Das „Manifest an alle Völker Estlands“ vom Februar 1918

Ausschnitt der Titelseite der Zeitung „Päewaleht“, Reval/Tallinn 25. Febr. 1918, mit dem Manifest, Redaktion Reval/Tallinn (DSHI 140 Balt 487).

Die Dokumentesammlung (DSHI) zeigt das hier abgebildete „Manifest“ aus Anlaß und zu Ehren des 90. Geburtstages der Republik Estland. Am 25. Februar 1918 wurde in der estnischen Zeitung „Päewaleht“ das „Manifest an alle Völker Estlands“ veröffentlicht, das einen Tag zuvor proklamiert wurde und in dem es heißt: „Estland wird in seinen historischen und ethnographischen Grenzen von heute an zu einer unabhängigen demokratischen Republik erklärt.“ Es gilt als das entscheidende Dokument für die Unabhängigkeit Estlands. Die Veröffentlichung erfolgte im „Päewaleht“ mit einer Auflage von ca. 40.000 Exemplaren; eines davon befindet sich in der DSHI.
Die äußere – einfache – Form des „Manifests“ ist Ausdruck der Zeitumstände, in denen das estnische Volk sich seine Unabhängigkeit geben konnte (zur Geschichte dieses Dokuments vgl. Ago Pajur „Die Geburt des estnischen Unabhängigkeitsmanifests 1918“, in: Forschungen zur baltischen Geschichte, Bd. 1/2006, S. 136-163). Dieses „Manifest“ markiert zugleich ein Ende und einen Anfang in der Geschichte der Esten: das Ende einer langen Entwicklung ohne eigenen Staat und den Anfang in der Existenz als staatstragendes Volk.

Nach der Eroberung und Christianisierung ihrer Siedlungsgebiete im 13. Jh. gerieten die estnischen Stämme allmählich in immer stärkere persönliche Unfreiheit, die im 18. Jh. in der Leibeigenschaft der nach Hunderttausenden zählenden bäuerlichen Bevölkerung ihren Höhepunkt erreichte. Durch die Ideen der Aufklärung, vor allem der von Johann Gottfried Herder geprägten Aufklärung, erlebten die Esten und die anderen Völker des Baltikums eine neue Wertschätzung ihrer Sprache und Volksüberlieferung und bald auch die Aufhebung der Leibeigenschaft.
Ein neues Bewußtsein von sich selbst, von der Bedeutung der eigenen Sprache, die Rückgewinnung persönlicher Freiheit, langsamer wirtschaftlicher Aufstieg breiter Schichten förderten die nationale Wiedergeburt und die Ausformung des estnischen Volkes zu einer modernen Nation mit eigener Führungsschicht, die zunehmend auch Teilhabe am politischen Leben beanspruchte. So kam es nicht allein zur Gründung kultureller Vereinigungen, sondern auch zur Bildung estnischer politischer Gruppierungen und Parteien. Allmählich war die politische Bewegung der Esten in der Lage, sich gegen die deutsche Oberschicht (Städte und Adel) zu behaupten und durchzusetzen und so zur Umgestaltung der seit dem Mittelalter überkommenen Ordnung beizutragen. Erste Anzeichen dafür waren schon Ende des 19. Jh. sichtbar – etwa die zwischen 1871 und 1897 rapide angewachsene Bevölkerungsmehrheit der Esten in Reval/Tallinn und die Übernahme der Verwaltung der Stadt durch die estnische Majorität 1904.
Wie oft im östlichen Mitteleuropa wirkte der Erste Weltkrieg auch im Baltikum wie ein Ferment: Komponenten, die sich lange vor 1914 vorbereitet hatten, erfuhren eine solche Dynamik, daß binnen kurzem möglich wurde, was sonst eine längere Entwicklung benötigt hätte. So kam es nach der Februarrevolution 1917 zur Bildung eines neuen russischen Gouvernements „Estland“, das nicht mehr den Grenzen der historischen Territorien folgte, sondern sich am Sprachgebiet der estnischen Mehrheitsnation orientierte. Es gab einen gewählten Landtag und eine eigene Gouvernementsregierung unter estnischer Führung, aber unter Aufsicht der Petrograder Provisorischen Regierung.
Einen weiteren Entwicklungsschub gab es durch die Niederlage Rußlands gegen die Mittelmächte. Vor Abschluß des Friedensvertrags in Brest-Litowsk besetzten reichsdeutsche Truppen im Februar 1918 die bisher noch russischen Gebiete des Baltikums. Zwischen dem Abzug der (sowjet-)russischen und der Ankunft der deutschen Truppen in Reval am 25. Februar nutzten die politischen Repräsentanten der Esten die Chance, ihren eigenen Staat zu proklamieren. Die Zeit war reif zu einem solchen Schritt der nationalen Selbstbestimmung des Mehrheitsvolkes, und der Zeitpunkt der Loslösung aus dem Russischen Staatsverband erschien günstig. Der Anspruch des estnischen Volkes war unzweideutig manifestiert, auch wenn die deutschen Besatzungsbehörden diesen ignorierten und die provisorische estnische Regierung unter Konstantin Päts nicht anerkannten. Diese Politik änderte sich erst im November 1918 mit der Niederlage Deutschlands. Das war die Stunde derer, die im Februar das Manifest veröffentlicht hatten: Die provisorische estnische Regierung unter Päts übernahm die Verwaltung des Landes, doch dauerte es noch bis zum Friedensvertrag von Dorpat/Tartu am 20. Februar 1920, bis Estland in gesicherten und auch von Sowjetrußland anerkannten Grenzen leben konnte. Welche Wege dem Land und seinen Menschen auch beschieden waren, die Idee von der Eigenstaatlichkeit des estnischen Volkes hat sich über alle Gefährdungen des 20. Jh. hinweg als lebendig erwiesen.