„Wie uns die Karte zeigt …“ – Strategien kartensprachlicher Rhetorik Zur Konstruktion (geo-)politischer Raumbilder in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Dirk Hänsgen

„Wie uns die Karte zeigt …“ ist die klassische rhetorische Figur, die in Situationen von Wissenstransfer und Bildung zum Einsatz kommt. Sei es der Lehrer vor der Klasse, der Marketingexperte vor den Kunden, der Auslandskorrespondent vor dem Publikum, der Offizier vor der Truppe oder der außenpolitische Berater vor dem Kabinett; immer weist diese einleitende Verwendung einer Personifikation, der Karte eine vermeintlich argumentative Autorität zu, die sich aus ihrem selbstevidenten Charakter speist.
Wichtigste Erkenntnis der Kritischen Kartographie hinsichtlich dieses selbstevidenten Charakters ist es, dass Karten sich nur vordergründig als einfache visuelle Repräsentationen der Realität darstellen und vielmehr als soziale Konstruktionen gelten können, die sowohl im Gestaltungs- als auch Rezeptionsprozess einer Vielzahl von unbewussten bzw. unreflektierten Einflüssen individueller und kollektiver Art unterliegen. Es ist gerade die intuitive Rezeption der Kartengestaltung durch den Kartenleser, die eine so suggestive Wirkmächtigkeit entfaltet. Die durch den Rezeptionsvorgang vermittelten Raumbilder nehmen in hohem Maße Einfluss darauf, wie Raum gesellschaftlich konzeptualisiert und in der Folge davon auch organisiert wird. Gleichzeitig hat die gesellschaftliche Praxis, Kartenlesen als Kulturtechnik zu entwickeln und mit zunehmender Intensität im Alltag anzuwenden, im Laufe der Geschichte zu einer sich schleichend verfestigenden Wahrnehmungsdressur des Kartenlesers geführt, die im 20. Jahrhundert in einer kartographischen Evidenzkultur gipfelt, bei der diesen visuellen Ausdrucksformen ein unhintergehbarer Wahrheitscharakter zugeschrieben wird. Gerade politische Raumdiskurse finden daher in Karten das ideale Medium, den Kampf um transnationale bzw. gesellschaftliche Deutungshoheiten auszufechten. Eine Kartengattung, bei der dieser Aspekt besonders gut zu untersuchen ist, stellt die (geo-)politische Karte dar, deren Kartendesign gerade durch ihre starke kartensprachliche Prägnanz und Salienz eine besondere Breitenwirkung erzielt.
Der zentrale Aspekt, dem sich diese Qualifikationsarbeit widmet, ist die Frage nach den Funktions- und Wirkprinzipien kartensprachlicher Ausdrucksformen im Hinblick auf ihre Fähigkeit, dadurch Raumbilder oder auch cartographic/geographic imaginaries zu erzeugen. Ziel ist es dabei, die Vielfalt der visuellen Ausdrucksformen die die Kombination der graphischen Variablen (Form, Richtung, Farbe, Helligkeit, Muster und Größe) in Karten erzeugt, typologisch bzw. nach Möglichkeit auch mit einem qualitativen Ansatz zu fassen und auf dieser Basis die Vermittlung von Raumbildern in der historischen Analyse der Kartenbilder zu rekonstruieren und in ihrer Prägekraft zu verstehen.
Die bisher bekannten bzw. angewandten Analyseansätze beschränken sich zumeist darauf, die Karte als materielles Objekt zu betrachten und das darin transportierte Raumbild lediglich aus der Aussage des Kartentitels, einer nicht regelbasierten und methodologisch kontrollierten Einschätzung des optischen Gesamteindruckes sowie der Heranziehung einiger weniger hervorstechender grafischer Elemente abzuleiten. Kaum beachtet wird die jeweils zeitgenössische Einbettung der Karte in die Prozesse der Kartengestaltung und des Kartenlesens, deren Kenntnis überhaupt erst eine Kontextualisierung der Karte als historische Quelle ermöglichen. Nur dadurch kann ihre Bedeutung und Wirkungsweise für die kollektive gesellschaftliche Generierung von Raumbildern erschlossen werden. Eine Möglichkeit, das Prozesshafte des Kartierens analytisch zu erfassen liegt darin, das Modell der Kartographischen Kommunikation neu zu lesen und mit ihm die einzelnen Analysebereiche herauszuarbeiten, die nötig sind, um eine umfassende und systematische kartenhistorische Erforschung der visuellen Wirkmächtigkeit von Karten aber auch anderen grafischen Darstellungen zu verfolgen. Ein wichtiger Analysebereich wird auf der kartensemiotischen Ebene der Kartensprachen zu finden sein. Eine solche Arbeitsrichtung zu verfolgen wird gerade deshalb erkenntnisreich sein, weil die Kartensprache bzw. deren Auswahl im Prozess der Kartengestaltung, die zentrale Schnittstelle ist, an der die Immaterialität von Wissen bzw. Information zur Materialität des Kartenbildes transformiert wird.