Themenmodul: Ungarn in der Zwischenkriegszeit (1918-1939)

Bearbeiter: Zsolt Vitári (Pécs/Fünfkirchen)

Das Ende des Ersten Weltkrieges ist eine der wichtigsten Zäsuren der ungarischen Geschichte, die sich nur mit Ereignissen vergleichen lässt wie die erste Niederlage gegen das Osmanische Reich und darauffolgende Dreiteilung des Landes für über 150 Jahre 1526 oder 1848, als der erste Versuch, einen ungarischen Nationalstaat zuetablieren, fehlschlug. Durch die zeitliche Nähe und die immer wieder gestärkte Erinnerung macht stelltdie Zeit 1918-1920 in erster Linie wegen des Verlustes von zwei Dritteln des historischen Ungarn ein bis heute unauslöschliches Trauma dar. Das Ende des hier behandelten Zeitraums wird durch den Beginn des Zweiten Weltkriegs markiert.

Obwohl diese Zeit eine turbulente Periode der ungarischen wie der europäischen Geschichte war, wurden damals Maßnahmen ergriffen, die das Schicksal Ungarns für lange Zeit, zum Teil bis heute, determinieren. Ungarn gewann nach fast 400 Jahren die langersehnte Eigenstaatlichkeit zurück, die nun auf einem Bruchteil des früheren Territoriums errichtet werden musste. Zwar brachten es die Umstände mit sich, dass durch die Gebietsabtretungen das Land ethnisch viel homogener wirkte und so die Errichtung des ungarischen Nationalstaates gegen den viel schwächeren Willen der übrigens nach wie vor marginalisierten Minderheiten geschah, doch wurde das neue Ungarn auch nach der Übergangszeit der Republik und Räterepublik ein ziemlich irreguläres Geschöpf. Es war ein Königtum ohne König mit einem „Reichsverweser“ an der Spitze, dessen politisches System nach den vor seinem Amtsantritt etablierten demokratischen Anfängen ein immer mehr autoritäres Gepräge hatte. Es gab kein modernes Wahlrecht, bestimmte politische Kräfte wurden niedergedrückt und die Macht hatte noch immer die gleiche Elite innewie vor 1918. Man sprach von einem Land der drei Millionen Bettler (bei einer Bevölkerung von 7,5 Millionen), in dem Fremdethnische trotz der zahlenmäßigen Schwäche als die Schuldigen für den Friedensvertrag von Trianon noch weniger Platz hatten als früher.

Während des Ersten Weltkriegs wurden jene Stimmen lauter, insbesondere seitens der ethnischen Minderheiten Ungarns, die infolge der immer mehr auf die Assimilation bedachte Minderheitenpolitik jetzt bereits zum Schluss kamen, dass die föderative Umstrukturierung Österreichs-Ungarns für sie keine akzeptable Lösung mehr war, sondern die einzig in der staatlichen Selbständigkeit die Zukunft sahen. Diese Bestrebungen wurden teils von den Großmächten unterstützt, die in erster Linie eigene Machtambitionen mit dem möglichen Zerfall der österreichisch-ungarischen Monarchie verbanden. Dieser „Gärungsprozess“ ging mit Entwicklungen bei vielen Völkern der Monarchie einher, die für ihre Selbständigkeiteintratenund die Trennung von der k.u.k.-Monarchie, aber insbesondere von Ungarn, deklarierten (Quellen 2-3). Obwohl sich Ungarn zu weitgehenden Zugeständnissen für die nichtungarischen Völker bereit erklärte (Quelle 1), blieb die Absicht, die territoriale Integrität des Landes zubewahren nur eine vage Hoffnung, die mit dem Friedensvertrag von Trianon (Quelle 5-7) endgültig platzte, aber sodann eine neue Hoffnung entfesselte, die der Revision, die in der ganzen Zwischenkriegszeit die Schlüsselrolle der ungarischen Außenpolitik spielte.

Parallel zum Zerfall Österreich-Ungarns begann zum Ende des Krieges auch in der ungarischen Reichshälfte eine neue Epoche. Nach der sog. Asternrevolution am 31. Oktober 1918 übernahm in Budapest der Ungarische Nationalrat die Macht (Quelle 1), die Volksrepublik wurde ausgerufen, womit die Chance zu einer demokratischen Umstrukturierung (Quellen 8-10) entstand, die jedoch sehr bald verging, als immer klarer wurde, dass diese Entwicklung stets von der Gefahr der Zerstückelung Ungarns begleitet wurde. Die Ratlosigkeit und Ohnmacht der neuen Macht unter Mihály Károlyi haben auch dazu beigetragen, dass die Macht in die Hände der Kommunisten geriet, die im März 1919 mit Béla Kun an der Spitze die Ungarische Räterepublik ins Leben riefen (Quelle 11). Während die Räterepublik die zur Einrichtung eines sozialistischen Ungarn notwendigen Maßnahmen einleitete, ergriff sie auch den einzigen machtvollen Versuch, die fremdbesetzten Gebiete zurückzuerobern. Dies scheiterte jedoch und die Räterepublik wurde durch den Einmarsch rumänischer Truppen in Budapest nach drei Monaten beendet. Gleichzeitig sammelten sich auch in Ungarn antibolschewistische Kräfte in mehreren Zentren, die letztendlich mit Wohlwollen der Entente-Mächte die Macht übernahmen. Im November 1919 zog Miklós Horthy, Admiral der k.u.k-Marine, der spätere Reichsverweser, in Budapest ein und es begann die Etablierung eines neuen Regimes, das nicht nur die Räterepublik, sondern auch die revolutionär-republikanische Zeit auslöschen und die Rechtskontinuität zur Monarchie herstellen wollte.

Die Staatsform wurde ein Königreich, allerdings ohne König, und die zwei Rückkehrversuche König Karls IV. scheiterten (Quelle 16). Es entstand ein autoritäres Regime (Horthy-Regime) (Quellen 12-15), das mit der Zeit, vor allem in den 1930er Jahren, immer autoritäreres Gepräge bekam (Quellen 19-22). Das Wahlrecht wurde drastisch eingeschränkt, auf dem Lande wurde auch das Geheimwahlrecht abgeschafft (Quelle 17). Immerhin richtete sich das neue Ungarn auf dem gegebenen Gebiet staatlich ein und das neue System gewann immer mehr an Stabilität. Die 1920er Jahre bilden die Phase der Konsolidierung, die untrennbar mit dem Namen von Graf István Bethlen und dessen Ministerpräsidentschaft verbunden ist. Das war die Zeit, in der sich das neue System auch in der Praxis einspielte. Die führende Rolle der sich ab und zu umbenennenden Regierungspartei wurde mit unterschiedlichen Maßnahmen untermauert, der Gefährdung des Systems beugte das Regime mit drakonischen Strafen vor (Quelle 36). Die Parteienlandschaft war recht breit, reichte von rechtsextremen Kräften bis zur Linken (Quellen 23-32), Linksextremismus war ein Delikt. In den 1930er Jahren gewannen die rechtsextremen Kräfte immer an Boden, wahrscheinlich konntensie nur wegen des eingeschränkten Wahlrechts kein bedeutenderes Wahlergebnis erreichen. Immer wiederspiegelte diese Entwicklung auch die allmähliche Rechtsverschiebung der Regierungspartei ab 1932, wodurch man zugleich den Rechtsextremismus als Machtfaktor zurückzudrängen hoffte.

Die ungarische Innenpolitik war charakterisiert durch eingeschränkte Pressefreiheit, jedoch mit Oppositionszeitungen, die frühe Einschränkung der Juden (Quellen 34, 39), wenige und schwache Sozialmaßnahmen (Quelle 35) etc. Das neue Ungarn setzte alles daran, eine neue Lebenskraft im verkleinerten Ungarn für die Bevölkerung zu schaffen. Grundelement waren eine Erziehung zum System, das ständige Wachhalten des Gedanken der Revision, die neben der historischen Integrität des Landes mit der Idee der ungarischen „Kulturhoheit“ (Quelle 44) gesichert wurde. Auch deswegen bedeuteten die Entwicklung des Schulsystems (Quellen 37, 38, 40) und die Errichtung ungarischer Kulturinstitute in einigen Ländern (Quelle 46) eine erstrangige Aufgabe. In dieser Konzeption hatten auch die einheimischen Minderheiten keinen Platz (siehe das Modul „Deutsche in Ungarn“). In den 30er Jahren radikalisierte sich die Lage und es wurden – zum Teil auf den Druck des Deutschen Reiches hin, aber auch infolge des Rechtsbewegung der ungarischen politischen Praxis – weitere, jetzt schon auf der Grundlage des rassistischen Antisemitismus fußende Gesezte (Quellen 41, 42), verabschiedet.

Die außenpolitische Orientierung wurde durch zweierlei Grundabsichten bestimmt (Quelle 47): Ungarn aus der Isolation herauszulösen und das Land mit der Hilfe von Partnerländern und der Auflösung der sog. Kleinen Entente der Revision näher zu bringen. Jene war nach einigen Jahren –mit der Aufnahme Ungarns in den Völkerbund – erreicht, dieseentwickelte sich wesentlich langsamer und brachte zuerst eine Freundschaft mit Italien (Quelle 45, 48), mit dem Ungarn auch die Ablehnung der Frage des Anschlusses eine Gemeinsamkeit hatte. Dann aber zog die wirtschaftliche Not und die erwartete Positionsverbesserung für die Verwirklichung der Revisionsziele Ungarn immer mehr unter das Joch des Deutschen Reiches (Quellen 49-53).

Neben der seelischen Notlage infolge der Zerstückelung des Landes stellte die neue Situation Ungarn in erster Linie wirtschaftlich vor eine fast unlösbare Aufgabe. Obwohl sich die Besitzverhältnisse in der Wirtschaft nur wenig änderten und es trotz erneuter Versuche auch zu keiner nennenswerten Bodenreform kam, wurde die Wirtschaftsstruktur des Landes infolge des Friedensschlusses zerrüttet, zudem war auch die Rückführung der Kriegswirtschaft in eine Friedenswirtschaft zu bewältigen. Durch die neue Grenzziehung endete die Großraumwirtschaft der Monarchie und auch das innerungarische Wirtschaftsregime wurde zerstört. Dem neuen Ungarn verblieben die größten landwirtschaftlichen Bodenflächen und die landwirtschaftliche Produkte verarbeitende Industrie, so wurde Ungarn noch mehr ein Agrarland als früher. Der Industrie erging es viel schlechter, da abgesehen von Budapest nicht nur die großen Industriezentren verloren gingen, sondern auch die Rohstoffquellen. Auch die Infrastruktur des Transportwesens erlitt einen großen Schock, da das–auf Budapest ausgerichtete – spinnnetzartig ausgebaute Eisenbahnnetz zuerst kaum nutzbar war. Diese Situation verursachte eine soziale Notlage, da die Bevölkerung weder mit Lebensmitteln noch mit Energie versorgt werden konnte. Drastische Steuererhöhungen und die wirtschaftliche Notsituation brachtendas Land trotz sozialpolitischer Maßnahmen (Arbeitszeitregelungen, Versicherungswesen etc.) dem sozialen Desaster immer näher. Allerdings gelang es mit Hilfe einer Völkerbundanleihe, die Staatsfinanzen zu stabilisieren und unter Bethlen gelang auch eine wirtschaftliche Konsolidierung, die allerdings wegen der Autarkiebestrebungen in Mitteleuropa und des schlechten Verhältnisses zu den Nachbarländern sehr verletzlich war und Ungarn so ständig mit Absatzproblemen kämpfte. So war es kein Wunder, dass die Weltwirtschaftskrise das Land sehr stark traf und sich die Neuorganisierung der Wirtschaft nach der Krise immer mehr im Rahmen der Intensivierung der Beziehungen zu Deutschland vollzog.