Die Minderheit der Deutschbalten bildete die dominierende soziale, wirtschaftliche, kulturelle und politische Elite in den westlichen, den Großteil der heutigen Staaten Estland und Lettland umfassenden Provinzen des Russländischen Reichs. Erstmals wird hier umfassend ihre Stellung in der Phase des auf die Revolution von 1905 folgenden konstitutionellen Regimes untersucht. Die neuen Umstände zwangen die Deutschbalten, ihr Verhältnis sowohl zu der zaristischen Regierung als auch zu den verschiedenen, in St. Petersburg um Macht und Einfluss ringenden Kräften, den anderen Völkern in den baltischen Provinzen sowie zu der breiteren Gemeinschaft der Deutschen in und außerhalb des Russländischen Reichs zu überdenken. Dieser Prozess war durch zwei grundlegende ideengeschichtliche Entwicklungen geprägt: zum einen durch die verspätete Entstehung einer deutschbaltischen nationalen Bewegung, zum anderen durch die Ausformulierung zweier stark gegenläufiger Strategien zur Anpassung an die neuen Verhältnisse. Während konservative Deutschbalten glaubten, ihren Vorteil in der althergebrachten Stellung als Untertanen des Zaren zu finden, verstanden sich Vertreter der liberalen Richtung als deutsche Bürger in einer russländischen bürgerlichen Gesellschaft.
In dieser Zeit verschoben sich auch die Machtverhältnisse unter den deutschbaltischen Ständen. Zwar blieb der Adel die einflussreichste Kraft, doch nahm die Bedeutung anderer gesellschaftlicher Gruppen, darunter der Mittelstand und eine steigende Zahl von Frauen, zu.
Das Beispiel der Deutschbalten gibt Aufschluss über die Relevanz von sozialer Schichtung, Geschlecht und Ethnizität in einer entstehenden bürgerlichen Gesellschaft. Zugleich werden in der Studie die gesellschaftlichen Konflikte im Spannungsfeld zwischen Bewahrung und Modernisierung beleuchtet, die dem konstitutionellen Experiment im Zarenreich zugrunde lagen.



