Raumbildung - zur narrativen Entwicklung von Raumbildern in Bildungsmedien des 20. Jahrhunderts. Eine Analyse der Raumbilder zu Ostmitteleuropa in deutschen und polnischen Schulbüchern von 1945 bis in die Gegenwart

Das zentrale Anliegen des Promotionsvorhabens am Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung liegt in der Auseinandersetzung mit der Frage, inwiefern und auf welche Weise sich Raumbilder in Bezug auf den ostmitteleuropäischen Raum unter dem Eindruck gesellschaftlicher und politischer Ereignisse der Nachkriegszeit bis in die Gegenwart verändert haben, beziehungsweise wie diese räumlichen Neukonfigurierungen in den Narrationen von Schulbüchern Niederschlag fanden. Eine komparative Untersuchung ermöglicht die Visualisierung von Bruchlinien und legt für die zuvor festgelegten Zulassungsgebiete spezifische Sprecher- und Sprecherinnenpositionen frei. Dies wiederum erlaubt, Schulbuchnarrationen als Schnittstelle zu anderen gesellschaftlich relevanten Raumdiskursen zu verstehen. Während die politische Relevanz der Bildungsmedien sowohl aus ihrem formulierten Anspruch, Menschen „bilden“ zu wollen, als auch in ihrer faktischen Popularität hervorgeht, bieten sie sich für diese Art der Analyse aufgrund ihrer Eigenschaft als diskursiv-regulierter, reduktiver, narrativer sowie fortlaufender Wissensspeicher an:

Die Verstrickung von Wissen und Macht ist spätestens im Anschluss an die Werke von Michel Foucault (sowie an ihn Anknüpfendes) zu einem Gemeinfeld der Geisteswissenschaften geworden. Vor dem Hintergrund diskurstheoretischer Überlegungen stellen Schulbücher Effekte institutionalisierter Narrative dar, die sowohl mit gesellschaftlichen Diskursen als auch mit staatlich regulierten Strukturen verschränkt sind. Letzterer Aspekt ermöglicht es, die Texte sowohl als subliminale als auch als intentionale weltanschauliche Interventionen (hier: in Raumbilddiskursen) zu begreifen, welchen das Potenzial (oder zumindest der Anspruch) innewohnt, homogene, gesellschaftliche Strukturen durch die massenmediale Kommunikation von Repräsentationsangeboten zu induzieren.
Die zielgruppenorientierte Fokussierung auf die Vermittlung bestimmter mehr oder weniger konkreter Inhalte („didaktische Reduktion“) erlaubt über die Kontrastierung mit anderen gesellschaftlichen Diskursen die Verfolgung editorieller Eingriffe und somit der Modellierung der semantischen Kartierung des Inhalts.
Das narrative Gerüst, welches insbesondere Schulbüchern zugrunde liegt, ermöglicht die methodische Konvergenz von text- und bildbezogenen Methoden bei der Analyse von im Schulbuch entwickelten Raumbildern. Das Potenzial besteht hierbei unter anderem in der Entwicklung eines Analyserahmens, welcher den Textbegriff so weit öffnet, dass bei der Konstruktion von Raumbildern gleichermaßen auf konventionellen Text als auch auf Metatexte, kartographische beziehungsweise ikonische Darstellungen zurückgegriffen werden kann.
Bei der Analyse von Raumbildern in Schulbüchern kann in vielen Fällen die fortlaufende Editierung von Schulbüchern genutzt werden, um modellierende Eingriffe in bestehende Raumbilder sichtbar zu machen. Stärker als bei den ebenfalls in fortlaufenden Auflagen vorliegenden Atlanten unterstützt der narrative Aspekt die Einordnung der Raumbildkonzeptionen und lässt eine tiefer ins Detail gehende Analyse zu.

Die Arbeit soll einerseits eine empirische Leistung erbringen, indem sie für den zuvor definierten Zulassungsbereich eine Genealogie der Raumbilder mit Fokus auf Mittel- und Osteuropa entwirft. Andererseits, und eng damit verbunden, soll die Arbeit jedoch auch der Erforschung von Raumbildern dahingehend Vorschub leisten, dass sie ein methodologisches Instrumentarium erarbeitet, welches die Konstruktionsmechanismen von Raumbildern in ein Kontinuum von Diskurstheorie, Erinnerungs- und Identifikationsforschung sowie der Kritischen Kartographie einbettet. Trotz einer Vielzahl unterschiedlicher Ansätze, die in den vergangenen Jahrzehnten in Anlehnung an das Werk Michel Foucaults ausgearbeitet wurden, stellt die Diskursanalyse ein Verfahren dar, welches in erster Linie auf verbale Textformen angewandt wurde. Obgleich erste Ansätze für die Analyse kartographischen Materials entwickelt wurden, steht die Entwicklung eines eigenen theoretischen Rahmens, der die entsprechenden Ansatzpunkte von linguistic, spatial und iconic turn (ohne den „Wendungen“ irgendeine Geschlossenheit zu unterstellen) miteinander verbindet und auf das Untersuchungsmaterial anwendet, noch aus. Hierin wird neben der Erhebung kartographischen Materials eine der wesentlichen Transferleistung in das Verbundprojekt gesehen.