Kommunistische Geschichts- und Medienpolitik in Polen 1944-1989: Die Holocaust-Darstellung und deren Rezeption

Michael Zok M.A.

 

Der Aufstieg des Fernsehens zum zentralen Massen(informations- bzw. -propaganda-)medium vollzog sich nach dem Zweiten Weltkrieg und prägte das politische und geistige Be-wusstsein breiter Schichten heutiger Gesellschaften mit. Die audiovisuelle Aufarbeitung his-torischer Ereignisse diente als Anknüpfpunkt zu Mythenbildungen und damit zur Festigung der nationalen Identifikation. Der Holocaust ist eines der Ereignisse des 20. Jh.s, dessen Auf-arbeitung in den Medien eine solche identitäts- und mentalitätsstiftende Funktion erfüllte bzw. erfüllt.
Das Ziel des Dissertationsprojekts ist die Untersuchung der Auswirkung der im polnischen Fernsehen zur Holocaust-Thematik ausgestrahlten Sendungen zwischen 1944/52 und 1989 auf das kollektive und politische Bewusstsein der Bevölkerung. Untersucht werden sollen die Entstehung der jeweiligen Sendung (Dokumentar- und Spielfilme) und der damit einherge-hende Versuch der kommunistischen Eliten, ein spezifisches Bild des Holocaust zu generieren und zu präsentieren.
Die Entstehungsphase eines Dokumentar- oder Spielfilmes über die Judenvernichtung ist in der Volksrepublik Polen ein aufwändiger Akt für die Filmschaffenden gewesen, da die Par-tei- und Staatsgremien häufig eingriffen, falls die Vorstellungen der Regisseure und Autoren nicht denen der Parteiführung entsprachen. Konnte ein filmisches Projekt die Hürden nehmen und wurde von dem Fernseh- und Rundfunkkomitee in den Sendeablauf aufgenommen, be-deutete dies jedoch nicht, dass dies auch tatsächlich geschah: Besonders in den 1970er Jahren – trotz der engen personellen Verknüpfung von Fernsehverantwortlichen und Parteielite – wurde die Ausstrahlung von Sendungen durch die Zensur verhindert.
Das mit Zustimmung der kommunistisch dominierten Behörden generierte und im Fernse-hen massenwirksam vermittelte Holocaust-Bild wurde von den verschiedenen Gruppierungen in der polnischen Gesellschaft unterschiedlich aufgenommen, sei es von den Parteigängern, den Oppositionellen in und außerhalb der Partei, von ehemaligen polnischen Lagerinsassen oder aber von der jüdischen Gemeinde in Polen. Ihre unterschiedlichen Rezeptionen der Fern-sehsendungen und deren (von der Parteiführung gewollte oder ungewollte) bewusstseins- und mentalitätsbeeinflussenden Effekte zu untersuchen, ist ein weiterer zentraler Aspekt des Dis-sertationsprojekts.
Bis zuletzt versuchte die kommunistische Führung ihre Kontrolle über das Fernsehen und den darin gesendeten Inhalten aufrechtzuerhalten. Erst in den 1980er Jahren, einhergehend mit der Erosion des kommunistischen Macht- und Informationsmonopols, kam es zu einer (Teil-)Reevalierung der eigenen Geschichte, besonders hinsichtlich des Zweiten Weltkrieges und des Holocaust. Die exponierte Lage des Fernsehens und der (auch) darin vermittelte My-thos der polnisch-jüdischen Beziehungen während des Zweiten Weltkrieges wirkten sich tief greifend auf das gesellschaftliche Bewusstsein der polnischen Nachkriegsgesellschaft aus und sind auch heute noch zu spüren. Das durch die kommunistische Fernsehpolitik vermittelte Holocaust-Bild hat das Bewusstsein von mehreren Generationen polnischer Zuschauer (aber nicht nur dieser) mitbestimmt.