu beobachten. Zudem sind beide Wissenseliten bei der Formulierung neuer Konzepte erforderlich, da dies einen spezifischen und strukturierten Umgang mit Wissen voraussetzt.

Kulturelle und wissenschaftliche Eliten verfügen über massenwirksame Mechanismen – d.h. kulturelle und wissenschaftliche Plattformen (fachspezifische Zeitschriften, Ausstellungen, Kongresse etc.), die der Verbreitung nationaler Geschichtskonzepte dienen bzw. dienen können und die sie für den Transfer nicht nur auf der nationalen bzw. regionalen Ebene, sondern auch für den Transfer kulturell-historischen Wissens in die Slowakei und den Transfer des Wissens über die Slowakei nutzten. Dabei sind innerhalb der Wissenseliten verschiedene Gruppierungen festzustellen, anhand deren sich die Textualisierung und Kontextualisierung der „Nations-“ und „Staatskonzepte“ und damit verbundene Diskurse nachverfolgen lassen.