Atomogrady. Kernkraftwerksstädte zwischen Utopie und Katastrophe in Russland, der Ukraine und Litauen, 1965-2011

Dr. Anna Veronika Wendland

 

"Atomogrady" - "Atomstädte" - hießen und heißen in der Sowjetunion und ihren Nachfolgestaaten die Werksstädte der großen Kernkraftwerkskomplexe, die seit Mitte der 1960er Jahre vor allem in Russland, der Ukraine und auch in Litauen entstanden. Es handelte sich um typische Monostädte, d.h. Städte, die ihre Existenz einem einzigen Industriezweig als „städtebildendem Faktor“ verdanken. Der städtebildende Faktor ist in unserem Fall ein Reaktor, genaugenommen mehrere davon: das Kernkraftwerk und seine technisch-ökonomische Funktion, die Bereitstellung von elektrischer Energie. In der Sowjetunion waren das in der Regel sehr große Anlagen mit mehreren Reaktorblöcken und entsprechend zahlreichen Belegschaften. Für sie – und auch für die Bauarbeiter, welche die Kraftwerke errichteten und erweiterten, mussten eigene Städte gebaut werden, wo es vorher keine Städte gab.

Die Geschichte der Atomstädte ist auch eine Geschichte bedeutender Transformationsprozesse in den von der Agrarwirtschaft geprägten Landschaften der westlichen Sowjetunion. In den Augen der Hauptstadtbürokraten, Ingenieure und Stadtentwickler waren solche Landschaften leer und rückständig; sie vereinten aber mehrere Vorteile, die sie als ideal für den Bau von Kernkraftwerken erscheinen ließen: die scheinbar unbegrenzte Verfügbarkeit von Wasser- und Bodenressourcen, die relative Nähe zu eigenen Verbrauchern, und die strategische Postion mit Blick auf die geplante energiepolitische Integration innerhalb des RGW. Die Kernenergie sollte diesen Landstrichen eine Funktion geben und sie ins 21. Jahrhundert katapultieren.

In gewissem Sinne gelang dies auch: Die Ankunft der nuklearen Raumschiffe der Moderne in Landschaften wie dem ukrainischen Polissja oder dem litauisch-weißrussischen Grenzgebiet veränderte nicht nur das Gesicht von Landschaften (im Falle Tschernobyls und der Region am unteren Prypjat' mit katastrophalen Folgen), sondern transformierte auch die ländliche Sowjetgesellschaft der umliegenden Dörfer. Zu den Atomstandorten strömten aus der gesamten Sowjetunion Bauarbeiter, hochspezialisierte Fachleute vieler Branchen und junge Männer und Frauen, erfolgshungrige Aufsteiger/-innen, die oft selbst noch vom Dorf stammten. Sie trafen auf Einheimische aus der Umgegend, die auch etwas vom Kuchen abhaben wollten, oder auf Alteingesessene, denen die Fremden suspekt waren, und denen das Atomkraftwerk als Störung vorgegebener Ordnungen erschien. All diese unterschiedlichen Menschen sind die Helden der Monografie.
Das Buch ist an einer Schnittstelle von Stadt-, Umwelt-, Technik- und Industriegeschichte angesiedelt. Die Kerntechnik, die mit ihr verbundenen Risiken und Mythologien drückten Biografien und sozialen Identitäten der mit ihr Arbeitenden ihren Stempel auf. Alltag, Arbeit und Lebenswelten mehrerer Generationen der Jahrgänge zwischen ca. 1930 und 1990 – häufig ganzer Familien, die im selben Betrieb arbeite(te)n - stehen im Zentrum der Darstellung. Thematisiert wird aber auch das sowjetische und postsowjetische Atomzeitalter als ideologisches und kulturelles Phänomen, das bestimmte Sichtweisen auf Umwelt, Technik, Stadt und die Rolle des Menschen darin hervorbrachte; auch produzierte es im Schatten der Bombe neue Bilderwelten des „friedlichen“ Atoms. Der "Atomograd" war die letzte urbane Utopie der Sowjetunion, ein Projekt, das alles einlösen sollte, was der "Socgorod" einst versprochen hatte: sozialistischer Städtebau mit Licht und Luft und viel Raum für neue Formen von Gemeinschaft; Versöhnung von Arbeit und Freizeit, Stadt und Land; Naturnähe gepaart mit Hochtechnologie, Energie im Überfluss, saubere Industriearbeit.

Es geht in dem Buch also um die Schaffung neuer urbaner Umgebungen und Mythologien ebenso wie um Katastrophen- und Umbruchserfahrungen der Atomstadt-Bewohner in der zweiten Hälfte des 20. und an der Schwelle des 21. Jahrhunderts. Diese Umbrüche waren technogener und politischer Natur: Der Beobachtungszeitraum der Monografie schlägt einen Bogen von der euphorischen Gründungsphase der Atomstädte und ihren planwirtschaftlichen Alltagsrealitäten zu den großen Zäsuren des Reaktorunfalls von Tschernobyl 1986 und des Zerfalls der Sowjetunion, der auch die Desintegration eines imperialen Prestige-Industriesektors, nämlich der zivilen Kerntechnik und der sowjetischen Kernenergiewirtschaft zur Folge hatte. Erfasst wird aber auch noch das beginnende 21. Jahrhundert, das im Zeichen scheinbar widersprüchlicher Prozesse steht: hier die Nationalisierung der Energieversorgungssysteme in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion, dort die Globalisierung der Energiefrage und der Energiemärkte. Das heutige Selbstverständnis der Atomstädte wird stark geprägt von der sogenannten „Renaissance“ der osteuropäischen Kernenergie. Tschernobyl und Fukushima zum Trotz gilt das urban-energetische Projekt Atomograd weiterhin als Zukunftsprojekt, jedoch nun nicht mehr als soziale Utopie, sondern als nationalökonomischer Asset im Zeitalter des Klimawandels und der deregulierten Strommärkte.

Quellengrundlage der Monografie sind neben klassischen Archivmaterialien aus den beteiligten Behörden vor allem visuelle Quellen (Werksfotografie, Privatfotografie, Plakatkunst, bildende Kunst, Film), kerntechnische und urbanistische Fachliteratur, "graue" bzw. im Internet publizierte Literatur (Broschüren, Werkszeitschriften, Selbstdarstellungen und Pressemitteilungen der Kraftwerksbetreiber), Lokalpresse, strukturierte biografische Interviews und publizierte oder in Privatarchiven aufbewahrte Ego-Dokumente.