Paramilitärische Verbände in Ostmitteleuropa (1918–1944) – Selbstbild, Gewaltpraxis, Soziale Dynamik am Beispiel des "Eisernen Wolfes" in Litauen
Dr. Vytautas Petronis
Das Ende des Ersten Weltkriegs war der Beginn einer neuen Ära in der Welt und insbesondere in Europa. Alte Regimes und Reiche zerfielen, neue Staaten und politische Systeme wurden geboren. Italien war der erste Staat, der eine neue Art von politischem System einführte – den Faschismus. Benito Mussolinis Erfolg in den frühen 1920er Jahren wurde zum Vorbild für viele radikale Konservative in Europa und der Welt. In Ostmitteleuropa verstanden die neu etablierten demokratischen Systeme ihre Staaten als Verwirklichung nationaler Souveränität, kämpften jedoch durchweg mit Phasen der internen Instabilität. Vor diesem Hintergrund entstanden in den meisten Staaten verschiedene pro-faschistische oder faschistische paramilitärische Verbände. Diese Untersuchung im Rahmen des Projekts „Gewaltgemeinschaften“ fokussiert sich auf das litauische Beispiel des Verbandes des Eisernen Wolfes (Geležinis vilkas).
Nach dem militärischen Staatsstreich, der am 17. Dezember 1926 stattfand, ernannte die Junta ernannte Antanas Smetona zum neuen Präsidenten und Professor Augustinas Voldemaras zum Premierminister. Smetona und Voldemaras waren sich darüber bewusst, dass ihre Regierung viele verschiedene Feinde hatten und die Eliminierung ihrer Macht durch einen neuen Staatsstreich realistisch war. Deshalb machten Smetona und Voldemaras vorbeugende Schritte: im Januar 1927 wurde die geheime Organisation Litauens Nationale Abwehr ‚Eiserner Wolf’ (Lietuvos Tautinė Apsauga ‚Geležinis Vilkas‘) gegründet; seine Hauptabsicht war, die neue Regierung zu schützen. Die Devise der Organisation war "[Für] Ehre der Nation und des Wohlstands des Staates". Der Eisernen Wolf wurde gemäß militärischer Grundsätze organisiert. Die Organisation wuchs schnell, einige Tausend Mitgliedern bis zur Mitte des Jahres 1930 erreichend. Aufgrund von Unstimmigkeiten zwischen Smetona und Voldemaras spaltete sich der Eiserne Wolf jedoch im Herbst 1929. Ein Teil folgte der Führung von Smetona, der andere Teil (die aktivsten und radikalsten) folgte der Führung Voldemaras. Die Anhänger von Voldemaras versuchten mit Gewalt ihn ins politische Leben zurückzubringen, was zu einem kompletten Verbot der Organisation im Mai 1930 führte. Von dieser Zeit an wurden die Anhänger von Voldemaras und der ganze Eiserne Wolf eine Untergrundbewegung und verfolgten weiterhin Verschwörungen, Morde und Staatsstreiche.
Bezüglich der heutigen Forschungssituation gibt es nur wenige Artikeln über den Eisernen Wolf und viele Historiker neigen dazu, den Eisernen Wolf lediglich in einigen Sätzen oder Kapiteln zu beschreiben. Deshalb muss eine weitere Forschung fast völlig auf archivarischem Material beruhen. Die vergleichende Analyse der Gewaltausübung nach außen und der Mitgliederdisziplinierung nach innen soll hier helfen, Gruppenbild und Gruppengefüge der paramilitärischen Verbände zu erschließen. Gefragt wird ferner nach dem Grad der Verfasstheit, der informellen Selbstorganisation oder der Teilintegration in staatliche und militärische Strukturen. Die Gewaltausübung wird schließlich auch im Hinblick auf die Opfer (jüdische Gemeinden, polnische Minderheit) und auf der Grundlage lokaler und kollektivbiografischer Studien analysiert werden.


