Zur Geschichte der Forschungsbibliothek
Seit ihrer Gründung hat sich die Forschungsbibliothek des Herder-Instituts durch einen kontinuierlichen und systematischen Bestandsaufbau, eine benutzerorientierte Erschließung und eine konsequente Einführung und Nutzung moderner informationstechnologischer Infrastruktur aus einer kleinen, als Arbeitsinstrument der Institutsmitarbeiter angelegten Sammlung zu einer leistungsfähigen und überregional bedeutenden Spezialbibliothek entwickelt.
Die Phase des Bibliotheksaufbaus war durch rege Kauf- und Tauschaktivitäten gekennzeichnet. Außer durch den laufenden und antiquarischen Erwerb von Einzeltiteln konnte der erste Bibliotheksleiter Herbert Rister (1951-52) die entstehende Sammlung auch durch kleinere und größere geschlossene Bestände erweitern, wie etwa 1952 im Fall der Archivbibliothek der ehemaligen Königsberger Buchhandlung Graefe und Unzer. Unter den mit diesem Bestand erworbenen ca. 3.000 Bänden befand sich eine nicht geringe Anzahl an älteren Titeln, vornehmlich aus dem 19. Jahrhundert mit überwiegend ostpreußischer Thematik. Den Grundstock des Bibliotheksbestands hatte zuvor ein Bestand von rund 800 Bänden und 480 Broschüren gebildet, den der damalige Institutsdirektor Erich Keyser (1951-59) der Bibliothek zur Verfügung gestellt hatte. Dabei handelte es sich vor allem um ältere Werke zur ostdeutschen politischen und Kulturgeschichte. Im Gegensatz zu den beiden vorgenannten Komplexen wurden einige andere der Bibliothek als Geschenk oder Dauerleihgabe überlassene Sammlungen unterschiedlicher Größenordnung geschlossen aufgestellt. Hierzu zählt u. a. die 1952 erworbene Boetticher-Sammlung.
Während des ersten Jahrzehnts ihres Bestehens hatte die 1952-59 von Hellmuth Weiss geleitete, rasch expandierende Bibliothek beständig mit dem Problem einer angemessenen Unterbringung zu kämpfen. Mit dem Umzug in den Neubau im Juni 1973 war schließlich eine längerfristige Lösung für den zum damaligen Zeitpunkt bereits auf rund 130.000 Bände angewachsenen Bibliotheksbestand gefunden. Ebenso wichtig war, daß mit dem Neubau zugleich eine Vergrößerung des Leseraumangebots verbunden war und damit die äußeren Voraussetzungen für eine kontinuierlich steigende Besucherzahl geschaffen werden konnten.
In den frühen sechziger Jahren unternahmen der damalige Bibliotheksleiter, der aus Böhmen stammende Slavist und Osteuropahistoriker Heinrich Jilek (1959-69), und der seit 1959 als Institutsdirektor wirkende Hellmut Weiss (1959-65) große Anstrengungen, für die Bibliothek den thematisch einschlägigen, reichhaltigen Buch- und Zeitschriftenbestand der sogenannten Berliner "Publikationsstelle" (PuSte) aus Amerika zu erwerben. Die Publikationsstelle war 1931/32 als Abteilung des Preußischen Staatsarchivs in Berlin-Dahlem eingerichtet worden. Sie hatte die Aufgabe, die im Kontext der antipolnischen Revisionspolitik der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus stark politisch gefärbte seinerzeitige "deutsche Ostforschung" zu fördern. Darüber hinaus sollte sie die ostmitteleuropäische, insbesondere die polnische "Westforschung" überwachen und in einer umfangreichen Übersetzungstätigkeit deren Entwicklung und inhaltliche Ausrichtung dokumentieren. Zu diesem Zweck erhielt sie eine Sonderbücherei, die durch Neuankäufe sowie durch eigene Publikationen und die mit dem Vermerk "Nur für den Dienstgebrauch" hektographierten Übersetzungen ständig erweitert wurde. Von den Beständen der ehemaligen Publikationsstelle, die gegen Ende des Zweiten Weltkrieges über Bautzen nach Coburg verlagert, dort 1947 von den Amerikanern beschlagnahmt und im Sommer 1948 in die Library of Congress nach Washington verbracht worden waren, gelangte schließlich der größere Teil (mindestens 75 %) in die Bibliothek des Herder-Instituts. Der Rest ist in den USA verblieben. Insgesamt konnten damit ca. 11.000 bibliographische Einheiten bzw. über 12.000 Bände in den Magazin- und Präsenzbestand der Bibliothek des Herder-Instituts integriert werden. Im erworbenen Bestand der Publikationsstelle befand sich, wie aus Besitzstempeln ersichtlich war, ein kleinerer Komplex von "Beuteliteratur", vor allem aus ukrainischen Bibliotheken. Dieser Bestand im Umfang von 212 Bänden ist 1994 über die Staatsbibliothek München restituiert worden und in die Ukraine zurückgekehrt.
Die mit dem Erwerb der "PuSte"-Bestände erfolgte erhebliche Bestandsvergrößerung und die damit verbundene Verpflichtung ihrer Erschließung konnten mit dem damals verfügbaren Personal zunächst nicht bewältigt werden. Glücklicherweise gelang es in der Folge, das Bundesministerium für Gesamtdeutsche Fragen als damaligen Zuwendungsgeber von der Notwendigkeit einer personellen Verstärkung zu überzeugen. Dabei erwies sich als besonders hilfreich, daß das forschungspolitische Beratungsgremium des Bundes und der Länder, der Wissenschaftsrat in Köln, die Bibliothek des Herder-Instituts 1964 in seinen Empfehlungen zum Ausbau der wissenschaftlichen Einrichtungen berücksichtigt hatte. Die Empfehlungen des Wissenschaftsrates erwiesen sich für die Bibliothek in doppelter Hinsicht als besonders fruchtbar: Einerseits führten sie innerhalb weniger Jahre zu einer Verdoppelung ihres Personal- und Erwerbungsetats, andererseits rückten sie die Bibliothek des Herder-Instituts in den Blickpunkt forschungsfördernder Einrichtungen. Beides sollte sich langfristig als entscheidend erweisen und den Grundstein für die künftige Förderung der Bibliothek durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) im Rahmen ihres Programms zur Förderung von Spezialbibliotheken als besonders leistungsfähigen und überregional bedeutenden Institutionen der Literaturversorgung legen.
Ein nicht minder wichtiger und ebenfalls in den frühen sechziger Jahren vorbereiteter Schritt in die Öffentlichkeit waren die erfolgreichen Sondierungen hinsichtlich einer Verfilmung des damaligen alphabetischen Bibliothekskatalogs. Die auf Katalogproduktion spezialisierte amerikanische Firma Hall in Boston zeigte sich interessiert und realisierte schließlich in einem zunächst fünfbändigen Katalog im Jahre 1964 dieses Vorhaben. Mit dem später in Nachtragsbänden ergänzten Katalogwerk war die Bibliothek fortan nicht nur in der deutschen, sondern auch in der angelsächsischen wissenschaftlichen Öffentlichkeit präsent.
In konsequenter Fortführung ihrer Öffnung und ihres Ausbaus zu einer überregionalen Spezialbibliothek wurde die Bibliothek 1971 an den auswärtigen Leihverkehr angeschlossen. Seither belieferte sie vor dem Hintergrund größerer Zuwächse regelmäßig den Hessischen Zentralkatalog mit ihren Titelaufnahmen. Der verstärkte Bestandsausbau, der nicht zuletzt dank der zusätzlichen Förderung durch die DFG ermöglicht wurde, ging dabei auch auf die Übernahme einiger größerer Geschenke und Dauerleihgaben zurück. 1973 übernahm die Bibliothek, die von 1972 bis 1999 von dem Slavisten Horst von Chmielewski geleitet wurde, den rund 15.000 Einheiten umfassenden Bestand der ehemaligen Forschungsstelle für Musikgeschichte im Herder-Forschungsrat in Hamburg; 1976 wurde das Fedor-Sommer-Archiv in den Bestand der Bibliothek integriert.
Bereits in den siebziger Jahren setzten im Land Hessen Planungen für eine EDV-gestützte Verbundkatalogisierung ein. Dabei stand die Erstellung eines Hessischen Zeitschriftenverzeichnisses am Anfang. Die Bibliothek hat sich an der Erstellung dieses Verzeichnisses durch Aufnahme ihrer laufenden Zeitschriften seit 1977 beteiligt und wurde auch darin durch die DFG unterstützt. Die Modernisierungsbestrebungen im hessischen Bibliothekswesen, an denen sich die Bibliothek des Herder- Instituts von Anfang an beteiligte, brachten seit Anfang der achtziger Jahre die Übernahme des neuen Regelwerkes für die alphabetische Katalogisierung (RAK-Wissenschaftliche Bibliotheken) mit sich, die im Herder-Institut zum Jahresbeginn 1984 vollzogen wurde. Damit schuf die Bibliothek wichtige Voraussetzungen für ihren Eintritt in den EDV-gestützten HeBIS-Bibliotheksverbund im Jahr 1989.
In den neunziger Jahren wurde die Verbundkatalogisierung auch in Hessen weiterentwickelt. Mit dem im Herbst 1995 vollzogenen Übergang des alten HeBIS-Kat in das neue Bibliotheksverbundsystem HeBIS/PICA enstanden innerhalb des Verbundes einzelne Lokalsysteme, von denen das Marburger von der Universitätsbibliothek und dem Herder-Institut gebildet wird. In enger Zusammenarbeit mit der Universitätsbibliothek Marburg wurde im Rahmen des neuen Systems auch für das Herder-Institut der Online-Zugriff auf die OPAC-Kataloge des Verbundes ermöglicht. Im Rahmen der laufenden Katalogisierung von Neuerwerbungen sowie durch eine verstärkte Retrokonversion konnte der Bestand der im HeBIS/PICA-Verbund online recherchierbaren Monographientiteln der Bibliothek kontinuierlich erhöht werden. Seit Januar 1999 nimmt die Bibliothek des Herder-Institutes auch am HeBIS/PICA-Online-Fernleihsystem als gebende Bibliothek teil.
Seit der Migration der Bibliothek nach HeBIS/PICA werden die Zeitungs- und Zeitschriftenbestände des Instituts online in die Berliner Zeitschriftendatenbank (ZDB) [Gastzugang], einer der weltweit größten einschlägigen Datenbanken, katalogisiert und sind somit dort elektronisch nachgewiesen.


